Jede Narbe eine Heldin
Franck Ribéry wurde in einem Interview einmal gefragt, ob er seine Narben nicht entfernen lassen wolle. Im Alter von zwei Jahren zog er sich bei einem Autounfall schwere Schnittverletzungen im Gesicht zu. «Nein, diese Narben gehören zu mir», antwortet der ehemalige französische Fussballspieler. «Sie haben meinen Charakter geformt.»
Allein die Tatsache, dass ihm eine solche Frage gestellt wurde, sagt viel über den Umgang unserer Gesellschaft mit Narben oder anderen Hautauffälligkeiten aus.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mit 13 erlitt ich bei einem Unfall unter anderem einen zwei offene Splitterbrüche an den Fersen. Dabei wurden nicht nur die Knochen beschädigt, sondern auch das darüberliegende Hautgewebe. Die Wunden waren zu gross für eine natürliche Heilung, daher war eine Hauttransplantation notwendig. Dafür entnahmen mir die Ärztinnen und Ärzte Haut von einer gesunden Körperregion und transplantierten diese auf die Wunden – das gleiche Verfahren, das bei schweren Verbrennungen angewendet wird.
Die Entscheidung, wo die Haut entnommen werden sollte, lag bei mir: Oberschenkel oder Hinterkopf, sichtbare Narben am Bein oder solche, die ich später unter den Haaren verstecken kann. Ich entschied mich für Letzteres, obwohl ich mich dafür von meinen langen Haaren trennen musste. Ein grosser Teil wurde mir für die Operation abrasiert. Das fühle sich zwar wie ein Verlust meiner Identität an. Doch die Alternative erschien mir schlimmer. Ich hatte ja ohnehin schon genug andere Narben von dem Unfall.
Nach der Transplantation erlebte ich Höllenschmerzen. All meine Sorgen um Äusserlichkeiten verblassten. Eine Zeit lang war ich an den Rollstuhl gebunden. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie sehr ich mich an Oberflächlichkeiten klammerte, obwohl am Ende eigentlich nur zählt, gesund zu sein.
Die Hauttransplantation habe ich lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen. Die Wunden waren stets sorgfältig in einen dicken Verband gehüllt, und beim Verbandswechsel riet man mir, die frisch implantierte Haut vorerst noch nicht anzuschauen. Nach einiger Zeit wagte ich trotzdem einen Blick und stellte fest: Die Narben waren gross, doch irgendwie gar nicht so schlimm.
Zumindest für mich nicht.
Denn obwohl die Narben meist von Schuhen verdeckt sind und eigentlich nur im Sommer auffallen, habe ich im Laufe der Jahre viele ungefragte Kommentare gehört:
«Ui, was ist denn das?»
«Sieht ja richtig schlimm aus.»
«Heftig»
«Kann man da nichts mehr machen?»
Damit bin ich nicht allein. Menschen mit angeborenen Hautmerkmalen, Hautkrankheiten oder Verbrennungen werden oft auf ihre Haut reduziert. Auch Franck Ribéry sagt, er habe als Kind gelitten, sei von Mitschülern gehänselt worden, manchmal sogar von deren Eltern.
Für viele bedeuten Narben und Hautauffälligkeiten nicht nur körperliche, sondern auch soziale Herausforderungen: Häufig führen sie zu Stigmatisierung, ablehnenden Blicken oder unangebrachten Kommentaren. Dieses Hautstigma kann tief ins Selbstbewusstsein greifen, den Alltag erschweren, zu sozialer Isolation und im schlimmsten Fall zu Suizidgedanken führen.
In meiner eigenen Erfahrung haben mir das Pflegepersonal und mein Psychologe vom Kinderspital Zürich sehr geholfen, mich selbst neu zu akzeptieren und gestärkt aus dieser Zeit hervorzugehen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Viele Reaktionen beruhen auf Unwissen oder fehlender Sensibilisierung sowie Schönheitsnormen, die wir hinterfragen müssen. Besonders Kinder und Jugendliche können sehr verletzend sein. Eine Hautstigma-Studie verdeutlicht dies: Fast die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen wird verbal beleidigt, rund ein Viertel wird wegen seiner Hautauffälligkeiten ausgelacht.
Aufklärung statt Ablehnung
Darum braucht es dringend Aufklärung – in Schulen, Ausbildungsstätten, am Arbeitsplatz, überall dort, wo vor allem junge Menschen zusammenkommen. Initiativen wie «In meiner Haut» zeigen, wie wichtig es ist, schon Kinder und Jugendliche für Hautstigma zu sensibilisieren, damit Vorurteile gar nicht erst entstehen.
Das Thema geht uns alle an: Hauterkrankungen und Hautverletzungen sind kein Randphänomen, wie Zahlen zeigen: In der Schweiz leidet rund jede zehnte Person an einer schweren Hautkrankheit. Jährlich ereignen sich fast eine Million Unfälle, rund 40’000 davon führen zu schweren Verletzungen. Die meisten von uns tragen Narben. Narben, die uns schützen, die Leben retteten oder schenkten. Narben, die erzählen, dass wir kämpften.
Das Problem an Narben ist nicht, dass man sie nicht sieht, denn sie sind omnipräsent. Aber Sichtbarkeit reicht nicht aus. Wir müssen darüber reden, dass Narben oder Hautauffälligkeiten kein Makel sind, sondern etwas, das Menschen besonders macht. Erst wenn wir unseren Blick von Äusserlichkeiten lösen, lernen wir die Menschen und ihre Geschichten, Kämpfe und Erfahrungen hinter den Narben kennen. Auf diese Weise entsteht Nähe statt Distanz, Verbindung statt Ablehnung.
Die Überlebenden von Crans-Montana werden eines Tages nicht mehr Patientinnen und Patienten sein, sondern Mitschülerinnen, Arbeitskollegen, Teamkolleginnen. Nach dem, was sie durchgemacht haben, sollten sie nicht auch noch mit Ausgrenzung leben müssen.
Es ist also Zeit, Bewusstsein zu schaffen – bevor neue Narben entstehen oder vorhandene noch grösser werden.
