«Das ist die einzige mögliche Entschuldigung»: Italien-Botschafter über Kritik aus Rom
Die Katastrophe von Crans-Montana wühlt die italienische Öffentlichkeit auf. Sechs junge Menschen aus Italien kamen dabei ums Leben. Die Regierung in Rom übt gegenüber der Schweiz harte Kritik. Mitten in diesem Sturm steht Roberto Balzaretti, der Schweizer Botschafter in Italien. Im Interview mit CH Media gibt der Vater von fünf Kindern auch Einblick in sein persönliches Empfinden nach der Brand-Nacht.
Herr Botschafter, erinnern Sie sich an den Moment, als Sie von der Brandkatastrophe in Crans-Montana erfahren haben?
Roberto Balzaretti: Ja, das war früh am Morgen des 1. Januar, als ich aufwachte und die neusten Nachrichten las.
Haben Sie sofort realisiert, dass dieses Unglück Italien sehr stark betrifft – und folglich auch Sie als Schweizer Botschafter in Rom beschäftigen wird?
Nein. Ich habe in jenem Moment nicht an meinen Beruf gedacht. Ich war sehr schockiert, konnte es kaum fassen. Ich dachte an die Opfer, die betroffenen Familien. Und auch an meine eigenen Kinder, die zwar nicht in Crans-Montana waren, aber man weiss ja nicht immer genau, wo sie Silvester feiern.
Noch am 1. Januar drückte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni allen Opfern ihr Beileid aus. Inzwischen hat sich die Stimmung stark verschlechtert, Meloni macht der Schweiz Vorwürfe bezüglich der Ermittlungen im Wallis. Wie tief ist die Beziehungskrise zwischen Italien und der Schweiz?
Es gibt keine zwischenstaatliche Krise, aber Unmut über gewisse Entscheide der Walliser Untersuchungsbehörden. Als Botschafter in Rom ist es meine Aufgabe, daran zu erinnern, dass in der Schweiz – und das gilt im Übrigen auch in Italien – die Justiz unabhängig von der Politik handeln muss. Man kann Kritik üben, aber man sollte dieses Prinzip nicht vergessen.
Haben Sie Verständnis dafür, dass die Menschen in Italien aufgebracht sind darüber, was in Crans-Montana geschehen ist?
Ich kann verstehen, dass sich die Menschen ärgern. Nicht nur in Italien, auch in der Schweiz. Aber Fehler können passieren. Der Punkt ist, dass die Behörden diese Fehler erkennen und korrigieren. Und dass die Verantwortlichen sanktioniert werden. Ausgehend von diesen Fehlern nun aber eine Diskussion über die Schweiz und ihr Rechtssystem zu führen, ist nicht angebracht.
Wurden Sie von der italienischen Regierung einbestellt, mussten Sie dort Rede und Antwort stehen?
Nein, aber ich stehe zur Verfügung. Ich kann jeden Tag unsere Verfahren erklären, unseren Föderalismus, die Art und Weise, wie wir funktionieren. Aber bisher wurde ich von den italienischen Behörden nicht dazu eingeladen.
Das erstaunt mich: Italien zieht den eigenen Botschafter aus Bern ab, spricht aber nicht mit dem Schweizer Botschafter in Rom?
Die Antwort auf diese Frage hat Aussenminister Antonio Tajani selber gegeben. Er hat in einer Fernsehsendung erklärt, der Schweizer Botschafter in Italien werde nur einbestellt, wenn man ein diplomatisches Problem habe, und das sei nicht der Fall.
Nun hat Ministerpräsidentin Meloni aber am Montag gemeinsame Ermittlungen der Schweiz mit Italien gefordert. Sonst kehre der italienische Botschafter nicht nach Bern zurück. Kann die Schweiz dieser Forderung entsprechen?
Italien, konkret: die Staatsanwaltschaft Rom, hat am 13. Januar ein Rechtshilfeersuchen gestellt. Dieses wurde via Bundesamt für Justiz, die Zentralstelle für internationale Rechtshilfe in der Schweiz, an die Walliser Strafverfolgungsbehörde delegiert. Italien hat dabei auch um ein Treffen auf technischer Ebene gebeten, noch bevor über das Rechtshilfeersuchen entschieden wird. Auf das Rechtshilfeersuchen soll bis Ende Woche eingetreten werden. Aber es ist bereits ein Treffen der Staatsanwaltschaft Rom und der Walliser Staatsanwaltschaft vorgesehen für Mitte Februar. Die Zusammenarbeit der Justizbehörden Italiens und der Schweiz im Fall Crans-Montana läuft bereits.
Giorgia Meloni fordert aber gemeinsame Ermittlungen.
Diesbezüglich besteht ein Protokoll zum Europäischen Rechtshilfeübereinkommen, das sehr oft Anwendung gefunden hat zwischen der Schweiz und Italien, wirklich oft. Allerdings geht es dabei normalerweise eher um die Bekämpfung von organisierter Kriminalität.
Der Forderung von Frau Meloni kann aufgrund der internationalen Verträge entsprochen werden?
Ja, der Entscheid obliegt aber den Justizbehörden. Deswegen kann ich nichts dazu sagen.
Warum ist das Treffen der Untersuchungsbehörden erst Mitte Februar und nicht früher?
Weil die betroffenen Parteien – die Staatsanwaltschaft Wallis und die Staatsanwaltschaft Rom – ein gemeinsames Datum finden mussten. Es ist keine Verzögerung seitens der Schweiz, sondern das erste mögliche Datum für die Staatsanwaltschaft Rom.
In Italien richtet sich die Kritik gegen die Schweiz. Das ist in Frankreich, wo Sie auch schon Botschafter waren, weniger der Fall. Wie erklären Sie sich das?
Die französischen Behörden verfolgen die Vorgänge im Wallis auch sehr eng. Frankreich hat neun Staatsbürger beim Unglück verloren, 23 sind zum Teil schwer verletzt. Das Interesse an einer korrekten Aufarbeitung dieser Katastrophe ist in Frankreich gleich gross wie in Italien.
Aber viel weniger polemisch.
Frankreichs Regierung ist anscheinend diskreter. Alle in Italien, in Frankreich und auch wir Schweizer wollen eine klare Antwort auf die Frage, was geschehen ist in der Silvesternacht und wie das passieren konnte. Und dann wollen wir Gerechtigkeit. Das ist, was uns beschäftigen sollte, nicht die polemischen Töne.
Manche der Opfer stammen aus einflussreichen norditalienischen Familien – beeinflusst das die politischen Reaktionen aus Rom?
Ich glaube nicht. Ich sehe den Grund für die tiefe Betroffenheit vielmehr darin, dass die jungen Menschen ihr Leben an Silvester verloren haben, einem der grössten Feste des Jahres. Und das in einem Land wie der Schweiz, das für Ordnung und Sicherheit steht. Das ist unfassbar in Italien. Deswegen ist die Reaktion auch so stark und so schnell.
Es ist eine Enttäuschung gegenüber der Schweiz?
Ja, das ist wahrscheinlich so.
Das Image der Schweiz in Italien ist beschädigt, wird das länger hängen bleiben?
Crans-Montana war ein Ort, der traditionell von italienischen Gästen besucht wird. Es ist klar, dass das Geschehene Konsequenzen hat für das Image von Crans-Montana in Italien. Aber ehrlich gesagt, steht diese Frage nicht im Zentrum meiner Sorgen. Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Ereignisse komplett aufklären, dass wir die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Wir müssen die Angehörigen der Opfer betreuen, die Familien der vielen Verletzten, die jetzt jahrelang, vielleicht ein ganzes Leben, darunter leiden werden.
Zuletzt wurden in der Schweiz Stimmen laut, die sagen, Italien solle sich nicht beschweren, sondern seine eigenen Probleme lösen. Der Brückeneinsturz von Genua sei bis heute nicht fertig aufgearbeitet. Wie kommt das in Italien an?
Nicht gut, weil es wie eine billige Ausrede tönt. Die jungen Menschen starben in Crans-Montana, in der Schweiz. Das hätte nicht passieren dürfen, aber es ist passiert. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir daraus lernen können, damit so etwas nicht mehr passiert. Es bringt nichts, alte Geschichten aufzuwärmen, um die Tragweite der Tragödie in Crans-Montana zu mindern.
Was braucht es von Schweizer Seite über die Aufarbeitung hinaus: Eine offizielle Entschuldigung der Eidgenossenschaft, grosszügige Entschädigungen?
Was wir Italien, aber auch uns selber schulden, ist die Wahrheit. Dann ist es die Gerechtigkeit für alle Opfer und ihre Familien. Und Unterstützung in jeder Hinsicht: medizinische, finanzielle, psychologische. Das ist die einzige mögliche Entschuldigung. Worte sind wichtig, aber wichtiger sind Taten.
