Wichtiger Milizen-Chef im Sudan-Krieg setzt auf die Schweiz – wir haben ihn getroffen
«Die Gräueltaten dauern an», sagt Mini Arko Minawi im Sitzungszimmer eines unscheinbaren Genfer Bürogebäudes. Links hinter dem Gouverneur der umkämpften sudanesischen Region Darfur hängt die Fahne des Sudans, in dem seit April 2023 ein Bürgerkrieg tobt; rechts die Flagge der Uno, die das Kriegsgeschehen nicht stoppen kann.
Spätestens mit der Eskalation im Nahen Osten ist der Krieg im Sudan komplett aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit geraten. Dabei nimmt die Gewalt laut den Vereinten Nationen weiter zu. Und die humanitäre Situation bleibt katastrophal. Kein Winkel des Landes sei vor Angriffen sicher. Drohnenattacken und Luftschläge prägen zunehmend das Kriegsgeschehen, schreibt die Uno in einem aktuellen Lagebericht.
Nur einen exklusiven Kreis von Medienschaffenden empfängt Minawi im sudanesischen Konsulat, das zwischen SBB-Bahnlinie und Genfersee liegt. Stunden zuvor hatte er eine öffentliche Veranstaltung kurzfristig abgesagt, weil er in Gesprächen bei der Uno festsass. Die Journalisten werden in einem schwarzen Minibus zum Konsulat gebracht, dann geht es mit einem Warenaufzug in die dritte Etage. Bis der Gouverneur Zeit hat, warten sie auf Ledersofas, vor sich Erdnüssli auf dem Holztisch.
Von Anfang an am Schweizer Dialog dabei
Minawi ist eine der Schlüsselfiguren dieses Kriegs. In seinem Herrschaftsgebiet im Westen des Landes haben sich die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) ausgebreitet, die gegen das sudanesische Militär kämpfen. Hier verübten die RSF die Massaker von El Fascher, die Ende Oktober 2025 die Welt aufschreckten. Das Blut war sogar auf Satellitenbildern zu sehen. Eine Uno-Untersuchungskommission sieht «Anzeichen eines Genozids». Auch Minawi spricht von einem Völkermord. Er fordert die internationale Gemeinschaft auf, diesen zu verurteilen und zu verfolgen. Das ist diese Woche seine Mission in Genf.
Der 57-Jährige ist jedoch keine unabhängige Stimme. Er führt die grösste Fraktion der sudanesischen Befreiungsarmee – eine ehemalige Rebellengruppe, die mittlerweile an der Seite der sudanesischen Armee gegen die RSF kämpft. Als USA, Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate letztes Jahr eine Waffenruhe vorschlugen, lehnte Minawi ab. Der Vorschlag spiele dem RSF in die Hände. Gleichzeitig betonen Beobachter: Seine Gruppierung trete im Krieg defensiv auf. Sie verteidige ihre Gebiete, ohne selbst zu expandieren.
Der Weg zu einem Frieden im Sudan führt nicht an Minawi vorbei. Das weiss auch die Schweiz: Seine Gruppierung nimmt seit Beginn des Krieges an einem informellen Dialog teil, den die Schweiz 2023 initiiert hat. Im sogenannten Nyon-Prozess versucht sie, die wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Kräfte des Sudans an einen Tisch zu bringen.
Gespräche werden immer schwieriger
Zunächst wurde nicht kommuniziert, dass es solche Treffen gibt – so vertraulich war der Prozess. Die RSF und die sudanesische Armee sind nicht persönlich vertreten. Dafür zahlreiche Gruppierungen, die eine der beiden Seiten unterstützen, sowie Akteure dazwischen. Insgesamt sind bis zu 20 Gruppierungen beteiligt. Während anfangs vor allem tiefrangige Vertreter anreisten, nehmen inzwischen auch Generalsekretäre teil.
Die Schweiz schlägt jeweils Diskussionspunkte vor. Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, Verständnis zu schaffen und einen politischen Prozess zur Beendigung des Kriegs vorzubereiten. Es handelt sich also nicht um Friedensverhandlungen, sondern quasi um eine Vorstufe davon. Für einen formellen Prozess sind andere Player wie die Afrikanische Union und die Vereinten Nationen federführend.
Ende Oktober fand die fünfte und bislang letzte Runde des Nyon-Prozesses statt. Dass die Gruppierungen trotz der Massaker des RSF in El Fascher in die Schweiz flogen, gilt als positives Zeichen. Gleichzeitig werden die Gespräche zunehmend schwieriger – auch, weil die RSF im vergangenen Sommer eine eigene Regierung ausgerufen hat und eine Spaltung des Landes droht.
Eine Gruppe kündigte laut der Zeitung «Sudan Tribune» kürzlich ihren Rückzug aus dem Prozess an. Dies wegen Spannungen um die Frage, inwieweit islamistische Kräfte eingebunden werden sollen.
Zwischen Freundlichkeit und Härte
Minawis Gruppierung dagegen bereitet sich auf ein mögliches Treffen im Frühsommer vor. «Auch ein Weg von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt», sagt der Darfur-Gouverneur zum Nutzen des Nyon-Prozesses. Dieser sei nur einer von vielen Initiativen. Aber: «Die Schweiz ist ein wichtiges Land. Ich glaube, dass sie zum Frieden beitragen kann. Das entspricht ihrer Geschichte, denn sie war noch nie in einen Krieg verwickelt.»
Nach einer halben Stunde unterbrechen Minawis Gefolgsleute das Gespräch. Ein Fotograf macht eiligst Bilder. «Soll ich Sie oder die Kamera anschauen?», fragt der Gouverneur lachend – nur um Sekunden später einen Journalisten scharf zurechtzuweisen, der noch ein Handyfoto machen will.
Es bleibt der Eindruck eines Mannes, der sich jovial geben, aber ebenso kompromisslos auftreten kann. Freundlichkeit und Härte liegen nah beieinander. Wer mit ihm verhandelt, dürfte beide Seiten zu spüren bekommen. (aargauerzeitung.ch)

