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WEF-Vorurteile: Experte ordnet ein, an welchen was dran ist

Am Montag beginnt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos.
Am Montag beginnt das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos.Bild: Shutterstock

Die 5 grössten WEF-Vorurteile: An welchen ist etwas dran? Experte ordnet ein

Rund um das Weltwirtschaftsforum (WEF) sammeln sich Vorurteile. An welchen etwas dran ist, hat watson mit dem Wirtschaftsexperten Stefan Legge angeschaut.
16.01.2024, 07:09
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1. Vorwurf

«Am WEF versammeln sich Wirtschaftsbosse, die Deals untereinander machen, von denen nur sie selbst profitieren. Gleichzeitig tun sie so, als ob sie sich um das Wohlergehen der Welt sorgen würden.»

Stefan Legge: Es ist ein bisschen etwas dran an diesem Vorwurf: Man trifft sich, um Business zu machen. Aber der Grundgedanke des WEF ist ein anderer. Man sollte zwischen dem, was das WEF sein sollte, und dem, was es in der Realität ist, unterscheiden. Eigentlich ist es eine gute Idee, Politikerinnen und Politiker und Vertreterinnen und Vertreter aus der Wirtschaft und Wissenschaft zusammenzubringen. Denn viele Probleme sind zu gross, als dass nur ein Akteur, also beispielsweise nur die Wirtschaft oder nur die Politik, sie alleine lösen könnte.

Aber es ist klar: Einige Teilnehmende gehen ans WEF mit dem Ziel, ihre Karriere zu fördern, oder ihr eigenes Unternehmen besser zu positionieren. Die Realität ist schlussendlich: Das WEF ist das, was die Leute, die daran teilnehmen, daraus machen. Der Spirit und das Ziel wäre eigentlich ein anderes – aber es sind nun mal Menschen und keine Engel, die am WEF teilnehmen.

Zur Person
Stefan Legge ist Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Universität St.Gallen in der Schweiz, zudem ist er Head of Tax & Trade Policy und Vizedirektor an einem HSG-Institut. Seine Dissertation wurde 2016 mit dem Preis für die beste Dissertation in Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Heute sind Legges Forschungsschwerpunkte internationaler Handel und politische Ökonomie.
Stefan Legge.
Stefan Legge.Bild: zVg

2. Vorwurf

«Das WEF hat zum Ziel, den Zustand der Welt zu verbessern, das steht auf der offiziellen Website. Dennoch befinden wir uns in einer Multikrise, das WEF bringt also überhaupt nichts.»

Stefan Legge: Die Frage ist: Was wäre ohne das WEF passiert, wäre es dann noch schlimmer? Das WEF sorgt dafür, dass viele relevante Akteure aus den verschiedenen Bereichen sich an einem Ort treffen. Wenn man zwei Streithähne an einen Tisch bringt und diese wieder miteinander sprechen, ist das nicht verkehrt. Aber das heisst nicht, dass diese Streithähne ihren Konflikt dann auch lösen können.

Wir leben in einer Welt, in der die Interessen und die ideologischen Ansichten so weit auseinanderdriften, dass der Versuch, die Politikerinnen und Politiker an einen gemeinsamen Ort zu bringen, noch immer lobenswert ist. Leider bringen diese Treffen aber nicht immer den Erfolg, den man sich wünschen würde, weil die eigenen Interessen so unterschiedlich sind.

3. Vorwurf

«Das WEF hat Wolodymyr Selenskyj nur eingeladen, weil es für das eigene Image gut ist. Die Weltelite interessiert sich nicht für eine Lösung des Krieges in der Ukraine, sonst wäre er schon längst beendet.»

Stefan Legge: Die Business-Welt wünscht sich eine Lösung für den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Aber dieser ist extrem schwierig. Es mutet sich wohl niemand an, zu behaupten, eine Lösung zu kennen. Wie soll eine Lösung denn aussehen, mit der beide Kriegsparteien einverstanden sind?

Die Folgefrage wäre: Warum lädt man Selenskyj überhaupt ein, wenn es keine Lösung gibt? Es geht auch darum, das WEF in die Medien zu bringen und grosszumachen. Ich bin mir sicher, man hätte liebend gerne Vladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj an einen Tisch gebracht. Aber die Realität ist, dass Putin nicht kommen wird – dann kann man Selenskyj einladen, oder halt nicht. Wenn man ihn nun einlädt, kann man ein Signal senden, wo man politisch steht, das WEF ist dann doch nicht ganz so neutral, sondern eher auf der Seite der Ukraine.

Abschliessend muss ich sagen: Das Ziel, die Welt zu verbessern, welches sich das WEF gesetzt hat, stösst in diesem Konflikt an harte Grenzen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (Archivbild) versucht, die Korruption bei den Rekrutierungsämtern einzudämmen.
Reist ans WEF: Wolodymyr Selenskyj.Bild: Michael Kappeler/dpa/dpa-bilder

4. Vorwurf

«Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums, spielt sich auf als Kritiker der Globalisierung. Dabei pusht er sie am WEF nach Kräften. Der ‹Davos Man› ist schuld an allem, was auf der Welt schiefläuft.»

Stefan Legge: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen der normalen Bevölkerung und den allermeisten Teilnehmenden. Da ist ein riesiger Graben. Globalisierung heisst: Offene Märkte, internationaler Handel und dass man von einem Land in das andere reist. Der «Davos Man» oder die «Davos People» sind Menschen, die global denken und auch so unterwegs sind. Sie haben einen grossen Nutzen von der Globalisierung.

World Economic Forum founder Klaus Schwab speaks during the 53rd annual meeting of the World Economic Forum, WEF, in Davos, Switzerland, Tuesday, January 17, 2023. The meeting brings together entrepre ...
Klaus Schwab am WEF im Januar 2023.Bild: keystone

Aber: Es profitiert lange nicht jeder von dieser Globalisierung. Deshalb gibt es Kritik am WEF und dieser globalen Elite. Das WEF versucht nun – zu Recht – diese Kritik zu adressieren. Es sagt: «Wir nehmen auch diese Stimmen wahr und wir laden auch Leute ein, die globalisierungskritisch sind, oder politisch links sind und für andere Gruppen sprechen.»

Aber da muss man sich nichts vormachen: Die Vorstellung, dass man verschiedene Leute an einen Tisch bringt und dass das wirklich signalisiert, dass die globale Elite ein Interesse hätte, stärker auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, wenn das zur eigenen Last geht, ist vielleicht etwas gar heroisch. Das WEF ist ein Ort, an dem verschiedene Interessen zusammengebracht werden, auch wenn keine Lösungen gefunden werden. Die Weltelite könnte sich auch privat treffen und niemand einbeziehen.

5. Vorwurf

«Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer reisen mit ihren Privatjets an, um Lösungen für die Klimakrise zu finden – dabei sie sind selbst die grössten Klimasünder.»

Stefan Legge: Dasselbe könnte man auch über Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP 28) sagen. Die Klimakrise wird nicht gelöst durch politische Regulierungen. Die Klimakrise wird – wenn sie denn überhaupt gelöst wird – durch technische Innovation gelöst. Diese Innovationen kommen zustande, wenn der Anreiz dafür da ist und die Voraussetzungen geschaffen werden. Dafür braucht es die Wirtschaft, die Politik und das grosse Finanzkapital, denn die Forschung kostet viel Geld.

Ich glaube, dass man sich zusammensetzt und über wirkliche Lösungen diskutiert – damit meine ich nicht Verzicht und andere Vorschläge, die man politisch nicht durchbringen wird –, ist richtig.

Ich glaube aber nicht, dass man deshalb mit dem Privatjet anreisen muss und dass es so viele Leute braucht. An dieser Kritik ist also wirklich etwas dran: Man reist mit einem Jet an, verschmutzt die Umwelt im extremen Masse, um dann über Klimaschutz zu sprechen. Das ist genauso absurd wie diese Konferenzen von Ökonomen, bei denen man sich in schönen Luxushotels trifft, um über Einkommensungleichheit zu sprechen.

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Trumps WEF-Besuch spaltet Davos
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149 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tanuki
15.01.2024 06:42registriert März 2014
Das WEF ist ein riesiger Networking Anlass für Reiche, die noch etwas reicher werden möchten. Finanziert von uns, damit unsere Politiker sich profilieren können.
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Spellbinder
15.01.2024 06:59registriert September 2017
Immer die alte Lüge:
Die Klimakrise wird nicht gelöst durch politische Regulierungen.

Doch wird sie.
Die Unternehmen bewegen sich nur wenn sie für sich einen Vorteil sehen oder dazu gezwungen werden.
Regulierung sind ein guter weg um das zu bewirken.
So könnte sehr schnell ein Riesen Markt geschaffen werden.
So kann ein teures Nischenprodukt viel schneller günstig werden.

Es bringt nichts nur in Forschung zu investieren die dann keiner in einem Produkt umsetzt, weil es viel Investitionen braucht und das Risiko hoch ist.
Sonst machen die meisten einfach weiter wie bisher.
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Gina3
15.01.2024 07:20registriert September 2023
„aber es sind nun mal Menschen und keine Engel, die am WEF teilnehmen.“
Eben NEIN- es sind keine „normale Menschen „ mit normalen Alltagsproblemen.
Niemand erwartet, dass sie Engel wären.
Aber man würde zumindest erwarten, dass sie die Probleme der normalen Menschen ernst nehmen... denn ihr globaler Markt braucht normale Menschen, die es sich noch leisten können zu kaufen und auszugeben.
Doch weltweit wächst die Kluft zwischen Reich und „normal“. Un nicht nur wächst sie an: Sie explodiert regelrecht!
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