Am Bahnsteig neben dem Zug nach Interlaken stehen sie bereits: die Anzugträger. Ich steige ein und will mich ein bisschen einlesen. Das Swiss Economic Forum, ursprünglich ein überschaubares Treffen der KMUs in Thun, feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. «Make It Happen», lautet das Motto am «Mini-WEF», das in diesem Jahr den KMUs, den «hidden champions» der Schweizer Wirtschaft, gewidmet ist.
Ein Motto scheinen auch die Menschen um mich herum zu haben, die allmählich die letzten Plätze im Zug besetzen. Es geht aber eher in die Richtung «schwarze Kleidung und Bierdose». Man erfährt, dass sich neben den Wirtschafts-Enthusiasten an diesen Tagen auch die Rock- und Metal-Fans in Interlaken treffen – das Greenfield-Festival steht an. Und so fährt der Zug, zur Hälfte gefüllt mit Anzugträgern, zur Hälfte mit Metalheads, in Richtung Berner Oberland.
Dort angekommen, lädt das SEF zunächst zum Medien-Apéro. Man hat die exklusive Möglichkeit, mit der Stanford-Koryphäe Ian Morris zu sprechen, der am nächsten Tag als einer der Haupt-Speaker auftritt. Morris ist Historiker und sieht die ganz grossen Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Man könnte ihm ewig zuhören, so spannend ist es, nur ist es ebenso schwierig, seine Antworten konkret und fassbar wiederzugeben (Morris ist Professor).
Ich frage ihn, wie wir als Menschheit auf die Coronapandemie zurückblicken werden; manchmal erscheint es, als wäre kaum etwas passiert und als hiesse es wieder «business as usual». Morris findet das zwar eine interessante Frage, aber so richtig beantworten tut er auch diese nicht. Übrig bleibt allerdings: Wenige hätten die Pandemie vorhersehen können, er wäre aber einer derjenigen gewesen. Und dabei hätten wir noch Glück gehabt, die nächste Pandemie – die garantiert kommen werde, wahrscheinlich sei es die Vogelgrippe – werde weit tödlicher sein.
Düstere Aussichten. Wieder draussen herrscht dagegen fast heile Welt. Interlaken zeigt sich von seiner schönsten Seite und vor dem Bergpanorama wird bereits eifrig genetworked. Die Männer sind dabei deutlich in Überzahl, auch wenn mir ein netter Herr vom Vermögenszentrum sagt, es erstaune ihn doch, wie viele Frauen es habe.
Es sind vor allem jüngere Frauen, die wohl zur immer weiblicher werdenden Start-up-Szene gehören. Und als Teil eben dieser gilt es, engagiert zu connecten. Die Gen-Z zeigt dabei vor, wie das heute geht: Jungunternehmerin Yaël Meier und ihr Freund sind auch da. Die beiden haben gleich ihr Baby mitgebracht, das sich der Vater stolz vor die Brust geschnallt hat.
Wieder drin und im grossen Saal empfängt Corine Blesi, Geschäftsführerin des SEF, zur offiziellen Eröffnung. Sie spricht über die Schweizer KMU-Landschaft, die man anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des SEF würdigen wolle. Vor 25 Jahren sei die Welt noch eine andere gewesen: «Früher machte man nicht, wie das heute Mode geworden ist, einfach die hohle Hand», meint Blesi. Hinter ihr werden laufend Keywords eingeblendet: «Hilfe durch Selbsthilfe», «Hartnäckigkeit», «Fleiss», «Ausdauer», «Durchsetzungsvermögen» steht da.
Was auch anders gewesen sei: Damals habe es noch keine Bundesräte gegeben, die mit dem Privatjet durch die Lüfte geflogen seien. Es folgen Gelächter und kurz darauf der angesprochene Bundespräsident Berset selbst.
Ausgerechnet am SEF lässt Alain Berset, der kurz danach seine Wiederwahl ankündigt, seine sozialdemokratische Ader aufblitzen. Nicht nur das SEF, sondern auch der Ur-Vater der liberalen Marktwirtschaft feiere 2023 Geburtstag: Adam Smith, Galionsfigur der Liberalen, der gerne als Begründer des Kapitalismus bezeichnet wird, ist vor genau 300 Jahren geboren worden.
Smith habe nicht nur «The Wealth of Nations» geschrieben (wo er die bekannte «unsichtbare Hand» propagiert), sondern auch sein erstes, weniger bekanntes Buch: «The Theory of Moral Sentiments» («Theorie der ethischen Gefühle»). «Dort plädiert er auf Solidarität und Moral», führt Berset aus. Damit sich Märkte fair und frei entfalten können, brauche es eben auch den Staat: «zum Beispiel gegen den Lobbyismus – gerade im Gesundheitswesen –, bei ‹Big Tech› und bei der wachsenden Ungleichheit». Die Bedingung für eine erfolgreiche Wirtschaft sei es, dass es allen gut gehe, sagt Alain Berset, der damit einen Hauch SP-Sozialismus nach Interlaken bringt.
Nachdem man mit Thomas Jordan und Pierre-Olivier Gourinchas vom IWF (Internationaler Währungsfonds) über die Konjunkturaussichten geplaudert hat (und, ehrlich gesagt, nicht viel Neues erfährt), gibt es draussen erneut eine Networking-Pause. Neben CEOs und Verwaltungsräten tummeln sich auch Alt-Bundesräte wie Adolf Ogi oder Ruth Metzler, diverse Politiker, Verbandsleute oder Botschafterinnen, wie diejenige aus der Ukraine.
Wer nicht eingeladen ist, zahlt beachtliche 1980 Franken für beide Konferenztage, diese Tickets waren schon seit Februar ausverkauft. Immerhin sind die gesamte Verpflegung und der hervorragende Kaffee auf dem Gelände gratis.
Beliebte Gesprächspartner sind auch die Nominierten für den SEF Award, der jeweils von einer Jury an das beste Jungunternehmen verliehen wird. Unternehmen wie Koa, das durch die Verwertung der bisher nicht genutzten Teile der Kakaofrucht die Lebensmittelverschwendung verringern will. Oder Daphne Technology, das «Lösungen für die Methanproblematik in schwer zu dekarbonisierenden Industrien» anbietet. Oder auch das Unternehmen Neho, das den Immobilienmarkt revolutionieren will (und mir bekannt vorkommt aus der TV-Werbung, weil der Mann dort eine auffällig komische Stimme hat).
Wer nicht an das Start-up-Forum im anderen Gebäude geht, bewegt sich am Nachmittag wieder in den grossen Saal. Der Schweizer Informatiker Urs Hölzle, der aber nicht mehr richtig wie ein Schweizer tönt, nachdem er als einer der ersten zehn Mitarbeitenden bei Google in Kalifornien eingestellt wurde, spricht darüber, wie er half, Google bereits 2007 klimaneutral zu machen.
Am meisten interessiert aber seine Sicht auf die Künstliche Intelligenz, eines der viel diskutierten Themen in diesem Jahr. KI sei schon lange da und entwickelt sich seit Jahren konstant weiter, sagt der Google-Mann. «Erst jetzt, wo sie auch reden kann und eine Sprache entwickelte, wirkt es, als ob es sehr schnell ging.» Wir müssten uns nun die Frage stellen, wie wir mit einer Maschine umgehen, die sprechen kann. Wo das Ganze einmal hingeht, das kann aber auch der Google-Experte noch nicht sagen.
Auf Hölzle folgt der erfrischendste Speaker des Tages: Schachlegende Garry Kasparow. Der Russe spricht leidenschaftlich über den Willen der Ukrainerinnen und Ukrainer: «Während wir hier sitzen, startet die Ukraine ihre Offensive» sagt er und plädiert für noch mehr Unterstützung.
Hier erfährst du mehr zu Kasparows Auftritt.
Kasparow, der grundsätzlich fast ohne Sicherheitsleute unterwegs sei, wird zum Schluss gefragt, ob er sich eigentlich sicher fühle. Er sagt: «In der Schweiz schon. Es gibt aber Länder, in die ich nicht einreisen würde.» Zum Beispiel? «China, die Türkei, Ungarn. Ich würde nicht nach Budapest gehen.» Es geht ein Raunen durchs Publikum – schliesslich ist die nächste Speakerin Ungarns Staatspräsidentin.
Mit ihr folgt dann kurze Zeit später auch der wohl speziellste Auftritt des ersten SEF-Tags: Die ungarische Staatspräsidentin (nicht zu verwechseln mit dem Ministerpräsidenten, Viktor Orban) betritt die Bühne. Katalin Novak spricht wortgewandt auf Deutsch, Französisch und Englisch. Sie sagt: «Ich könnte über viele Dinge reden, die mein Land beschäftigen. Aber ich habe mich für ein wichtiges Thema entschieden: die sich verändernde Demografie.»
Und dann wird es ... schwierig. Novak erklärt, wie die Europäer heute nur noch einen halb so grossen Anteil an der Weltbevölkerung ausmachten wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Auch Ungarns Bevölkerung ist in ihren Augen zu klein. «Einige lösen das mit Immigration, aber ich frage mich, ob es nicht noch anders geht», fährt Novak fort.
Und so erzählt sie, wie man das Problem bei ihr zuhause löst: mit einer «Pro-Family-Policy», für die man ganze sechs Prozent des BIP ausgebe – die höchste Rate weltweit, sagt sie. Familien müssten wieder mehr Kinder machen, also unterstütze man sie, wo es geht: gratis Kitas, Grosseltern-Urlaub – und eine komplette Steuerbefreiung für Frauen mit mehr als vier Kindern.
An diesem Punkt gibt es einen Buh-Ruf hinter mir (wo eigentlich nur die Medien sitzen). Jemand neben mir sagt aber: «Die hat jetzt ziemlich gut geredet.» Bei mir selbst hinterlässt die Rede einen Beigeschmack.
Am Ende des mit Programm prall gefüllten Tages möchte ich den eigentlichen Protagonisten – den Start-up-Gründerinnen und -Gründern – den Puls fühlen. Léa Miggiano wurde 2021 mit dem Women Award ausgezeichnet, ein Jahr später erhielt ihr Unternehmen Carvolution den SEF Award. «Dieses Jahr ist das erste, in dem ich eigentlich nur als Gast da bin», lacht sie.
Und was macht sie so, hier in Interlaken? Das SEF bringe ihr und dem Unternehmen Sichtbarkeit, sagt Miggiano. «Und es tut gut, mal aus dem eigenen Büro-Alltag rauszukommen und sich mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern auszutauschen.» Was hat sich für sie seit dem SEF-Award verändert? «Für mich ganz persönlich nicht viel, ich stehe immer noch am Morgen auf und gehe motiviert zur Arbeit.» Carvolution hätte aber durch die Aufmerksamkeit und das positive «Branding» unter anderem viele neue Talente anlocken können, und das sei gerade ja nicht sehr einfach. «Man muss heute nicht nur Kundinnen und Kunden umwerben, sondern auch Talente, Investoren und andere Stakeholder», sagt Miggiano.
Und da ist er also doch noch: der Fachkräftemangel. Die Suche nach «Talenten». Ist es die derzeit grösste Herausforderung für die Unternehmen? Jürg Schwarzenbach, Juror der TV-Show «Höhle der Löwen» und Start-up-Förderer muss es wissen. Er bestätigt, dass sich Firmen über alle Branchen hinweg schwertun damit. Hinzu komme aber auch noch die Unsicherheit: «Wir wissen im Moment nicht so recht, wo es hingeht – mit der Inflation, mit der Geopolitik.»
Das solle aber nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass viele Unternehmen zurzeit sehr gut ausgelastet sind und damit auch Geld verdienen: «Das muss man einfach auch mal sagen.»
Mit diesem Fazit verabschiede ich mich vom SEF. In Interlaken ist es Zeit für die zahlreichen Touristen, sich dem Abendessen vor dem Bergpanorama zu widmen. Im Kongressaal Kursaal wird derweil emsig weiter connected – ich habe mir sagen lassen, die Abende seien jeweils «sehr unterhaltsam».
Und auf dem Flugplatz am Greenfield geht's jetzt wohl erst so richtig los.
El_Chorche
Oder, auf neudeutsch: networking
Rethinking
Falschaussage: sie waren im Preis inbegriffen…
Macca_the_Alpacca