«Das Wallis ist das schlechte Gewissen der Schweiz»
Zwei Wochen nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana spricht die Schweiz weniger über die Opfer als über das Wallis. Über Vetternwirtschaft und «Wallisereien», die sogar alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, selbst im Wallis aufgewachsen, kritisiert. Boris Previšić, Sie forschen seit Jahrzehnten zu Selbst- und Fremdbildern im Alpenraum und in Europa. Wie ordnen Sie solche Vorwürfe ein?
Boris Previšić: Mich hat diese Aussage überrascht. Von einer ehemaligen SP-Bundesrätin hätte ich an erster Stelle nationale Solidarität mit den Opfern erwartet. Dieser Vorwurf der «Walliserei» beruht auf Vorurteilen.
Die Behörden geben selbst zu, den Brandschutz nicht ausreichend kontrolliert zu haben. Kann man im Wallis wirklich jede «Vetterliwirtschaft» abstreiten?
Natürlich gibt es die. Das hat mit der alpinen Kleinräumigkeit und mit der Geschichte des Wallis zu tun. Je peripherer eine Region ist, desto weniger Konkurrenz gibt es vor Ort und desto mehr bleibt man unter sich. Man ist auf ein Unternehmertum angewiesen, das gewisse Risiken, wie etwa starke saisonale Schwankungen, eingeht. Man spricht sich auch eher einmal ab. Das ist aber kein einmaliges Walliser Phänomen. Man denke nur einmal an den Baufilz im Kanton Graubünden.
Und doch halten sich die Klischees rund um das enge, verfilzte Wallis hartnäckig. Warum?
Das Wallis ist flächenmässig einer der grössten Kantone der Schweiz. Uri mag etwa vergleichbar berglerisch sein, doch der Kanton ist deutlich kleiner und liegt auf der Nord-Süd-Achse der Schweiz, ist quasi ein Durchgangskanton. Dazu kommt, dass das Wallis bis heute eine gewisse kulturelle Einheit und damit für die Restschweiz eine gute Projektionsfläche bildet.
Seine Geschichte und Zweisprachigkeit spalten den Kanton in zwei Teile.
Das Wallis ist über seine Sprachgrenze hinaus vor allem eines: katholisch. Der ganze Kanton ist ein Bistum, nämlich Sitten. Das gibt ihm eine kulturelle Kohärenz, die schon seit dem Sonderbundkrieg 1847 immer wieder als Eigenbild reaktiviert wird. Im Kanton Graubünden ist das anders: Dieser ist nicht nur sprachlich, sondern auch religiös viel diverser und kann nicht so einfach als Einheit begriffen werden.
Hat die Kirche nicht auch im Wallis an Bedeutung verloren?
Der Katholizismus hat das Wallis dennoch geprägt. Selbst, wenn man sich selbst nicht mehr als religiös beschreiben würde, ist ein gewisser Fatalismus zu beobachten. Wenn etwas Schlimmes geschieht, dann hat das eben so sein müssen. Weil eine höhere Macht – sei das Gott, sei das der Berg – darüber entschieden hat. Dann ist auf einmal niemand für etwas verantwortlich.
Was hat dieser Walliser Fatalismus mit der Schweiz zu tun?
Der eigentliche Wendepunkt der Schweizer Selbstdefinition kommt nach dem Ersten Weltkrieg, der die Schweiz beinahe auseinandergerissen hat, mit der Geistigen Landesverteidigung der 1930er Jahre, als sich die Schweiz über die Alpen zu definieren begann. Zum echten Urschweizer wurde der sogenannte Homo Alpinus erhoben: der Bergler, von der Alpwirtschaft geprägt, welcher der rauen Natur standhält, ihr aber auch ausgeliefert ist. Der Urner, der Bündner, der Walliser.
Warum wurde ausgerechnet das Wallis zu einer derartigen Projektionsfläche?
Neben der religiösen Einheit und der nationalen Überhöhung ist ein dritter Faktor entscheidend: die wirtschaftliche Verspätung. Ende des 19. Jahrhunderts war das Wallis noch tief landwirtschaftlich geprägt. Der Tourismus setzte im Vergleich zu anderen Alpenregionen wie dem Berner Oberland oder dem Engadin mehr als ein halbes Jahrhundert später erst richtig ein.
Dafür wurde das Wallis später massiv industrialisiert.
Auch das geschah sehr verzögert. In den Gebirgskantonen Glarus oder St. Gallen gab es schon im frühen 19. Jahrhundert eine Industrie. Im Wallis folgte die erst mit der Verfügbarkeit der Weissen Kohle, der Elektrizität von der Grande Dixence und ähnlichen Rekordbauten, in den 1960er Jahren. Zehn Jahre danach begannen in weiten Teilen der Schweiz bereits die Deindustrialisierung und der Ausbau des Dienstleistungssektors. Wirtschaftshistorisch gesehen ist das Wallis damit der rückständigste Kanton der Schweiz.
Ein Bild, das bis heute aktiv bedient wird – von beiden Seiten.
Interessant ist ja, wie diese Klischees auch selbst bespielt werden. Es ist ein Wechselspiel: Wenn ich als Walliser oder Walliserin hundertmal höre, dass das Wallis so und nicht anders sei, dann beginne ich, diese Fremdbilder anzueignen. Da spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob das die «Ausserschweizer» sagen oder die Walliser über sich selbst.
Die Erfolgsserie «Tschugger» spielt genau damit. Warum verkauft sich dieser Exotismus so gut?
So können wir uns und anderen sagen: Schaut her, wir Schweizer sind nicht nur bünzlige Kontrollfreaks und Tüpflischiisser. Wir tragen auch diese andere Seite in uns. Man lagert das Wilde und Rebellische, das Anrüchige und Fatalistische so weit aus, dass man sich damit identifizieren, aber im Notfall auch wieder davon distanzieren kann…
… wenn die Katastrophe einbricht.
Sobald der Berg, der Murgang, die Lawine oder der Flashover kommt, kippt das Fremd- und Eigenbild des Exoten, auf das man doch auch ein bisschen stolz ist, in das Stereotyp, mit dem man nichts mehr zu tun haben möchte: die Walliser und ihre «Wallisereien». Letztlich sind das sozialpsychologische Projektionen. Wenn es das Schweizer Selbstbild nötig hat, eine Region derart zu klischieren, müssen wir uns umgekehrt fragen: Was ist davon für die Schweiz verallgemeinerbar?
Wie meinen Sie das?
Wir projizieren auf andere, was wir an uns selbst nicht sehen wollen.
Konkret: Die Lücken im Brandschutz auf Bundesebene.
Die Schweizer wissen genau, dass es diese Lücken gibt. Wir kommen kollektiv zum Schluss, dass für die Katastrophe die typische Kombination von behördlicher Schlamperei und mafiösen Verstrickungen verantwortlich ist – was ja in Crans-Montana nicht von der Hand zu weisen ist. Gleichzeitig wissen wir, dass in der übrigen Schweiz zum Teil noch viel seltener kontrolliert wird. Das Wallis ist das schlechte Gewissen der Schweiz.
Welche Folgen hat das?
Wir sprechen nicht darüber, was dazu geführt hat, dass so ein Unglück erst geschehen konnte. Von den wirtschaftlichen Voraussetzungen der Peripherie, dem enormen finanziellen Druck, in der kurzen Hochsaison im Winter auf Teufel komm raus alles herauszuholen, um den Rest des Jahres wieder zu überleben. In Kombination mit der allgemeinen Tendenz der letzten vier Jahrzehnte, die Verantwortung zu privatisieren, ist das fatal.
War das denn früher wirklich anders?
Erinnern wir uns noch an das Hallenbadunglück in Uster 1985. Die Betondecke, die unter einem Flachdach hing, stürzte auf das Schwimmbecken. Die Haltebügel aus Chromnickelstahl wähnte man rostfrei – was, wie sich herausstellte, bei chlorhaltiger Luft nicht zutrifft. Es war eine nationale Tragödie. Und niemand sprach davon, dass dieses Unglück der Eigenheit der Zürcher Oberländer geschuldet sei. Stattdessen wurden bestimmte Materialien verboten und die Kontrollen strenger.
Gleichzeitig häufen sich jetzt schon die Solidaritätsbekundungen und kritischen Fragen in der ganzen Schweiz dazu, wie denn der Brandschutz in der eigenen Region gehandhabt wird.
Mehr Kontrollen, mehr Schutz, Entschädigungen, noch bevor die Schuldfragen geklärt sind: All das kostet Geld. Ich bin nicht sicher, ob die Schweizer Politik schon bereit ist, diese Kosten zu tragen.
Was spricht dagegen?
Nehmen wir Blatten als Beispiel, wo die Frühwarnsysteme zentral dafür waren, dass es kaum Tote gegeben hat. Gleichzeitig soll die geologische Überwachung im Gebirge mit dem anstehenden Sparpaket reduziert werden. Die Antwort der letztjährigen Bundespräsidentin darauf war, das sei eben der Spardruck, der alle Bereiche treffe. Als bestünde das einzige Schweizer Naturgesetz in der Schuldenbremse.
Das klingt wiederum sehr fatalistisch – nach der Haltung, welche die ganze Schweiz nun dem Wallis vorwirft.
Es ist eben keine «Walliserei», sondern ein Ablenkungsmanöver. Denn jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in dem die Politik Verantwortung übernimmt. Eigentlich müssten wir jetzt als Schweiz, nicht nur als Wallis, vor die Opfer der Brandkatastrophe und vor ihre Angehörige stehen und erklären, wie wir ihnen umfassend helfen und sie in Zukunft schützen können. Egal, wer juristisch wofür genau verantwortlich ist oder nicht. (aargauerzeitung.ch)
