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Wiedersehen in München: Suher und Imat schliessen ihre Söhne nach drei Jahren zum ersten Mal in die Arme. bild: watson

Das glückliche Ende der Flucht von Suher und Imat – und was watson damit zu tun hat



«Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgungen Asyl zu suchen.» 

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
vom 10. Dezember 1948

«Blopp», ein neues Chat-Fenster taucht auf meinem Desktop auf. «Hi Rafaela ...», steht da, «ich habe deinen Artikel auf watson gelesen ... du erwähnst, dass Suher einen 17 Jahre alten Sohn in Deutschland hat ... bitte sag ihr und ihrem Ehemann, dass sie Familienzusammenführung beantragen können ... Sylvia.»

Die Nachricht der freiwilligen Helferin Sylvia Hanslik aus Deutschland sollte den Anfang vom Ende der Flucht von Suher und Imat aus Syrien markieren. 

Ich habe Suher und Imat aus Damaskus in der prekärsten Phase ihrer Flucht im griechischen Elends-Camp von Idomeni kennen gelernt. Das Paar hatte den Vorort Sahnaya vor sieben Wochen zuvor verlassen. Ihr ganzer Besitz lag in zwei Koffern auf dem Grund des Mittelmeeres, es regnete pausenlos, sie hausten in einem Zelt, in dem sie nicht einmal die Beine ausstrecken konnten. Sie hatten kaum noch Geld, konnten weder zurück noch weiter, dabei wollten sie nur zu ihren drei Söhnen nach Deutschland.

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Suher (links), Imat (rechts) und ich.  Bild: watson/rafaela roth

Imat und Suher waren zwei von rund 14'000 an den mazedonischen Grenzzäunen gestrandeten Flüchtlingen. Ich sprach drei Tage lang mit den Campbewohnern von Idomeni, verbrachte eine Nacht in Suher und Imats Zelt: «This is not for humans» – «Das hier ist nicht für Menschen», titelte ich meine Reportage.

Richtig verabschieden konnte ich mich nicht von Suher und Imat. Die beiden erhielten die Möglichkeit, in der Unterkunft von freiwilligen Helfern zu duschen – das erste Mal nach über zwei Wochen. Sie mussten sofort los. Als sie zurück waren, war ich schon unterwegs zum Flughafen Thessaloniki.

«Were are you?», schrieben sie.
«Ich bin schon weg. Wie war die Dusche?», schrieb ich. 
«Gut. Wirst du zurück kommen?»
«Ich weiss es nicht, vielleicht sehen wir uns ja mal in Deutschland», schrieb ich.

Ich glaubte nicht wirklich daran.

Beinahe auf den Tag genau sieben Monate später nehme ich den Zug nach München und Amer (27), Naser (23) und Ghali (18) schütteln mir am Flughafen München die Hand, als würden sie mich schon lange kennen.

Ghali kann kaum still stehen, er war fünfzehn, als er seine Mutter zuletzt gesehen hat. Er hat letzte Nacht kein Auge zu getan. Naser reckt ständig den Hals, mit seinem Angry Birds-T-Shirt sieht er schon fast aus wie ein Deutscher. Amer reisst sich zusammen, rückt seine Krawatte mit der Ernsthaftigkeit eines ältesten Bruders zuercht, der für seine Geschwister früh erwachsen werden musste.

Dann ist der Moment gekommen, an dem Amer wieder Sohn sein kann. Nach fast drei Jahren kann er seine Eltern erstmals wieder in die Arme schliessen: 

Video: watson.ch

Was vorletzte Woche am Flughafen München passierte, eine – juristisch gesehen – simple Familienzusammenführung von Flüchtlingen aus kriegsversehrten Ländern, ist in der Praxis des europäischen Flüchtlingschaos' praktisch unmöglich. 

Unter den üblichen Umständen hätten Suher und Imat nicht von ihrem Recht auf Familienzusammenführung Gebrauch machen können. Unter den üblichen Umständen würden Suher und Imat jetzt immer noch wie Tausende andere in einem Flüchtlingscamp auf Griechenland sitzen und warten. Und warten. Und warten.

Unter den üblichen Umständen hätte es – wenn es überhaupt geklappt hätte – viel länger gedauert als die drei Jahre, die Suher und Imat auf das Wiedersehen mit ihren Söhnen warten mussten. Diese waren bereits im November 2013 aus Syrien über die Balkanroute geflüchtet, weil die Eltern nicht wollten, dass sie eingezogen und möglicherweise im Krieg sterben würden. 

Aber Suher und Imat haben Glück. Zufällig liest die Deutsche Sylvia Hanslik von unserer gemeinsamen Nacht im Zelt in Idomeni und diese Deutsche hat sich – aus welchen Gründen auch immer – dafür entschieden, nicht mehr für Sportfirmen zu arbeiten, sondern ihre Zeit dafür zu nutzen, Flüchtlingen bei der Familienzusammenführung zu helfen.

Im Gegensatz zu Hanslik wissen Suher und Imat wie alle anderen Flüchtlinge, die ich in Idomeni getroffen habe, nichts über die rechtlichen Möglichkeiten, in Europa Asyl oder eine Familienzusammenführung zu beantragen. 

Mit Hanslik kommt Bewegung in die Sache: «Es war mir wichtig, die beiden vor dem 18. Geburtstag von Ghali zu informieren», schreibt mir die Deutsche später. «Ich wusste, wie sehr die Zeit drängte, weil Ghali im August dieses Jahres die Volljährigkeit erreichen würde», sagt sie.

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Sylvia Hanslik mit einem syrischen Flüchtling, der bald ein neues Kunstauge erhalten wird.   Bild: zvg

Hanslik drängt die beiden, ganz in den Norden nach Alexandroupolis zu reisen, weil es dort die Möglichkeit gibt, Asyl zu stellen. Griechenland bietet zu diesem Zeitpunkt Asyl-Termine per Skype-Leitungen an, die aber permanent überlastet sind. Ich weiss, dass die beiden kein Geld mehr übrig haben. Also logge ich mich bei Western Union ein, schicke 200 Euro nach Griechenland, «Charity», deklariere ich. Ich will nicht, dass Suher und Imats ohnehin geringe Chancen, aus Idomeni herauszukommen, an Geldmangel scheitern. Eine weitere Deutsche Helferin bringt die beiden in den Norden. 

Am 4. April im Greek Asylum Service Alexandroupolis haben Suher und Imat wieder Glück. «An dem Tag wurden gerade mal zwei Familien angehört und sie waren zufällig jene, die vorsprechen konnten», sagt Hanslik. Dann kontaktiert Hanslik Galis Vormund in Deutschland, der kontaktiert das Deutsche Bundesamt für Migration (BAMF) in Dortmund. Am 4. Juli stimmt das BAMF der Überstellung zu. Suher und Imat werden darüber informiert, nicht aber über weitere Schritte. Sie erhalten eine Überstellungsgenehmigung nach Dublin III für sechs Monate. 

Dann passiert erst einmal nichts. Suher und Imat warten. Über eine Kirche finden sie eine kleine Wohnung in Katerini bei Thessaloniki. Ein Monat vergeht, zwei Monate vergehen. «Wir logen unsere Kinder an und sagten, dass wir bald kommen würden», sagt Suher später weinend zu mir. «Zu diesem Zeitpunkt hatten sie die Hoffnung verloren», sagt mir Naser in München, mit dem grossen Koffer seiner Eltern kämpfend. 

Dann, nach zwei Monaten Warten, geht alles ganz schnell. Am 28. September werden Suher und Imat informiert, dass sie das Land am 17. Oktober verlassen dürfen. Einzige Bedingung: Dass sie am gleichen Tag die Flugtickets nach München bei Himalaya Travel Agents kaufen. «Eigentlich wäre Griechenland für die Finanzierung der Überstellung verantwortlich», sagt Sylvia Hanslik. «Den Griechen fehlt aber das Budget, also drängen sie die Leute dazu, die finanziellen Mittel selber aufzutreiben.»

Wieder haben Suher und Imat Glück. Der Schweizer Michael Grossenbacher, Gründer des Hilfswerks «The voice of thousands» kennt das Paar aus Idomeni. In letzter Minute überweist er das Geld für den Flug nach Deutschland. «Ich wollte nicht, das Imat und Suher wieder in ein Camp müssen», sagt er. «Wenn man einmal draussen ist, ist es sehr schlimm zurück zu kehren.» 

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Michael Grossenbacher mit Suher bei ihrem Zelt.  Bild: zvg

Sylvia Hanslik schätzt gemäss Zahlen der Flüchtlingsagentur UNHCR, dass alleine in Griechenland noch ungefähr 6000 solche Fälle zu erwarten sind. Es handelt sich vorwiegend um Frauen mit Kindern, die Anrecht auf Familienzusammenführung hätten. 

Die meisten von ihnen werden kein Glück haben. Wenn es denn dazu kommt, dass beide Familienteile Zusammenführung beantragen und die nötigen Papiere vorlegen können und der Dublinstaat dem Gesuch statt gibt, bleibt immer noch die 24-Stunden-Frist, um das Geld für die Tickets aufzutreiben. Nur jene Flüchtlinge, für die der unwahrscheinliche Fall eintrifft, dass sie dann, nach monatelanger Flucht, noch 300 Euro pro Person für einen Flug bezahlen können, können gehen. Für die anderen verfällt die Überstellungsgenehmigung. Und sie werden wieder warten. Und warten. Und warten. 

Ich bin Journalistin. Weder Asylbeauftragte, noch NGO-Mitarbeiterin oder Politikerin. Ich höre zu, ich beobachte, ich frage, ich schreibe, ich greife nicht ein. Doch wenn Staaten auf Flüchtlinge mit Zäunen reagieren, müssen Menschen mit Zivilcourage das Richtige tun. So wie Sylvia Hanslik, Michael Grossenbacher und tausende andere freiwillige Helfer. 

«Humans of Idomeni»: 18 Botschaften aus dem schlimmsten Flüchtlingslager Europas

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