Schweiz
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Der gescheiterte Weltrevolutionär: Wie ein Schweizer 1917 über ein Telegramm stolperte

Bild: KEYSTONE

Der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm – und nicht Lenin – war noch im Frühling 1917 der führende Kopf der internationalen Anti-Kriegs-Linken. Doch er ruinierte seine Position mit einer geheimdiplomatischen Aktion.

simon thönen / schweiz am wochenende



Ein Artikel von

Mit dem Einverständnis des deutschen Oberkommandos reist im April 1917 ein sozialistischer Revolutionär im Zug durch Deutschland. Ziel: Petersburg. Diesmal handelt es sich nicht um Lenin. Eine Woche nach dem Führer der Bolschewiki ist auch der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm auf dem Weg in die russische Metropole. Grimm ist damals der führende Kopf der Zimmerwalder Bewegung. Jener Minderheit der europäischen Sozialdemokraten, die sich nicht damit abfinden will, dass die meisten Genossen den Krieg ihrer Regierungen unterstützen.

Das Entsetzen darüber, dass die Arbeiter den Klassenkampf vergessen haben und sich willig «auf die Schlachtbank» führen lassen, eint Grimm und Lenin. Doch sie mögen sich nicht, weder persönlich noch politisch. Grimm und die Mehrheit der Teilnehmer der zwei internationalen Konferenzen im bernischen Zimmerwald und Kiental wollen den Weltkrieg beenden. Sicher, auch sie sind überzeugt, dass das Proletariat die Macht erobern muss. Ob dies auf demokratischem oder revolutionärem Weg geschehen soll, lassen sie aber offen. Für Lenin jedoch gibt es nur einen Weg: den sofortigen bewaffneten Aufstand und den nahtlosen Übergang vom Weltkrieg in den Bürgerkrieg.

Russian revolutionary leader Vladimir Ilich Lenin is shown in 1918 at an unknown location.  Ninety years after he was executed, Czar Nicholas II is leading a tight race to be named the greatest Russian in history. His closest competitors? Soviet dictator Josef Stalin and Vladimir Lenin, the founder of the Soviet state that killed the last czar and his entire family. The contest, sponsored by state-owned Rossiya television, is a Russian version of the 2002 BBC show

Wladimir Iljitsch Lenin: Der russische Revolutionsführer.  Bild: AP

Noch aber ist Lenin ein in Russland kaum bekannter Exilpolitiker, der nicht einmal die eigene Partei hinter sein radikales Programm geschart hat. Grimm dagegen ist international als Kopf der Kriegsgegner bekannt. In Russland, wo eben der Zar gestürzt wurde, verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Grimm will einen Friedensschluss mit Deutschland, um die Februarrevolution zu unterstützen. Er befürchtet eine Gegenrevolution, falls der für die russische Armee bereits verlorene Krieg andauert. Auch Lenin agitiert gegen den Krieg. Dies aber, um die provisorische Regierung zu stürzen und mit seinen Bolschewiki die Macht zu ergreifen – im Alleingang.

Bundesrat mit im Spiel

Doch auch Grimm handelt im Alleingang – und in krasser Selbstüberschätzung. Um die Ziele der Zimmerwalder zu erreichen, bedient er sich der Geheimdiplomatie, welche er und seine internationalen Genossen doch gerade als eine der Kriegsursachen anprangern. Die Aktion wird gründlich schiefgehen – und nebenbei in der Schweiz auch den damals starken Mann im Bundesrat, den Freisinnigen Arthur Hoffmann, stürzen. Der deutschfreundliche Hoffmann und der Revolutionär Grimm lassen sich, wenn auch aus gegensätzlichen Motiven, auf ein Spiel zu zweit ein. Es ist so riskant, dass sie es vor Bundesratskollegen beziehungsweise Genossen verheimlichen.

Der Auftakt zur russischen Revolution 1917: Aufstand in St. Petersburg. Bild: /AP/KEYSTONE

Dass der aufstrebende Kopf der oppositionellen Sozialdemokraten mit dem deutschfreundlichen Schweizer Aussenminister Kontakt aufnimmt, um zuerst – in revolutionärer Solidarität – die Reise Lenins und anderer russischer Emigranten durch Deutschland nach Russland anzubahnen und danach seine eigene, ist nachvollziehbar – über Deutschland führt der einzig mögliche Weg. Doch Grimm und Hoffmann gehen viel weiter: Sie wollen in enger Absprache mit dem deutschen Botschafter in Bern, Gisbert von Romberg, einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Russland ermöglichen.

Hoffmann und Grimm sollten dies später – wenig glaubwürdig – bestreiten. Das Ausmass der Geheimaktion wird erst Jahrzehnte später bekannt, als die Rapporte von Botschafter Romberg nach Berlin zugänglich werden. Grimm hat vor seiner Abreise sogar ein Gespräch mit Romberg geführt: Er wünscht ein Friedensangebot von deutscher Seite mit «Verzicht auf Annexionen und Kriegsentschädigungen», das die Friedenspartei in Russland stärkt. Die Kommunikation soll über die vermeintlich sicheren Kanäle der Schweizer Botschaft in Petersburg und via Hoffmann erfolgen.

Nach einem Zwischenaufenthalt in Stockholm erhalten Grimm und eine Gruppe von Zimmerwaldern, die nichts von seinem Plan wissen, endlich die Erlaubnis zur Einreise. Am 22. Mai 1917 sind sie in Petersburg – und werden begeistert begrüsst. Die Lage ist widersprüchlich. Die Sehnsucht nach Frieden ist gross – doch ein Separatfrieden mit Deutschland unpopulär. Grimm, der kein Russisch spricht, obschon er in erster Ehe mit einer Exilrussin verheiratet war, merkt, dass seine Möglichkeiten als Agitator begrenzt sind.

Deutsche Friedensofferte bestellt

Um die sozialistischen Minister, die neu in die russische Regierung eingetreten sind, zu beeinflussen, bestellt er ein indirektes deutsches Friedensangebot. Am 26. Mai sendet er via Schweizer Botschaft ein chiffriertes Telegramm an Bundesrat Hoffmann. Die Aussichten für einen Frieden seien günstig, falls keine deutsche Offensive erfolge, rapportiert Grimm. Hoffmann solle ihn bitte über die «Kriegsziele der Regierungen» unterrichten, «da die Verhandlungen dadurch erleichtert würden».

Hoffmann schickt sein chiffriertes Antworttelegramm am 3. Juni – einem Sonntag, damit möglichst wenige seiner Mitarbeiter davon erfahren. Deutschland werde keine Offensive unternehmen, solange eine Übereinkunft mit Russland möglich sei, teilt er mit. Der Rest ist das offiziöse deutsche Friedensangebot: Deutschland strebe keine Gebietsgewinne an, versichert Hoffmann. Auch wenn angetönt wird, dass Teile Polens und des Baltikums, die vor dem Krieg zu Russland gehörten, unter einer Art Autonomie abgetrennt werden sollen.

Das abgefangene Telegramm

Am 8. Juni informiert der Schweizer Botschafter in Petersburg Grimm über den Inhalt des Telegramms. Doch der kann damit nichts mehr anfangen. Schon am folgenden Tag muss Grimm dem Botschafter mitteilen, dass zwei russische Minister, mit denen er gesprochen hat, bereits wussten, dass Hoffmann ihn über die deutschen Kriegsziele informiert hatte. Um sich und Hoffmann nicht zu diskreditieren, stritt Grimm dies ab – und sollte sich mit dieser Lüge in der Folge immer tiefer in Widersprüche verstricken.

Einbalsamierte Herrscher

Am 16. Juni wird das Telegramm via eine Stockholmer SP-Zeitung der Weltpresse zugespielt. Unter dem Druck von Grossbritannien und Frankreich, die der Schweiz unneutrales Verhalten vorwerfen, reicht Hoffmann am 18. Juni seinen Rücktritt als Bundesrat ein.

Die chiffrierte Depesche war vermutlich via einen Portier der Schweizer Botschaft in die Hände des französischen Rüstungsministers Albert Thomas gelangt. Thomas ist einer jener Sozialisten, die den Krieg fortsetzen wollen, ein Gegner der Zimmerwalder. In Petersburg lobbyiert er, um Russland im Krieg zu halten. Der Schweizer Chiffrierschlüssel war wahrscheinlich schon zuvor geknackt worden.

Grimm wurde bereits am 15. Juni aus Russland ausgewiesen. Er hatte mit der Geheimaktion seiner Sache geschadet. Nicht zuletzt die Ausweisung des führenden Zimmerwalders Grimm macht nun den Weg frei für eine Militäroffensive des russischen Kriegsministers Kerenski. Sie endet im Desaster – und ebnet den Bolschewiki den Weg zur Macht. Grimm hat nachträglich mit seiner in Petersburg ausgesprochenen Warnung recht behalten: «Wenn der Friede nicht sehr bald geschlossen wird, wird auf diesen Strassen noch sehr viel Blut fliessen, und zwar proletarisches.»

Doch seine Genossen in der Zimmerwalder Bewegung können seine Geheimaktion nicht gutheissen, auch wenn sie ihm achtbare Motive zugestehen. International ist Robert Grimm politisch erledigt. Umso einfacher ist es für Lenin, die Zimmerwalder Bewegung, die trotz klarer Antikriegshaltung die Brücken zur sozialdemokratischen Mehrheit nie abgebrochen hatte, durch die unversöhnliche Kommunistische Internationale zu ersetzen. Die Spaltung in Kommunisten und Sozialdemokraten wird die europäische Linke schwächen und 1933 die Machtergreifung Hitlers erleichtern.

Robert Grimm

Der Arbeitersohn Robert Grimm, 1881 im Zürcher Fabrikdorf Wald geboren, stieg in der noch jungen SP rasch auf. Seit 1909 leitete er das Parteiblatt «Berner Tagwacht», 1911 wurde er in den Nationalrat gewählt (dem er bis 1955 angehörte). Grimm initiierte und leitete die internationalen Konferenzen der Kriegsgegner in Zimmerwald (1915) und Kiental (1916). Die Grimm-Hoffmann- Affäre beendete seine internationale Karriere. In der Schweiz schaffte er als Anführer des Landesstreiks 1918 ein Comeback und blieb bis zu seinem Tod 1958 der führende Kopf der SP. Von 1938 bis 1946 war er Regierungsrat des Kantons Bern.(st)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Knollengemüse 09.04.2017 17:46
    Highlight Highlight https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5395928&s=lenin/

    auch ein schöner Beitrag zu dem Thema.
  • Boogie Lakeland 09.04.2017 12:14
    Highlight Highlight Naja die Spaltung war wohl eher ein kleiner Grund für die Stärke der NSDAP.
    Aber Robert Grimm ist eine faszinierende Person. Ich rate jedem den Geschichte und Politik interessiert sich mit ihm zu befassen.
    Spannender fand ich in der Geschichte der Schweiz nur Philipp Anton von Segesser. Der, wenn selbst sehr föderalistisch und katholisch, trug viel dazu bei, dass sich die Sonderbundskantone in die Eidgenossenschaft einlebten.
    Spannende Figur, wie Grimm.

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