Schweiz
International

Corona: Ivermectin-Studie geht irreführend viral

FILE - In this Sept. 10, 2021, file photo, a syringe of of ivermectin
Ivermectin ist in der Schweiz als Tierarzneimittel zugelassen.Bild: keystone
Faktencheck

Ivermectin-Studie geht viral – sie ist aber irreführend

Eine japanische Studie sorgte für Falschmeldungen zu Ivermectin. Wir zeigen die Hintergründe im Faktencheck auf.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
06.02.2022, 10:0607.02.2022, 16:26
Mehr «Schweiz»

Die Schlagzeile war diese Woche auf vielen Webseiten zu lesen: «Ivermectin doch wirksam». Die angebliche Nachricht über die Wirksamkeit des Arzneistoffs Ivermectin nahm am Montag ihren Lauf, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien und wurde gar von einem Schweizer Journalisten bei «Inside Paradeplatz» aufgegriffen.

Die Sache hat aber einen grossen Haken: Die Studie ist von hinten bis vorne irreführend. Wir haben untersucht, wie aus einer vagen Medienmitteilung eine Falschmeldung wurde.

Faktencheck

Behauptung

Am 1. Februar 2022 veröffentlichte Inside Paradeplatz einen Artikel, in dem gestützt auf eine Reuters-Agenturmeldung behauptet wird:

«Ivermectin wirkt gegen Covid.»
Artikel bei «Inside Paradeplatz» und in den sozialen Medien

Ähnliche Behauptungen gab es auch auf anderen Nachrichtenportalen weltweit. Die Reuters-Meldung wurde unter anderem von Alarabiya, Jerusalem Post, RT Deutsch (ehemals «Russia Today») und vom österreichischen Wochenblick aufgenommen. Die Links zu den Berichten wurden auf Twitter, Facebook und Co. tausendfach geteilt.

Das sagen die Quellen

Sämtliche Berichte stützen sich auf den Artikel von Reuters. Die international tätige Nachrichtenagentur veröffentlichte am 1. Februar 2022 einen Artikel mit dem Titel «Japanische Firma Kowa sagt: Ivermectin wirkt gegen Omikron in Phase-III-Studie».

«Japan's Kowa says ivermectin effective against Omicron in phase III trial.»
Ursprünglicher Titel des Reuters-Berichts

Reuters gab als Quelle ihrer Information die Medienmitteilung des Unternehmens Kowa an. Diese Presseaussendung vom 31. Januar 2022 gab es tatsächlich, sie sagte aber eigentlich etwas anderes aus:

  • Kowa führte eine präklinische Studie zusammen mit der Kitasato-Universität durch.
  • In dieser präklinischen Studie zeigte Ivermectin «die gleiche antivirale Wirksamkeit gegen Omikron-Stämme wie gegen andere bekannte Coronavirus-Varianten (Alpha, Beta, Gamma, Delta)».
  • Ivermectin ist zurzeit ein Prüfpräparat in einer klinischen Phase-III-Studie. Diese läuft derzeit, ist von den japanischen Behörden bewilligt, Ergebnisse dazu liegen aber noch keine vor.

Die Unterscheidung zwischen präklinisch und klinisch ist wichtig, weil sie etwas über den Forschungsfortschritt aussagt. Bis ein Medikament zugelassen wird, muss es in der Regel fünf Phasen durchlaufen. In der präklinischen Phase versucht man erste Vermutungen aufzustellen. Die Tests dazu passieren entweder in vitro oder in vivo – also nicht am lebenden Menschen, sondern in der Petrischale, einzelnen Zellen oder Tieren.

Kowa konnte also nur bestätigen, dass Ivermectin ein Kandidat als mögliches Medikament für Omikron-Erkrankte sein könnte, weil es antiviral wirkt. Wie es zu diesem Schluss kommt, verrät das Unternehmen aber nicht – was die Mitteilung ziemlich inhaltslos macht. Eine 90-prozentige Alkohollösung oder Bleichmittel würden nämlich ebenfalls Covid-Viren in einer Petrischale abtöten können.

Reuters erkannte den Fehler und berichtigte die Meldung: Aus «Ivermectin wirkt gegen Omikron in Phase-III-Studie» wurde «Ivermectin zeigt laut japanischem Unternehmen ‹antivirale Wirkung› gegen Covid». Im Text wurde zudem erwähnt, dass in einer ursprünglichen Version des Artikels «fälschlicherweise behauptet» die Wirksamkeit in klinischen Studien an Menschen (Phase III) bestätigt worden sei.

Damit bleibt unklar, ob Ivermectin zur Behandlung von Erkrankten verwendet werden kann. Andere vorliegende Studien bestätigen zwar präklinische Untersuchungen, Daten zu Menschenversuchen werden aber von Meta-Studien (diese und diese) und auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als nicht schlüssig bewertet.

Die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic stellt daher in einer Stellungnahme zur Meldung aus Japan gegenüber watson fest: «Dies lässt noch keine Rückschlüsse auf eine Wirksamkeit beim Menschen zu.» Bevor ein Wirkstoff gegen das neuartige Coronavirus, der im Labor angeblich bei Zellkulturen wirkt, auch bei Menschen zur Behandlung der Covid-19-Krankheit eingesetzt werden könnte, seien noch weitere Erprobungen nötig. Nur mit anschliessenden ordentlichen klinischen Versuchen könne nachgewiesen werden, ob eine Substanz beim Menschen mehr Nutzen als Schaden verursacht, sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi.

Das Schweizer Heilmittelinstitut lässt daher ihre aktuelle Empfehlung unverändert: «Wer Ivermectin unkontrolliert einnimmt, gefährdet seine Gesundheit.»

Bewertung

Die Behauptung ist irreführend.

Nach der aktuellen Studienlage bleibt unbelegt, dass Ivermectin ein effektives Arzneimittel gegen Covid-19 ist. Die Berichte zur Wirksamkeitsstudie zu Ivermectin der japanischen Firma Kowa sind irreführend oder inhaltlich falsch.

Die Forschungsgemeinschaft untersucht derzeit in zahlreichen Studien, wie gut Ivermectin gegen Coronaviren hilft. Ivermectin wurde ab den 1970er Jahren von Merck Pharmaceuticals in Zusammenarbeit mit dem japanischen Kitasato-Institut entwickelt und wird heute vor allem als antiparasitäres Tierarzneimittel (Entwurmungsmittel) verwendet. Das Kitasato-Institut ist der Vorgänger der Kitasato-Universität, die zusammen mit Kowa die erwähnte präklinische Studie durchgeführt hat.

Seit den 1980er Jahren wird es zudem teilweise Menschen verabreicht, die unter parasitären Infektionskrankheiten leiden. Bei falscher Anwendung kann Ivermectin tödliche Vergiftungen verursachen. Neben Swissmedic warnen auch andere Zulassungsbehörden daher vor der eigenmächtigen Einnahme.

FDA zu Ivermectin: You are not a horse. You are not a cow. Seriously, y'all. Stop it.
Die US-Zulassungsbehörde auf Twitter: «Du bist kein Pferd. Du bist keine Kuh. Ernsthaft: Hör auf damit.»Bild: twitter
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das bunte Treiben der Coronasünder
1 / 11
Das bunte Treiben der Coronasünder
Credit-Suisse-Präsident António Horta-Osório hat zweimal gegen die Corona-Quarantäneregeln verstossen – einmal gegen schweizerische, ein zweites Mal gegen britische, weil er den Tennisfinal in Wimbledon live miterleben wollte. Die Folgen: für die Credit Suisse zahlreiche peinliche Schlagzeilen in der globalen Finanzpresse, für Horta-Osório selbst blieb nur noch der Rücktritt.
quelle: keystone / andy rain
Auf Facebook teilenAuf X teilen
AfD-Höcke vergleicht Impfung mit Nazi-Menschenversuchen – der Konter sitzt
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
86 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
stormcloud
04.02.2022 15:51registriert Juni 2021
Wie blöd muss man sein, um eine Milliardenfach eingesetzte Impfung zu verteufeln, sich aber dann ein Entwurmungsmittel für Nutztiere reinzieht?
22534
Melden
Zum Kommentar
avatar
Roli_G
04.02.2022 15:13registriert Januar 2021
Fairerweise muss gesagt werden: Ivermectin wirkt!
Gegen Würmer, bei Rösser.
20822
Melden
Zum Kommentar
avatar
Goosebumps
04.02.2022 16:38registriert Oktober 2021
Habe meine eigene Studie erstell.... Hygo-WC wirkt auch... also, zumindest in der Petrischale....
12713
Melden
Zum Kommentar
86
«Julian Assange ist frei»
In dem jahrelangen rechtlichen Gezerre um den Wikileaks-Gründer Julian Assange gegen seine Auslieferung von Grossbritannien an die USA zeichnet sich überraschend eine Lösung ab.

Assange erzielte mit dem US-Justizministerium eine Einigung, wonach er sich in dem Spionageskandal teils schuldig bekennen will und ihm im Gegenzug eine weitere Haft in den USA erspart bleibt, wie aus am Montagabend (Ortszeit) veröffentlichten Gerichtsdokumenten hervorgeht. Ein Gericht muss die Einigung allerdings noch absegnen. Assange soll den Plänen nach dazu bereits an diesem Mittwoch vor einem Gericht in einem entlegenen US-Aussengebiet erscheinen: auf den Marianeninseln.

Zur Story