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Wal Timmy und Punch the Monkey: Schweizer Tierschützer im Interview

Jurist Peter V. Kunz ist einer der bekanntesten Tierschützer der Schweiz. Er sagt: Tier-Einzelschicksale wie die von Timmy, Punch oder dem Lonely Penguin wirken leider nicht nachhaltig auf den Tiersch ...
Jurist Peter V. Kunz ist einer der bekanntesten Tierschützer der Schweiz. Er sagt: Tier-Einzelschicksale wie die von Timmy, Punch oder dem Lonely Penguin wirken leider nicht nachhaltig auf den Tierschutz.Bild: watson/Nina Stiefel
Interview

«Timmy wird sterben und niemand wird mehr an ihn denken»

Peter V. Kunz ist Präsident des Verbands Schweizer Tierschutz. Im Interview mit watson erklärt er, warum wir uns für gestrandete Buckelwale, nicht aber für vernachlässigte Hühner interessieren.
09.04.2026, 12:2809.04.2026, 12:55

Seit einiger Zeit konzentriert sich das öffentliche Interesse stark auf Einzelschicksale von Tieren. Wir hatten den einsamen Pinguin, der in die falsche Richtung watschelt; dann kam das Äffchen Punch, das wir dabei beobachteten, wie es Anschluss an seine Gruppe suchte. Und seit knapp drei Wochen ist es nun Timmy, der Wal, mit dem Hunderttausende mitleiden. Warum interessieren Tierschicksale so fest?
Peter V. Kunz: Auch als Tierrechtler bin ich ja in erster Linie Mensch. Beim Lonely Penguin hatte ich Tränen in den Augen. Wenn ich Aufnahmen von Timmy oder von Punch sehe, dann bewegt mich das wie jeden anderen auch. Trotzdem habe ich gemischte Gefühle: Denn so sehr mich diese Einzelschicksale bewegen, so irrelevant sind sie letztlich für das Tierwohl im Allgemeinen. Die Tiere, die systematisch leiden, bleiben unsichtbar.

Timmys Odysee durch die Ostsee:

Video: watson/nina bürge

Wie sehr leiden Sie gerade mit Timmy?
Er tut mir extrem leid. Am Anfang habe ich wie so viele gehofft, dass sich irgendetwas machen lässt und Timmy gerettet werden kann. Mittlerweile hoffe ich nur noch, dass es für ihn möglichst bald vorbei ist.

Zur Person
Eigentlich war Peter V. Kunz Wirtschaftsjurist. Dann aber kam es zur Scheidung von seiner Frau – und zum Streit um die drei gemeinsamen Katzen. Seitdem hat Kunz seine juristische Expertise um das Tierrecht erweitert. 2023 hat er das 800 Seiten dicke Standardwerk «Tierrecht in der Schweiz» vorgelegt. Seit März 2025 ist er zudem Präsident des Schweizer Tierschutz STS. Weiterhin ist er geschäftsführender Direktor am Institut für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern, wo er seit 2005 ordentlicher Professor ist. Seine Ex-Frau hat Kunz in der Zwischenzeit erneut geheiratet.
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Bild: zvg

Hilft es denn dem Tierschutz, wenn sich die Gesellschaft mit einsamen Pinguinen, verstossenen Äffchen und gestrandeten Walen solidarisiert?
Das klingt jetzt brutal, aber ich bin um jede Situation froh, die den Leuten Anlass gibt, Mitleid mit Tieren zu empfinden. Wenn solche Einzelschicksale dazu führen, dass sich Menschen mehr Gedanken über Tiere machen und sich vielleicht auch für sie einsetzen, ist das besser als nichts. Wenn Geschichten wie die von Timmy oder Punch den einen oder anderen Politiker dazu motivieren, sich im politisch immer noch sehr unbedeutenden Tierschutz zu engagieren, umso besser. Das Problem ist, dass solche Einzelschicksale von Tieren selten nachhaltig wirken.

«Timmy wird sterben und die meisten werden nicht mehr an ihn denken, wenn sie das nächste Mal an der Fleischtheke im Supermarkt stehen.»
Peter V. Kunz

Sind Tiergeschichten wie die von Timmy oder Punch einfach Ablenkung vor Krieg, Hunger und Tod in der Welt?
Ja, selbstverständlich sind sie das. Ich will das aber niemandem vorwerfen, man kann sich nicht nur ständig mit Negativem beschäftigen. Unser Bezug zu Tieren funktioniert hauptsächlich über Emotionen. Wenn Punch doch noch in der Affengruppe akzeptiert wird und sogar eine Freundin findet, wie jüngst berichtet wurde, löst das zwar die Probleme der Welt nicht. Aber es bietet Zerstreuung und positive Gefühle.

So eroberte Punch unsere Herzen:

Video: watson/lucas zollinger

Timmy, der Wal. Punch, das Äffchen. Wir geben diesen Tieren Namen und vermenschlichen sie damit. Finden Sie das problematisch?
Bis zu einem gewissen Grad habe ich kein Problem mit der Vermenschlichung von Tieren. Auch unsere Hauskatzen haben jeweils Namen. Auch wenn wir sie nicht vom Tisch essen lassen, sind sie für uns Familienmitglieder. Wenn das dazu führt, dass wir mit ihnen zum Tierarzt gehen, wenn es ihnen schlecht geht, oder teures Katzenfutter kaufen, finde ich das gut. Problematisch hingegen finde ich, dass das menschliche Mitgefühl für Tiere sehr selektiv ist. Nutz- und Versuchstiere sind die grossen Verlierer. Für sie und ihr Schicksal interessiert sich meistens kein Mensch.

Wir können uns beim Mittagessen minutenlang über den armen Timmy unterhalten, während wir gleichzeitig Chicken Nuggets verdrücken.
Leider ist das tatsächlich so. Aber ich bin der Letzte, der von oben herab predigen will: Ich esse selbst Fleisch. Für mich geht es nicht so sehr um die Frage, wie lange das Tier gelebt hat bis zur Schlachtung, sondern ob sein Leben lebenswert war.

Sie fordern seit Jahren, dass der an sich starke Tierschutz im schweizerischen Recht konsequenter umgesetzt wird und Tierquäler schärfer bestraft werden. Wie sehr ärgert es Sie, wenn sich die öffentliche Debatte um Äffchen und Buckelwale dreht?
Ich ärgere mich tatsächlich. Aber mehr über die Behörden und Gerichte, die sich seit Jahren um den Tierschutz foutieren. Solange sie geltende Gesetze ignorieren oder nur sehr milde anwenden, bringt der beste Tierschutz auf dem Papier nichts. Dass die Leute sich für Timmy oder Punch interessieren, finde ich verständlich. Ein Pinguin, der in die falsche Richtung watschelt, oder ein Wal, der Wasserfontänen spritzt, löst in den Köpfen der Menschen selbstverständlich mehr aus, als wenn ich als Professor beklage, dass es an der Umsetzung des Tierrechts in der Schweiz hapert.

Trotzdem bleibt die Erkenntnis: Gewisse Tiere sind uns wichtiger als andere. Wie sollte das Tierrecht damit umgehen?
Es beginnt damit, dass das Tierschutzrecht der Schweiz gerade mal vier Prozent sämtlicher Tiere schützt. Es gilt nämlich nur für Wirbeltiere.

«Wenn ich also eine Schnecke mit dem Messer verschneide oder einer Spinne die Arme ausreisse, mag das unmenschlich und moralisch verwerflich sein. Im juristischen Sinn ist es aber keine Tierquälerei.»
Peter V. Kunz

Ich weiss, dass ich das selbst nicht mehr erleben werde, aber ich würde es befürworten, wenn man gewissen Tieren eine Rechtspersönlichkeit zugestehen würde. Auch Tierversuche mit Schweregrad drei, bei denen das Versuchstier gequält und getötet wird, sollten verboten werden. Es gäbe also schon Verbesserungsmöglichkeiten im Gesetz.

Tiere wie Timmy und Punch bewegen sich unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Niemand hat sie gefragt, ob sie das wollen. Sollten sie eigentlich wie Menschen ein Recht auf Privatsphäre haben?
Es gibt tatsächlich Tierrechtsphilosophen, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Ich finde bei Timmy zumindest zweifelhaft, wie sein momentaner Sterbeprozess medial begleitet wird. Er ist nicht mehr zu retten, das wissen wir alle seit mehreren Tagen. Trotzdem bleiben alle Kameras auf ihm. Ich empfinde das als unmenschlich und unanständig.

Mehr zu Timmy, Punch und Co.:

Video: watson/Emanuella Kälin
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48 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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John Galt
09.04.2026 13:28registriert November 2014
Nur weil das Tier einen Namen hatte, soll es etwas besonderes sein. Der eine Wal der verendet ist nicht das Problem, das systematische Töten von Tieren, die Zerstörung ihres Lebensraumes, das ist es, was das echte Problem ist.
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AlfieausZüri
09.04.2026 12:48registriert November 2022
Ich opfere meine Blitzquote aber der einzige Weg Tierleid effektiv zu verringern ist weniger Tierprodukte zu konsumieren. Erst wenn ein Grossteil der Bevölkerung Vegetarisch oder Vegan lebt, wird Tierleid abnehmen.
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Miau
09.04.2026 13:28registriert Dezember 2014
Der Herr Kunz versucht nett zu wirken, aber es handelt sich hier einzig und allein um eine äusserst perfide Doppelmoral, wenn Mensch sich über das Sterben eines Wals empört, aber Chicken Nuggets aus Massentierhaltung isst. Wir bezeichnen uns gerne als gebildet, doch obwohl wir die tierquälerischen Bedingungen von Massentierhaltung genau kennen, essen wir unbeeindruckt entsprechende Produkte und bezeichnen uns obendrauf oft noch äusserst schamlos als Tierschützer. Wie soll es so mit der Welt was werden?
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