«Timmy wird sterben und niemand wird mehr an ihn denken»
Seit einiger Zeit konzentriert sich das öffentliche Interesse stark auf Einzelschicksale von Tieren. Wir hatten den einsamen Pinguin, der in die falsche Richtung watschelt; dann kam das Äffchen Punch, das wir dabei beobachteten, wie es Anschluss an seine Gruppe suchte. Und seit knapp drei Wochen ist es nun Timmy, der Wal, mit dem Hunderttausende mitleiden. Warum interessieren Tierschicksale so fest?
Peter V. Kunz: Auch als Tierrechtler bin ich ja in erster Linie Mensch. Beim Lonely Penguin hatte ich Tränen in den Augen. Wenn ich Aufnahmen von Timmy oder von Punch sehe, dann bewegt mich das wie jeden anderen auch. Trotzdem habe ich gemischte Gefühle: Denn so sehr mich diese Einzelschicksale bewegen, so irrelevant sind sie letztlich für das Tierwohl im Allgemeinen. Die Tiere, die systematisch leiden, bleiben unsichtbar.
Timmys Odysee durch die Ostsee:
Wie sehr leiden Sie gerade mit Timmy?
Er tut mir extrem leid. Am Anfang habe ich wie so viele gehofft, dass sich irgendetwas machen lässt und Timmy gerettet werden kann. Mittlerweile hoffe ich nur noch, dass es für ihn möglichst bald vorbei ist.
Hilft es denn dem Tierschutz, wenn sich die Gesellschaft mit einsamen Pinguinen, verstossenen Äffchen und gestrandeten Walen solidarisiert?
Das klingt jetzt brutal, aber ich bin um jede Situation froh, die den Leuten Anlass gibt, Mitleid mit Tieren zu empfinden. Wenn solche Einzelschicksale dazu führen, dass sich Menschen mehr Gedanken über Tiere machen und sich vielleicht auch für sie einsetzen, ist das besser als nichts. Wenn Geschichten wie die von Timmy oder Punch den einen oder anderen Politiker dazu motivieren, sich im politisch immer noch sehr unbedeutenden Tierschutz zu engagieren, umso besser. Das Problem ist, dass solche Einzelschicksale von Tieren selten nachhaltig wirken.
Sind Tiergeschichten wie die von Timmy oder Punch einfach Ablenkung vor Krieg, Hunger und Tod in der Welt?
Ja, selbstverständlich sind sie das. Ich will das aber niemandem vorwerfen, man kann sich nicht nur ständig mit Negativem beschäftigen. Unser Bezug zu Tieren funktioniert hauptsächlich über Emotionen. Wenn Punch doch noch in der Affengruppe akzeptiert wird und sogar eine Freundin findet, wie jüngst berichtet wurde, löst das zwar die Probleme der Welt nicht. Aber es bietet Zerstreuung und positive Gefühle.
So eroberte Punch unsere Herzen:
Timmy, der Wal. Punch, das Äffchen. Wir geben diesen Tieren Namen und vermenschlichen sie damit. Finden Sie das problematisch?
Bis zu einem gewissen Grad habe ich kein Problem mit der Vermenschlichung von Tieren. Auch unsere Hauskatzen haben jeweils Namen. Auch wenn wir sie nicht vom Tisch essen lassen, sind sie für uns Familienmitglieder. Wenn das dazu führt, dass wir mit ihnen zum Tierarzt gehen, wenn es ihnen schlecht geht, oder teures Katzenfutter kaufen, finde ich das gut. Problematisch hingegen finde ich, dass das menschliche Mitgefühl für Tiere sehr selektiv ist. Nutz- und Versuchstiere sind die grossen Verlierer. Für sie und ihr Schicksal interessiert sich meistens kein Mensch.
Wir können uns beim Mittagessen minutenlang über den armen Timmy unterhalten, während wir gleichzeitig Chicken Nuggets verdrücken.
Leider ist das tatsächlich so. Aber ich bin der Letzte, der von oben herab predigen will: Ich esse selbst Fleisch. Für mich geht es nicht so sehr um die Frage, wie lange das Tier gelebt hat bis zur Schlachtung, sondern ob sein Leben lebenswert war.
Sie fordern seit Jahren, dass der an sich starke Tierschutz im schweizerischen Recht konsequenter umgesetzt wird und Tierquäler schärfer bestraft werden. Wie sehr ärgert es Sie, wenn sich die öffentliche Debatte um Äffchen und Buckelwale dreht?
Ich ärgere mich tatsächlich. Aber mehr über die Behörden und Gerichte, die sich seit Jahren um den Tierschutz foutieren. Solange sie geltende Gesetze ignorieren oder nur sehr milde anwenden, bringt der beste Tierschutz auf dem Papier nichts. Dass die Leute sich für Timmy oder Punch interessieren, finde ich verständlich. Ein Pinguin, der in die falsche Richtung watschelt, oder ein Wal, der Wasserfontänen spritzt, löst in den Köpfen der Menschen selbstverständlich mehr aus, als wenn ich als Professor beklage, dass es an der Umsetzung des Tierrechts in der Schweiz hapert.
Trotzdem bleibt die Erkenntnis: Gewisse Tiere sind uns wichtiger als andere. Wie sollte das Tierrecht damit umgehen?
Es beginnt damit, dass das Tierschutzrecht der Schweiz gerade mal vier Prozent sämtlicher Tiere schützt. Es gilt nämlich nur für Wirbeltiere.
Ich weiss, dass ich das selbst nicht mehr erleben werde, aber ich würde es befürworten, wenn man gewissen Tieren eine Rechtspersönlichkeit zugestehen würde. Auch Tierversuche mit Schweregrad drei, bei denen das Versuchstier gequält und getötet wird, sollten verboten werden. Es gäbe also schon Verbesserungsmöglichkeiten im Gesetz.
Tiere wie Timmy und Punch bewegen sich unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Niemand hat sie gefragt, ob sie das wollen. Sollten sie eigentlich wie Menschen ein Recht auf Privatsphäre haben?
Es gibt tatsächlich Tierrechtsphilosophen, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Ich finde bei Timmy zumindest zweifelhaft, wie sein momentaner Sterbeprozess medial begleitet wird. Er ist nicht mehr zu retten, das wissen wir alle seit mehreren Tagen. Trotzdem bleiben alle Kameras auf ihm. Ich empfinde das als unmenschlich und unanständig.
