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Klimafonds-Initiative: Interview mit Klimaforscher Anthony Patt

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ETH-Professor findet: «Wir brauchen nicht Trumps Öl aus Venezuela»

Klimaforscher Anthony Patt tritt für die Klimafonds-Initiative von SP und Grünen auf. Im Interview spricht er über E-Autos, Fördermittel – und lieber nicht über Donald Trump. Und tut es dann doch.
12.01.2026, 17:1812.01.2026, 17:18
Benjamin Rosch / ch media

Am Dienstag lancieren SP und Grüne den Abstimmungskampf um die Klimafonds-Initiative. Mit auf dem Podium ist Anthony Patt, Professor für Klimapolitik am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich.

ETH-Forscher Anthony Patt sieht die Klimawende auf Kurs.
«Es geht in die richtige Richtung»: ETH-Forscher Anthony Patt sieht die Klimawende auf Kurs.Bild: ETH Zürich

Herr Patt, im Unterschied zu vielen Ihrer Berufskolleginnen und -kollegen gelten Sie als Optimist. Was stimmt Sie so zuversichtlich, wenn Sie auf die Bemühungen gegen den Klimawandel blicken?
Anthony Patt: Wir sehen, dass viele Länder tatsächlich ihre Emissionen gesenkt haben. Selbst hier in der Schweiz sind die Pro-Kopf-Emissionen in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gesunken, ohne dass sich unser Lebensstil ändern musste, ohne negative wirtschaftliche Konsequenzen. Speziell in den nordischen Ländern lassen sich grosse Fortschritte beobachten. In Dänemark zum Beispiel sind die pro-Kopf-Emissionen von Energie und Industrie 70 Prozent gesunken, und die restlichen 30 Prozent kriegen sie in den Griff. Das zeigt: Die Wende ist möglich. Wir können es schaffen.

Im vergangenen Dezember jährte sich das Pariser Klimaabkommen zum zehnten Mal. Da wurde festgestellt, dass die Welt die Klimaziele, unter anderem das 1,5-Grad-Ziel, verpasse. Alles nur Alarmismus?
Nein, gar nicht! Diese Ziele werden wir auf jeden Fall verpassen, höchstwahrscheinlich haben wir es bereits. Ich sage gar nicht, es sei alles okay. 1,5 Grad haben grosse Konsequenzen. Aber ich meine: Eine Erwärmung um lediglich 2 Grad ist mit Anstrengung noch möglich, und das ist viel besser als 2,5. Vor 15 Jahren waren wir auf Kurs zu 3,5 oder 4. Es geht in die richtige Richtung.

Sind Sie sich da sicher? Deutschland diskutiert über eine Aufhebung des Verbrennerverbots, Donald Trump stellt den menschengemachten Klimawandel ohnehin in Frage …
Zu Donald Trump möchte ich am liebsten nichts sagen. Dieser Backlash ist enorm und er hat Auswirkungen auf die ganze Welt. Zum Verbrennerverbot habe ich ein bisschen eine andere Haltung. Deutschland verfolgte das Ziel einer Emissionsreduktion bei Neuwagen um 100 Prozent per 2035. Nun sind es 90 Prozent. Ein Rückschritt, ja, aber kein besonders tragischer. Die Zukunft gehört ohnehin der Elektromobilität, die restlichen 10 Prozent werden kommen.

President Donald Trump speaks to reporters while in flight on Air Force One to Joint Base Andrews, Md., Sunday, Jan. 11, 2026. (AP Photo/Julia Demaree Nikhinson)
Donald Trump
Der US-Präsident Donald Trump.Bild: keystone

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Glauben Sie noch an Netto-Null bis 2050, wie es die Schweiz im Klimaschutzgesetz vor wenigen Jahren verankert hat?
Das ist auf jeden Fall realistisch. Die Schweiz erzielt Fortschritte in den zwei grössten Emissionsquellen: Verkehr und Heizen. Schwieriger ist die Umstellung der Industrie. Wir werden sehen, was sich bewerkstelligen lässt. Und klar ist: Das wird nicht von allein passieren; es braucht weitere Anstrengungen.

Sie sind Mitglied im Weltklimarat. Wie gut steht denn die Schweiz in einem internationalen Vergleich da?
Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten: ziemlich durchschnittlich. Die Schweizer Klimapolitik ist ambitionierter als viele östliche Länder, Japan und Australien beispielsweise. Die EU, vor allem die nordischen Länder sind aber weiter. Die USA – vor allem einige Staaten wie Kalifornien und New York – waren lange nicht schlecht unterwegs, aber das hat sich jetzt unter Trump rapide geändert. Also wir sind nicht wie die heutigen Amerikaner, aber wir sind überhaupt keine Spitzenreiter.

Und jetzt engagieren sie sich politisch. Sie befürworten die Klimafondsinitiative von SP und Grünen.
Das würde ich nicht unbedingt sagen.

Parlamentarier der SP und der Gruenen posieren mit Transparenten vor dem Bundeshaus waehrend einer Fotoaktion zur Klimafonds-Initiative, nach der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, ...
Politiker der SP und der Grünen bewerben ihre Klimafondsinitiative vor dem Bundeshaus in Bern.Bild: keystone

Bitte? Sie treten an der Pressekonferenz für die Initiative auf!
Ja, aber ich wurde als Experte um eine Einschätzung dazu gebeten. Ich verstehe das nicht als politisches Engagement. Aber ich kann inhaltlich etwas dazu sagen, als Wissenschaftler.

Und was sagen Sie als Wissenschaftler zur Initiative?
Als Wissenschaftler finde ich sie zielführend. Was ich sage, belegt die Fachliteratur im In- und Ausland, das belegen zahlreiche Studien auch aus der Schweiz: Dass der Fortschritt schneller vorangeht, wenn der Staat neue Technologien fördert. Am besten ist ein Zusammenspiel aus drei Massnahmen: Förderung von innovativen Technologien, Vorschriften, wenn sich diese durchzusetzen beginnen, und zuletzt Lenkungsabgaben. Dies vor allem als Einnahmequelle für die Förderung, und sobald die kohlenstoffarmen Technologien bereits attraktiv sind. Alle drei sind nötig, aber man sieht auch, dass die Förderung bis jetzt am meisten gebracht hat. Und zwar um Faktor fünf bis zehn gegenüber den anderen beiden.

Auf der Webseite der Initiative steht, mit dem Geld aus dem Klimafonds sollen «mehr Solarpanels gebaut, Gebäudesanierungen vorangetrieben, der öffentliche Verkehr ausgebaut und der Erhalt der Biodiversität und der Artenvielfalt gefördert werden.» All dies wird bereits getan.
Das stimmt. Aber es muss viel schneller gehen, um das Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen.

Huberversität: Klima und Wetter
Um das Netto-Null-Ziel 2050 zu erreichen, bräuche mehr Investitionen.Bild: Shutterstock

Schneller bedeutet schlicht mehr Geld?
Es braucht mehr Investitionen. Und diese Rolle kann der Staat teilweise übernehmen.

Normalerweise definiert die Politik ein Problem, dann schaut sie, was es kostet und schliesslich regelt sie die Finanzierung. Der Klimafonds geht den umgekehrten Weg: Man äufnet viel Geld und dann schaut man, was man daraus bezahlen kann. Haben Sie konkrete Vorschläge?
In der Schweiz werden in den kommenden Jahren vor allem grosse Investitionen in der Industrie nötig. Bei der Prozesswärme beispielsweise, oder bei Zementanlagen. Hier wird die Schweiz nicht darum herumkommen, CO-Abscheidungs- und Speicheranlagen zu bauen. Dafür braucht es Pipelines für CO, welche viel Geld kosten. Auch bei bestehenden Gebäuden gibt es noch viel Potenzial, dazu Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität. Wir sehen beispielsweise in Zürich, dass die bestehenden Töpfe auf kantonaler Ebene sich rasch leeren, wenn man die Dinge wirklich anpackt.

Die Initiative sieht jährlich 0,5 bis 1 Prozent des BIP für den Klimafonds vor. Reicht das?
Man kann sagen: Es hilft. Berechnungen des Weltklimarats gehen davon aus, dass ein Industrieland wie die Schweiz gesamthaft 2 bis 4 Prozent des BIP investieren muss, um die Wende zu schaffen. Wenn davon rund ein Viertel aus dem Klimafonds stammt, ist bereits viel getan – aber es entbindet Gesellschaft und Wirtschaft nicht von ihren Pflichten.

epa12526442 People attend a Fridays for Future demonstration 'Global climate strike during the World Climate Conference' in front of Brandenburg gate in Berlin, Germany, 14 November 2025. EP ...
Menschen demonstrieren in Berlin für mehr Einsatz er Politik für das Weltklima.Bild: keystone

Bereits jetzt existieren auf Gemeinde- und Kantonsebene viele Fördermittel. Besteht nicht die Gefahr, dass diese ihre Kosten einfach auf den Bund überwälzen würden?
Das sind letztlich politische Entscheide. Dazu möchte ich nichts sagen. Ich kann lediglich aus wissenschaftlicher Sicht belegen, dass Fördermittel einen Wandel bringen. Studien zeigen, dass die Mehrheit der Menschen den Umstieg auf erneuerbare Energien befürwortet, solange dies nicht zu höheren Lebenshaltungskosten führt oder erhebliche Änderungen im Lebensstil erfordert. Nahezu alle erforderlichen Änderungen bestehen diese beiden Tests, wie beispielsweise die Isolierung eines Hauses und die Installation einer Wärmepumpe, die die Heizkosten in den kommenden Jahren senken. Allerdings sind die anfänglichen Investitionskosten oft hoch und erfordern mentale Energie, was ein Grund dafür ist, dass Familien und Unternehmen nur langsam Veränderungen vornehmen. Förderung ist wirksam, um Investitionen anzuregen. Die Investitionen bringen der Gesellschaft mehr Wohlstand. Und all dies ist politisch machbar.

Die öffentliche Diskussion in der Schweiz zielt derzeit in eine andere Richtung: Es wird um Geld gestritten für die Armee, nicht gegen den Klimawandel. Beobachten Sie den erwähnten Backlash auch in der Schweiz?
Ja, wir machen weniger Fortschritte, als ich noch vor wenigen Jahren gehofft hatte. Es gab diesen Moment vor der Pandemie, da schien die ökologische Wende auf dem Vormarsch und unantastbar. Andere Herausforderungen, wie beispielsweise Krieg, haben zu neuen Prioritäten geführt, was ich nachvollziehen kann. Ich hoffe, dass man versteht, dass der Übergang zu erneuerbaren Energien unsere Sicherheit erhöht. Unsere Autos und Häuser, unsere Lastwagen und Industrie benötigen nicht das Öl, das Trump aus Venezuela fördern möchte. Es liegt an uns als Gesellschaft, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen. Und ich bin überzeugt, dass wir es können. (aargauerzeitung.ch)

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83 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Vision2060
12.01.2026 17:30registriert April 2021
Da bin ich ganz bei Anthony Patt. Man muss wollen, dann kriegen wir es hin. Anstatt Milliarden für Öl und Gas ins Ausland schicken, lieber die Wertschöpfung im Land behalten .
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banda69
12.01.2026 18:17registriert Januar 2020
"Zu Donald Trump möchte ich am liebsten nichts sagen. Dieser Backlash ist enorm und er hat Auswirkungen auf die ganze Welt."

Ja. Es ist unglaublich wie ein einzelner Rechtspopulist weltweit nachhaltig Schaden anrichtet. Und die SVPler jubeln ihm zu. Bis hoch in den Bundesrat.

Und ja. Rechtspopulismus ist, wenn Geld und Gier vor Mensch und Umwelt kommen.
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Henzo
12.01.2026 17:47registriert August 2014
Wie viel CO2 und andere schädliche Emmissionen würde man sparen, wenn die Welt auf Kriege verzichten würde? …leider ein uthopischer Gedanke wie mir gerade scheint.
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