«Alles unter den Teppich gekehrt»: Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe gegen USZ
70 vermeidbare Todesfälle innert weniger Jahre: Der Bericht über die Verfehlungen am Zürcher Universitätsspital (USZ) hat grosse Betroffenheit ausgelöst. Der Mann, der die Verfehlungen aufgedeckt hat, spart nicht mit Kritik an der Klinikleitung.
André Plass, Sie hatten im Fall Maisano die Meldungen erstattet, welche die Aufarbeitungen ins Rollen brachten. Und sagen nun: Sie vertrauen dem Umgang des Unispitals mit dem Untersuchungsbericht nicht. Warum?
Die Führung des Unispitals hat jahrelang versucht, alles, was mit Maisano zu tun hatte, unter den Teppich zu kehren. Obwohl sie es besser wussten. Dass dieser Bericht nun eine nachhaltige Kehrtwende sein soll, bleibt abzuwarten. Diese übermässige Betroffenheit bei der Pressekonferenz erschien recht inszeniert.
Dabei bestätigt der Bericht Ihre Aussagen: Es lief so ziemlich auf allen Ebenen alles falsch, was hätte falsch gemacht werden können.
Das stimmt, der Bericht bestätigt meine Meldungen vollumfänglich. Er enthält aber bei weitem nicht alles, was ich gemeldet habe. Die fragwürdigen Einsätze von Implantaten kommen zwar vor, aber längst nicht so ausführlich wie nötig. Stattdessen konzentriert man sich auf die mangelnde Qualität und das Führungsversagen. Es ist dieselbe Taktik, die das USZ bereits hatte: Alle neben Maisano und seinem Netzwerk sollen mitverantwortlich gemacht werden.
Sie sagen, dass das System am USZ gescheitert ist.
Natürlich hat das System versagt. Aber das System gibt es nicht ohne die Einzelpersonen, die es repräsentieren, die auch schon seit Jahren Bescheid wussten. Es sind bis heute noch Leute in Schlüsselpositionen, die von Maisanos Netzwerk profitiert und ihn geschützt haben. Und die Reihenfolge der Probleme, wie sie im Bericht aufgeführt werden, ist auf gewisser Ebene verkehrt: Er verfehlt eigentlich, wie sich die ganze Katastrophe entwickelte.
Wie meinen Sie das?
Der Bericht stellt es tendenziell so dar, als seien der Einsatz der fragwürdigen Implantate und die schlechte Qualität im Team voneinander losgelöst. Maisano steht dann quasi als grosser Innovator da, der einfach kein guter Chef war und kein Geschick auf Führungsebene besass. Dabei war der vorangetriebene Einsatz der Implantate der Auslöser dafür, dass die Qualität im Team überhaupt sank. Maisano hat systematisch Geräte eingesetzt, von denen er wissen musste, dass sie nicht funktionieren konnten, um damit möglicherweise Millionen zu scheffeln. Er hat sich gezielt ein Team an Handlangern aufgebaut.
Der Bericht schliesst, dass die Patienten nicht wegen der Implantate starben, sondern wegen der schlechten Arbeitsqualität im gesamten Team. Stimmt das nicht?
Durch den Einsatz dieser Implantate kamen zahlreiche Patienten zu Schaden und einige verstarben. Und weitere Patienten kamen aufgrund der sich laufend verschlechternden Qualität, da der Fokus auf diesen Implantaten lag, ums Leben. Jeder einzelne davon ist einer zu viel. Aber der eigentliche Skandal liegt in diesen Implantaten. Dort, wo möglicherweise mit Vorsatz kriminell gehandelt und Geld verdient wurde. Auch wenn betroffene Patienten überlebt haben, haben sie bedeutende Schäden erlitten. Und verwerflicher: Sie waren wie ein Mittel zum Zweck. Für diese Handlungen gibt es klare Verantwortliche...
...wie Maisano. Aber auch er wurde auf allen Ebenen geschützt. Wie sehr kann man das seinen Führungspersonen vorhalten?
Es ist ein ganzes Netzwerk, das Maisano geschützt hat – und auch davon unterschiedlich profitiert hat. Da sind hunderte Millionen Franken geflossen, also kann sich das nicht auf eine Handvoll Leute beschränken. Und es gibt konkrete Vorkommnisse. Wenn ein Draht riss, wurde einfach ein neuer darüber gesetzt und so getan, als wäre nichts geschehen. Operationsvideos wurden so geschnitten, dass von Fehlern nichts zu sehen war. Zudem rissen bei zahlreichen Patienten Schrauben aus. Wenn man das nun als generellen «Teamfehler» abtut und alles auf das System schiebt, wird das dafür verantwortliche Netzwerk mit spezifischen Einzelpersonen geschützt. Bis heute sitzen zentrale Personen in dieser Geschichte unverändert in Führungspositionen am USZ.
Wer denn?
Zum Beispiel die Führungspersonen, die trotz mehrfacher Meldungen letztendlich wegsahen, die Vorgänge sogar unterstützten oder dies benutzten, um davon auf welche Art und Weise auch immer zu profitieren. Die beiden damaligen Spitaldirektoren etwa, der frühere Kardiologie-Direktor, aber auch der heutige Spitaldirektor und frühere Pneumologie-Chef oder der Leiter der Nuklearmedizin. Sie verstecken sich nun im Nebel eines allgemeinen «Systemversagens».
Das USZ will sich in offensiver Transparenz üben und schützt dabei immer noch jene, die den Skandal ermöglicht haben. Wie sähe eine bessere Aufarbeitung aus?
Man müsste die aktuelle Darstellung weiter ausführen und möglicherweise sogar revidieren. Statt sich hinter Statistiken zu verstecken und auf Zahlen zu fixieren, müsste man den Mechanismus dahinter konsequent aufzeigen, der überhaupt dazu geführt hat, dass die Qualität so litt. Die fragwürdigen Implantate und massiven Geldflüsse von hunderten von Millionen US-Dollar dürfen nicht zum Nebenschauplatz werden.
(aargauerzeitung.ch)

