Schweiz
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Mitarbeiter des Bundesamtes fuer Gesundheit (BAG) verteilen am Bahnhof Chiasso Broschueren ueber die Praeventionskampagne des Bundesamtes fuer Gesundheit gegen die Ausbreitung des Coronavirus COVID-19, am Freitag, 28. Februar 2020, in Chiasso. (KEYSTONE/Ti-Press/Francesca Agosta)

Employees of the Swiss Federal Office of Public Health are distributing brochures at Chiasso station about the prevention campaign of the Federal Office of Public Health against the spread of the coronavirus COVID-19, on Friday, February 28, 2020, in Chiasso. (KEYSTONE/Ti-Press/Francesca Agosta)

Das BAG hat einprägsame Kampagnen lanciert, arbeitet aber noch mit Faxgeräten. Bild: TI-PRESS

Interview

Anja Wyden Guelpa im Gespräch über Corona – und unsere Nullrisiko-Kultur

Bund und Kantone haben die Coronakrise bislang gut gemeistert. Gleichzeitig hat sie Mängel bei der Digitalisierung aufgezeigt. Dies sei Ausdruck einer Nullrisiko-Kultur, sagt die frühere Genfer Staatskanzlerin Anja Wyden Guelpa im Interview. Mit der CivicChallenge will sie die Innovation im öffentlichen Sektor fördern.



Bund und Kantone mussten in der Coronakrise viel Kritik einstecken. Was sagen Sie dazu?
Anja Wyden Guelpa:
Im globalen Vergleich steht die Schweiz gut da. Die Reaktion auf das Virus war seriös und verhältnismässig. Man hat weder den Teufel an die Wand gemalt noch gleichgültig gehandelt. Die Lage war ernst, der Direktor des Kantonsspitals Genf hat mir gesagt: Wir waren 48 Stunden von der Katastrophe entfernt. Man muss das irgendwann aufarbeiten. Mich würde zum Beispiel der Unterschied zwischen Schweden und der Schweiz interessieren.

Wie beurteilen Sie die Kommunikation von Politik und Verwaltungen?
Ich kann das nur von aussen beurteilen, fand sie aber bescheiden, authentisch und ehrlich. Das ist vielleicht das Génie Hélvétique, wie es Jean-Stéphane Bron in seinem Film «Mais im Bundeshuus» genannt hat. Wir sind nicht eloquent, keine grosse Nation, aber wir machen es seriös und gut. Das unterscheidet uns von Frankreich, wo es hiess «Nous sommes en guerre!» und gleichzeitig wurden die Leute in ihren Wohnungen eingesperrt.

La chancelliere d'Etat Anja Wyden Guelpa annonce les resultats finaux sur la loi de la police apres le deuxieme recomptage des bulletins de vote, lors du point de presse du Conseil dEtat, ce mercredi 11 mars 2015 a Geneve. A Geneve, le resultat de la votation dimanche sur la loi sur la police est officiellement confirme. Au regard de l'ecart infirme de 42 voix qui separait les oui des non, la chancellerie d'Etat a procede a un deuxieme depouillement, qui donne cette fois une avance de 54 voix aux

Die Oberwalliserin Anja Wyden Guelpa war von 2009 bis 2018 Staatskanzlerin des Kantons Genf. Sie ist Gründerin und Leiterin des civicLab. Bild: KEYSTONE

Worin äussert sich dieses Génie Hélvétique noch?
In meiner Coaching-Arbeit ist mir aufgefallen, dass die Menschen in vielen Ländern kein Vertrauen in ihre Regierungen haben. Das war etwa in England der Fall und führt dazu, dass die Leute einer Massnahme selbst dann misstrauen, wenn sie eigentlich gut und richtig ist. In der Schweiz haben wir das Glück, dass wir uns selbst und unseren Autoritäten vertrauen. Deshalb akzeptieren wir auch einschneidende Massnahmen.

«Wir gehören im internationalen Vergleich nicht zur Spitzenklasse, obwohl wir eigentlich das Zeug dazu hätten, und das hat auch mit dem Föderalismus zu tun.»

Anja Wyden Guelpa

Im Zusammenhang mit Corona wurde aber der Vorwurf laut, der schweizerische Föderalismus sei ein Schönwetter-Konzept.
Ich bin keine Crypto-Föderalistin, wie es viele in den Kantonen gibt. Aber wie die meisten Schweizer bin ich stolz auf unser System. Teilweise ist der Föderalismus aber eine zweischneidige Angelegenheit. Er kann Innovation fördern, indem man gewisse Dinge in den Kantonen ausprobiert. Ein Beispiel ist die Mutterschaftsversicherung, die es zuerst in Genf gab. Dort wurde auch die Proporzwahl rund 20 Jahre vor der nationalen Ebene eingeführt.

Und was ist die Kehrseite?
In gewissen Dingen verlangsamt uns der Föderalismus. Das zeigt sich besonders bei der Modernisierung und Digitalisierung der Schweiz. Wir gehören im internationalen Vergleich nicht zur Spitzenklasse, obwohl wir eigentlich das Zeug dazu hätten, und das hat auch mit dem Föderalismus zu tun. Wir müssten heute die Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts bauen, wie früher die Eisenbahntunnels und die Nationalstrassen. Der Wechsel von einem Kanton zum anderen ist mit einem grossen administrativen Aufwand verbunden, weil die Vernetzung nicht vorhanden ist.

Warum sind wir bei der Digitalisierung so rückständig?
Der eine Grund ist wie erwähnt der Föderalismus. Er bremst uns zu oft, weil niemand sagt, wir ziehen das jetzt durch. Das Gegenbeispiel ist China, das in der Digitalisierung oder auch der Ökologie plötzlich riesige Fortschritte macht, weil es von oben so verordnet wird, aber es fehlt halt an Freiheit und Demokratie. Und der zweite Grund ist aus meiner Sicht, dass wir zu gut sind.

ARCHIVBILD --- ZUM TAGESGESCHAEFT DER FRUEHJAHRSSESSION AM DONNERSTAG, 21. MAERZ 2019, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES THEMENBILD ZUR VERFUEGUNG -- Drohnenaufnahme auf das Autobahn-Dreieck Zuerich West, am 10. Oktober 2018 in Zuerich. Links das Portal des Uetlibergtunnels. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Wie einst die Nationalstrassen sollte die Schweiz heute digitale «Autobahnen» bauen. Bild: KEYSTONE

Was meinen Sie damit?
Uns drückt der Schuh nicht so stark, dass wir den nötigen Schritt machen. Aus meiner persönlichen Optik sehe ich noch einen dritten Grund: Das Thema ist für Exekutivpolitiker nicht attraktiv. Digitalisierung bedeutet, das Backoffice besser zu organisieren und aufzuräumen. Das ist nicht so sexy, wie wenn man Neues ankündigt und verspricht. Man macht keine Schlagzeilen, wenn man sein Zimmer aufräumt.

«Wenn nie etwas schief geht, war man faktisch zu wenig ambitioniert.»

Anja Wyden Guelpa

Deshalb arbeitet das Bundesamt für Gesundheit immer noch mit Faxgeräten.
Es tut mir leid, dass dies zu einem Paradebeispiel wurde, wo doch das BAG unter den Bundesämtern ein dynamisches ist und die Krise gut meistert. So lange etwas funktioniert, muss man nichts unternehmen. In anderen Ländern ist der Service Public so schlecht, dass irgendwann der Druck entsteht, etwas zu verändern.

Mit der CivicChallenge wollen Sie die Mitarbeitenden in den Verwaltungen motivieren, innovative Konzepte zu entwickeln. Worum geht es genau?
Veränderung ist nie einfach. Das trifft auch für private Unternehmen zu. 74 Prozent aller Transformationsprojekte sind Misserfolge. Fragt man die Leute an der Front, ist der Anteil noch höher. Im öffentlichen Sektor ist es noch etwas schwieriger, weil die Politik als emotionaler und zum Teil irrationaler Akteur hinzukommt. Innovation bedeutet, dass man Neues ausprobiert und dadurch Risiken eingeht, und leider gibt es in der Politik immer jemanden, der es ausschlachtet, wenn es irgendwo Probleme gibt. Das führt zu einer Nullrisiko-Kultur. Sie hat sich in den letzten 20 Jahren sogar verstärkt, womöglich auch wegen den Sozialen Medien.

Wie äussert sich das konkret?
Selbst wenn sich alle Parteien auf ein Projekt verständigen, gibt es garantiert irgendeinen Hinterbänkler, der sonst nie in den Medien vorkommt und die Gelegenheit nutzt, um eine negative Stimmung zu erzeugen. Dieses Blaming ist zu einer Art Nationalsport geworden. Es führt dazu, dass man sehr vorsichtig ist. Das ist nicht gut für die Innovation. Wenn nie etwas schief geht, war man faktisch zu wenig ambitioniert.

Schuelerinnen und Schueler an ihrem ersten Schultag nach den Ferien, an einer Primarschule in Chiasso, am Montag, 31. August 2020. Fuer die Schueler bis 12 Jahre besteht im Kanton Tessin keine Maskenpflicht, fuer die Lehrer gilt Maskenpflicht in Gemeinschaftsraeumen (wie den Gaengen oder Eingangshallen, nicht aber im Schulzimmer) oder wenn sie fuer mehr als eine Viertelstunde nicht den noetigen Abstand zu den Schuelern halten koennen. (KEYSTONE/Ti-Press/Elia Bianchi)

Man kann Schulklassen mit mehr als 30 Kindern bilden, aber dann bleiben sie dem Staat vielleicht als Sozialfälle und Arbeitslose erhalten, meint Anja Wyden Guelpa. Bild: keystone

Wir haben kein günstiges Klima für Innovationen?
Dabei wären sie gerade im öffentlichen Sektor wichtig. Private Firmen sind durch Konkurrenzdruck oder Konkursgefahr gezwungen, sich anzupassen. Der Staat kann eigentlich nicht Konkurs gehen, er hat eine gewisse Monopolstellung. In den nächsten Jahren aber werden die Ausgaben, die man nicht wirklich beeinflussen kann – Bildung, Sicherheit, Gesundheit, Alterung der Bevölkerung – stärker ansteigen als die zusätzlichen Steuereinnahmen. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Man macht weniger mit weniger. Das führt kurzfristig zu Einsparungen, kann langfristig aber sehr teuer werden. Wenn man Schulklassen mit 30 oder 35 Kindern bildet, spart man Kosten, aber vielleicht bleiben sie dem Staat langfristig erhalten, als Sozialfälle und Arbeitslose.

«Ich hoffe, dass jetzt auch der nötige Schub bei der Digitalisierung entsteht. Wenn nicht jetzt, wann dann?»

Anja Wyden Guelpa

Was ist die zweite Möglichkeit?
Wir verändern etwas, wenn auch vielleicht mit weniger Geld. Das ist immer schwierig. Dabei weiss ich aus eigener Erfahrung, dass viele Leute im öffentlichen Sektor sehr engagiert sind. Sie haben Ideen, aber keine Zeit und kaum Raum, um sie zu entwickeln, physisch und im übertragenen Sinn. Manchmal fehlen auch Innovations-Methoden. Hier setzt die CivicChallenge an. Sie will Leute mit Innovationsgeist unterstützen und motivieren.

Können Sie das genauer erläutern?
Ein Negativbeispiel ist eine Erdbeere in einem Gurkenglas. Damit sind innovative und dynamische Leute gemeint, die etwas verändern wollen. In einem risikoscheuen Umfeld hat eine solche Erdbeere nach ein paar Monaten vielleicht noch eine andere Farbe als die Gurken, aber den gleichen Geschmack. Ein Ziel der CivicChallenge ist deshalb die Vernetzung dieser Leute. Wir haben im Kanton Genf versucht, die «Erdbeeren» zusammenzubringen, mit einem Friday Night Beer oder mit Events, an denen sie sich ermutigen und bereichern und sich gegenseitig helfen. Ein weiteres Ziel des Projekts ist es, den öffentlichen Sektor in der Schweiz für innovative Menschen attraktiv zu halten.

Wie stellen Sie sich das vor?
Junge Leute wollen die Welt verändern, aber sie denken dabei an Consultingfirmen oder NGOs und nicht an den öffentlichen Sektor. Nehmen wir das Beispiel von Patrick Aebischer, der die ETH Lausanne von einer kantonalen Ingenieurschule zu einer Universität von Weltruf umgewandelt hat. Dafür hat er gezielt Glamourprojekte wie Alinghi gefördert, um Geld für die weniger attraktive Grundlagenforschung zu generieren. CivicChallenge soll zeigen, dass innovative und mutige Projekte im öffentlichen Sektor möglich sind und so auch gute junge Talente in die Verwaltung ziehen.

CivicChallenge

Dieses Jahr wurde erstmals der Wettbewerb CivicChallenge ausgetragen, der innovative Projekte in den Schweizer Verwaltungen fördern will. Aus den 71 eingegangenen Vorschlägen hat eine Jury die zehn besten Ideen ausgewählt. Sie werden nun in Workshops weiterentwickelt. Am 26. November werden vier Siegerprojekte im Berner Rathaus mit je 30'000 Franken bedacht.

Der erste Projektwettbewerb läuft. Wie sieht Ihre vorläufige Bilanz aus?
Extrem gut. Wir sind positiv überrascht über die Teilnehmerzahl. Es ist das erste Jahr, wir haben kaum Geld für Marketing, und es ist nicht einfach, an die Beamten heranzukommen. Es gibt keine Fachpresse oder Konferenzen, an denen man die Leute treffen kann. Und dann mussten wir wegen Covid die meisten geplanten Anlässe absagen. Die 71 Eingaben und 128 Personen übertreffen deshalb unsere Erwartungen bei weitem. Ich habe eher mit 25 gerechnet.

Könnte Covid-19 den erhofften Innovationsschub in den Verwaltungen auslösen?
Das ist für mich eine Erklärung, warum trotzdem 71 Projekte eingereicht wurden. Diese Leute waren vermutlich schon in den Startblöcken, wurden bis jetzt aber immer gebremst. Covid hat ihnen Mut gemacht, etwas zu investieren. Ich hoffe, dass jetzt auch der nötige Schub bei der Digitalisierung entsteht. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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