DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Jean-Michel Cina ist Präsident des SRG-Verwaltungsrats.
Jean-Michel Cina ist Präsident des SRG-Verwaltungsrats.
Bild: keystone
Interview

SRG-Präsident Cina: «Eine schlechte Entscheidung ist keine Lüge»

Nach der Bekanntgabe der ersten Ergebnisse der Ermittlungen zu den Mobbing-Vorfällen beim Westschweizer Fernsehen RTS, verteidigt der SRG-Verwaltungsratspräsident seine Entscheidungen. Darunter die, Gilles Marchand als SRG-Generaldirektor zu behalten.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
17.04.2021, 11:34
Mehr «Schweiz»

Sechs Monate nach der «Le Temps»-Recherche, liegen nun die ersten Ergebnisse einer Expertenuntersuchung vor. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Arbeit damit getan ist?
Jean-Michel Cina:
Nein, sie ist damit noch nicht abgeschlossen. Wir werden jetzt die Massnahmen umsetzen, die aufgrund der Untersuchungen des SRG-Verwaltungsrats beschlossen wurden – insbesondere jene Massnahmen zur Bekämpfung von Mobbing innerhalb der SRG. So schlagen wir etwa vor, für jede Geschäftseinheit Vertrauenspersonen innerhalb der SRG einzuführen. Darüber hinaus planen wir, in jeder Region externe Ombudsstellen zu schaffen, an die sich SRG-Mitarbeitende wenden können. Ausserdem wollen wir in Zusammenarbeit mit unserem Sozialpartner SSM und den Mitarbeitenden weitere Massnahmen zur Verbesserung unseres Systems prüfen. Der Verwaltungsrat wird den kulturellen Wandel – den wir uns alle wünschen – weiterhin unterstützen.

Am Ende gab es keine wirklichen Sanktionen, ausser für «Georges»*, der einen Verweis erhielt. Das scheint nicht viel zu sein – verglichen mit dem Leid der Mitarbeitenden, verursacht durch bestimmte Handlungen der RTS-Kaderpersonen. Wie erklären Sie sich das?
Von den drei analysierten Fällen wurden zwei sanktioniert. Von denen verliess eine Person das Unternehmen, die weitere Person erhielt einen Verweis. Der dritte Mitarbeiter wurde entlastet. Wir werden die der Anwaltskanzlei «Collectif de Défense» vorgelegten Zeugenaussagen weiter auswerten – obschon uns von dieser Kanzlei bestätigt wurde, dass keine Dringlichkeit für weitere Untersuchungen besteht.

Die Recherche von «Le Temps» basiert also auf Lügen?
Es ist nicht meine Aufgabe, die Arbeit von «Le Temps» zu beurteilen. Der SRG-Verwaltungsrat und die Direktion verliess sich auf unabhängige – aber auf einen bestimmten Bereich fokussierte – Untersuchungen.

Man hört aber, dass dass es nun zu Klagen gegen «Le Temps» kommen wird …
Die RTS-Direktion wird diese Frage prüfen. Zudem hat Darius Rochebin bereits eine Klage gegen «Le Temps» eingereicht.

Was SRG-Generaldirektor Gilles Marchand betrifft: Im Untersuchungsbericht werden Fehler erwähnt, die jedoch seine «sekundären» Aufgaben betreffen. Was waren das für Fehler?
Der Untersuchungsbericht zeigte auf, dass die «sekundäre Aufsichtsverantwortung» in einem Fall nicht ausreichend wahrgenommen wurde. Der Fehler wird im Bericht aber nicht als schwerwiegend betrachtet. Der Verwaltungsrat hat deshalb Gilles Marchand das Vertrauen ausgesprochen und ist gemeinsam mit der SRG-Direktion der Meinung, dass er die richtige Person ist, um die notwendigen Änderungen in der Unternehmenskultur der SRG erfolgreich umzusetzen.

Aber dennoch: Die Position von Gilles Marchand ist von grosser Bedeutung. Hat er nicht die Aufgabe, ein Vorbild zu sein?
Ja, aber seine Fehleinschätzung wird von Experten nicht als schwerwiegend bewertet. Ausserdem haben wir keine Hinweise, die an der Integrität von Gilles Marchand zweifeln lassen. Auch aufgrund der Erfahrung und der bereits von Gilles Marchand gemachten Zusagen – ich denke insbesondere jene zur Geschlechtervielfalt, Lohngleichheit oder den Frauenanteil unter den Führungskräften (30 % innerhalb der SRG) – sind wir der Meinung, dass er in der Lage sein wird, mit den verschiedenen Abteilungen der SRG zusammenzuarbeiten, um diesen Kulturwandel umzusetzen. Sein bisheriges Engagement für den Service Public zeigte, dass er der richtige Mann ist für die zukünftigen Herausforderungen der SRG.

Wie können Sie das rechtfertigen, wenn doch Marchand zu seiner Zeit als SRG-Chef von den Handlungen bestimmter Mitarbeiter wie «Robert»* wusste?
Auch hier stützen wir uns bezüglich des Generaldirektors auf die Schlussfolgerungen der Experten. Grundlage unserer Entscheidung ist ausschliesslich der Bericht – und nicht irgendwelche Werturteile.

Was die Belegschaft betrifft: Gilles Marchand sagte in der RTS-Sendung «Mise au point», dass er von bestimmten Vorfällen nichts wisse, obwohl dies sehr wohl so war. Er hat also seine Mitarbeitenden belogen. Wie kann jetzt das Vertrauen wiederhergestellt werden?
Marchand hatte während seiner Zeit als RTS-Direktor Kenntnis von den Vorwürfen gegen den betroffenen Mitarbeiter – er stimmte ja zu, externe Untersuchungen gegen den Mitarbeiter einzuleiten. Was Gilles Marchand im Jahr 2014 sagte, ist deshalb kein Widerspruch: Es ging um die Handlungen des Mitarbeiters während des Zeitraums von 2008 bis 2010. Aber ja, es war ein Fehler, die Untersuchung nicht auf den Zeitraum von 2008 und 2014 auszudehnen. Gilles Marchand räumte dies ein und entschuldigte sich dafür. Eine schlechte Entscheidung ist keine Lüge.

Aber so empfinden es manche Leute …
Wir stützen unsere Entscheidungen auf die Ergebnisse von Untersuchungen. Wir treffen Entscheidungen auf der Grundlage unabhängiger, professioneller und strenger Untersuchungen – und nicht auf Basis irgendwelcher Werturteile.

Wie stark hat die Glaubwürdigkeit der SRG und ihrer verschiedenen Abteilungen nach sechs Monate Krise gelitten?
Wir haben die Pflicht, ein Vorbild zu sein. Heute gibt es Dinge, die wir ändern müssen und ändern wollen. Wir werden jetzt konkrete Schritte zur Veränderung der Unternehmenskultur unternehmen. Der Verwaltungsrat wird diesen Veränderungsprozess ganz genau beaufsichtigen und verfolgen.

* Der Untersuchungsbericht nennt zwei beschuldigte Personen des SRG-Kaders nicht beim Namen, sondern anonymisiert sie als «Robert» und «George». Die wahren Namen sind der Redaktion bekannt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

«Wir haben zu wenig auf Emotionen gesetzt»: GLP-Grossen übt nach CO2-Debakel Selbstkritik

Die Schweizer Klimapolitik steht nach dem Nein zum CO2-Gesetz vor einem Scherbenhaufen. GLP-Chef Jürg Grossen sagt im Interview, was bei der Kampagne schiefgelaufen ist – und warum er als Oberländer die Landbevölkerung nicht versteht.

Herr Grossen, das CO2-Gesetz war grün und liberal, genau wie ihre Partei. Wie sehr schmerzt diese Niederlage?Es tut sehr weh. Vom Bauernverband bis zu allen Parteien ausser der SVP: Mit dieser breiten Allianz an Befürwortern hätten wir klar ins Ziel kommen müssen. Keine Frage.

Was ist schiefgelaufen?Schwierig zu sagen. Der negative Cocktail mit den Landwirtschaftsinitiativen und dem Covid-Blues hat uns sicher nicht geholfen. Aber man kann den Fehler immer bei den anderen suchen. Wir müssen vor …

Artikel lesen
Link zum Artikel