«Über den Berg ist man erst, wenn alle Wunden verschlossen sind»
Ein Monat nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana schweben weiterhin Patientinnen und Patienten in Lebensgefahr. Zwar wurden die Betroffenen noch vor Ort rasch triagiert, sodass jene mit den schwersten Verletzungen möglichst schnell in spezialisierte Zentren im In- und Ausland verlegt werden konnten. Dorthin also, wo moderne Intensivmedizin und spezialisierte Chirurgie verfügbar sind. Das erhöht die Überlebenschancen deutlich – garantiert sie aber nicht.
Am Wochenende ist ein schwerverletzter 18-Jähriger, der im Universitätsspital Zürich behandelt worden war, verstorben. Für viele Betroffene wie auch für die Öffentlichkeit stellt sich damit die Frage, wann nach schweren Verbrennungen überhaupt die Phase relativer Sicherheit beginnt. Kathrin Neuhaus, Chefärztin am Kinderspital Zürich und Leiterin des Zentrums für brandverletzte Kinder, ordnet ein.
Wann gelten die schwerzverletzen Jugendlichen medizinisch als «über den Berg»?
Kathrin Neuhaus: Ganz streng genommen erst dann, wenn alle Wunden geschlossen sind – also wenn die verletzte Haut vollständig durch Eigenhaut ersetzt wurde. Dann sinkt das Infektionsrisiko stark, und der Bedarf an intensivmedizinischer Unterstützung geht deutlich zurück. Davor gibt es wichtige Meilensteine: Wenn jemand etwa nicht mehr beatmet werden muss, wieder wach ist, erstmals steht oder wieder selbst essen kann.
Wie geht es den schwerverletzten Jugendlichen bei Ihnen am Universitäts-Kinderspital Zürich?
Sie befinden sich derzeit in sehr unterschiedlichen Phasen ihres Behandlungsverlaufs. Es hängt stark davon ab, wie schwer sie verletzt waren – also davon, wie viel Körperoberfläche betroffen ist, wie tief die Verbrennungen sind und ob zusätzliche Verletzungen vorliegen. Eine Person konnten wir vergangene Woche nach Hause entlassen. Andere befinden sich auf der Normalstation, mit dem Ziel, sie zeitnah ebenfalls entlassen zu können. Und wir betreuen weiterhin Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation, die nach wie vor im Koma liegen und sich in Lebensgefahr befinden.
Wie weit ist die Wundheilung?
Bei den schwerstverletzten Jugendlichen ist sie noch im Gang. Ein Teil der Wunden ist bereits mit Eigenhaut gedeckt, andere Areale sind noch mit Spenderhaut von Organspenderinnen und -spendern bedeckt. Eigenhaut entnehmen wir aus unverletzten Körperregionen. Je grösser die verbrannte Fläche, desto weniger Haut steht dafür zur Verfügung. Nach einer Entnahme müssen wir zwei bis drei Wochen warten, bis wir an derselben Stelle erneut Haut gewinnen können. Deshalb dauert der Prozess so lange und die Wunden können nur schrittweise gedeckt werden.
Wie sieht es mit Schmerzen aus?
Schmerzempfinden ist sehr individuell. Wir haben Erfahrungswerte, wie gross die Schmerzen einer Person mit einer bestimmten Verletzung sind und entsprechend geben wir die notwendigen Medikamente, mit dem Ziel, dass sie möglichst schmerzfrei sind. Die Patienten, die wach sind und kommunizieren können, fragen wir regelmässig nach den Schmerzen und erhöhen oder verringern dann die Schmerzmedikamente entsprechend.
Und diejenigen, die sich nicht äussern können, etwa im Koma liegen?
Bei ihnen orientieren wir uns an klinischen Zeichen. So beobachten wir etwa Herzfrequenz, Unruhe oder Abwehrbewegungen bei Pflegehandlungen oder beim Umlagern, um auch ihre Schmerzen adäquat zu behandeln. Neben Schmerzen ist auch Juckreiz bei Brandverletzten ein häufiges Problem.
In den Medien konnte man von inneren Verletzungen lesen. Sind auch Organtransplantationen nötig?
Nein. Es geht nicht um Organtransplantationen, sondern um das vorübergehende Ersetzen von Organfunktionen. Ein klassisches Beispiel sind die schweren Rauchgasverletzungen der Lunge, die wir bei den Patientinnen und Patienten teilweise sehen: Diese müssen dann oft über längere Zeit beatmet werden, bis sich die Lunge wieder erholt. Ähnlich kann es auch bei den Nieren sein, deren Funktion nach einer schweren Verbrennung manchmal vorübergehend durch eine Dialyse ersetzt werden muss.
Gehen solche Überbrückungsmassnahmen mit einem erhöhten Risiko einher?
Ja. Schwerbrandverletzte benötigen viele Katheter, welche Fremdmaterial im Körper sind. Ausserdem werden sie teilweise künstlich beatmet. Gleichzeitig fehlt ihnen auch die Haut als natürliche Schutzbarriere, und das Immunsystem ist herunterreguliert. All das erhöht das Risiko für schwere Infektionen, auch zum Beispiel Blutvergiftungen, die in dieser Phase die grösste Gefahr für die Patienten darstellen. Wir arbeiten mit strengen Hygienemassnahmen, legen saubere Verbände an, operieren unter sterilen Bedingungen und geben, wenn notwendig, natürlich auch Antibiotika.
Ist bei jenen, die das Spital bereits verlassen können, die Behandlung abgeschlossen?
Nein, keineswegs. Auch entlassene Patientinnen und Patienten benötigen weiterhin eine engmaschige ambulante Betreuung, etwa durch Ergo- und Physiotherapie sowie regelmässige Kontrollen im Spital.
Wie sieht das Rehabilitationsprogramm der kommenden Woche und Monate aus?
Dieses wird für die Jugendlichen eine der grossen Herausforderungen sein. Gerade auch bei Händen, die viele Gelenke haben und für den Alltag zentral sind, ist intensive Therapie notwendig. Narben werden zunächst dicker und steifer, dagegen muss aktiv gearbeitet werden. Diese Therapien können schmerzhaft sein, lassen sich aber mit gezieltem Schmerzmanagement besser ertragen. Das ist wichtig, denn das Zeitfenster darf man nicht verpassen: Jetzt ist der Moment, in dem man mit viel Therapie sehr viel erreichen kann, nämlich das bestmögliche funktionelle Ergebnis.
Ist das junge Alter der Brandverletzten aus Crans-Montana ein Vorteil?
Ja, vor allem weil Jugendliche in der Regel gesund sind und keine Vorerkrankungen wie etwa Herzkreislauferkrankungen mitbringen. Gleichzeitig ist es ein sensibles Alter, in dem das Aussehen eine grosse Rolle spielt und man seinen Platz in der Gesellschaft sucht. Junge Menschen sind jedoch oft auch flexibler und können sich besser an Veränderungen anpassen.
Gibt es Unterschiede zwischen jungen Frauen und Männern?
Nein, das lässt sich nicht pauschal sagen. Entscheidend für das Ergebnis sind vielmehr die Schwere und der Ort der Verletzungen. Eine Gesichtsverletzung ist etwas anderes als eine Verletzung an einer Körperstelle wie dem Oberschenkel, der meist bedeckt ist. Die Persönlichkeit spielt auch eine Rolle. Sportliche Menschen profitieren manchmal davon, dass sie es gewohnt sind, an ihre Grenzen zu gehen – das kann gerade in der Rehabilitation hilfreich sein.
Welche Rolle spielt die psychologische Begleitung?
Eine sehr grosse. Viele Betroffene werden mit Erinnerungen, vielleicht auch Albträumen, kämpfen müssen. Für Jugendliche aus Crans-Montana oder mit engem Bezug zum Ort kann auch die Rückkehr dorthin besonders schwierig sein. Die Verarbeitung ist wichtig. Sie erhalten von unseren Psychologen unter anderem Werkzeuge, um mit diesen Gefühlen umzugehen. Die psychologische Betreuung geht über den Spitalaufenthalt hinaus.
Seit dem Unglück arbeitet Ihr Team nahezu rund um die Uhr. Ist der Alltag inzwischen wieder eingekehrt?
Die ersten zwei Wochen waren extrem intensiv, praktisch ohne Unterbruch. Danach wurden die Operationen etwas planbarer. So haben wir zum Beispiel versucht, nicht mehr an den Wochenenden im Notfallprogramm zu operieren. Und heute (28.1.2026, Anm. d. Red.) war auch der erste Werktag seit dem Unglück, an dem meine Abteilung keine Operation durchgeführt hat. Dadurch konnten wir erstmals ein paar der vielen verschobenen Sprechstunden nachholen. Vom Normalzustand sind wir noch weit entfernt.
