«Die Schweizer Seite hat uns enttäuscht»: Crans-Montana-Opferfamilien erheben Vorwürfe
Die Kritik am Schweizer Umgang mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana ebbt nicht ab. Hugues Blatti, dessen Sohn Luka (18) mit schwersten Verbrennungen auf der Intensivstation liegt, macht dem Bundesrat gegenüber RTS schwere Vorwürfe.
Er habe Kontakt mit der italienischen Regierung gehabt, sogar ein persönliches Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron:
Blattis Kritik richtet sich konkret an Bundespräsident Guy Parmelin (SVP), der im Rahmen seines Besuches vor Ort in Crans-Montana zwar einige Betroffene empfing. Dabei ist es aber geblieben. Bis jetzt.
Wie der Sonntagsblick berichtet hat Parmelin auf den öffentlichen Druck hin mittlerweile mit Blatti telefoniert.
Nur zwei Tote obduziert
Es ist nicht der einzige Punkt, in dem Angehörige und Hinterbliebene der Verletzten und Toten die offizielle Schweiz kritisieren.
Der Anwalt der Familie von Chiara Costanzo, die bei der Katastrophe in der Le Constallation starb, hat im Interview mit watson kritisiert, dass die Brandopfer nicht obduziert wurden.
Tatsächlich wurden bislang zwei der 40 Toten obduziert. Darüber berichtet die NZZ am Sonntag. Das sei problematisch, weil die Staatsanwaltschaft so nicht abschliessend beweisen könne, woran sie gestorben sind.
Problematischer noch: Die Entscheidung, ob die mittlerweile begrabenen Brandopfer exhumiert werden sollen, überlässt die Staatsanwaltschaft den Hinterbliebenen.
Es sei verwerflich, diese enorme Bürde den trauernden Familien aufzubürden, sagt Jordan, der mehrere Opferfamilien vertritt. In seinen Augen handelt die Staatsanwaltschaft so, weil sie ansonsten vor den Augen der Weltöffentlichkeit ihr Versäumnis zugeben müsste.
Italien ist empört
Italien hat in der Zwischenzeit fünf der sechs Toten mit italienischer Staatsbürgerschaft obduziert – und damit mehr als die Schweiz.
Die Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft stösst im Ausland, insbesondere in Italien, auf scharfe Kritik. Aus Protest an der in ihren Augen ungenügenden Ermittlungsarbeit hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den italienischen Botschafter aus Bern abbestellt.
Mittlerweile hat die Schweiz dem Rechtshilfegesuch Italiens zugestimmt; die italienische Staatsanwaltschaft darf im Fall Crans-Montana mitermitteln.
Am 19. Februar sollen sich die Staatsanwaltschaften aus dem Wallis und aus Rom treffen. Italien macht weitere diplomatische Schritte von den Resultaten dieses Treffens abhängig.
(her)
