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Crans-Montana: Opferfamlien erheben Vorwürfe an die Schweiz

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Bundesrat Guy Parmelin anlässlich der Trauerfeier um die Opfer in Crans-Montana. Angehörige erheben Vorwürfe, er sei zu wenig präsent.Bild: keystone

«Die Schweizer Seite hat uns enttäuscht»: Crans-Montana-Opferfamilien erheben Vorwürfe

Im Gegensatz zu Italien und Frankreich zeige der Schweizer Bundesrat kaum Solidarität, berichten Opferfamilien. Auch die Kritik an der Walliser Staatsanwaltschaft verhallt nicht.
01.02.2026, 08:3601.02.2026, 08:51

Die Kritik am Schweizer Umgang mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana ebbt nicht ab. Hugues Blatti, dessen Sohn Luka (18) mit schwersten Verbrennungen auf der Intensivstation liegt, macht dem Bundesrat gegenüber RTS schwere Vorwürfe.

Er habe Kontakt mit der italienischen Regierung gehabt, sogar ein persönliches Gespräch mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron:

«Aber die Schweizer Seite hat uns enttäuscht – und ich denke, ich spreche da für viele Familien. Es gab keinen Kontakt mit der Eidgenossenschaft.»
Hugues Blatti

Blattis Kritik richtet sich konkret an Bundespräsident Guy Parmelin (SVP), der im Rahmen seines Besuches vor Ort in Crans-Montana zwar einige Betroffene empfing. Dabei ist es aber geblieben. Bis jetzt.

Wie der Sonntagsblick berichtet hat Parmelin auf den öffentlichen Druck hin mittlerweile mit Blatti telefoniert.

Nur zwei Tote obduziert

Es ist nicht der einzige Punkt, in dem Angehörige und Hinterbliebene der Verletzten und Toten die offizielle Schweiz kritisieren.

Der Anwalt der Familie von Chiara Costanzo, die bei der Katastrophe in der Le Constallation starb, hat im Interview mit watson kritisiert, dass die Brandopfer nicht obduziert wurden.

Tatsächlich wurden bislang zwei der 40 Toten obduziert. Darüber berichtet die NZZ am Sonntag. Das sei problematisch, weil die Staatsanwaltschaft so nicht abschliessend beweisen könne, woran sie gestorben sind.

Problematischer noch: Die Entscheidung, ob die mittlerweile begrabenen Brandopfer exhumiert werden sollen, überlässt die Staatsanwaltschaft den Hinterbliebenen.

«Die Staatsanwaltschaft hat uns mitgeteilt, dass sie Exhumierungen und Obduktionen nur anordnen wird, wenn die Opferfamilien das explizit verlangen»
Romain Jordan, Opferanwalt

Es sei verwerflich, diese enorme Bürde den trauernden Familien aufzubürden, sagt Jordan, der mehrere Opferfamilien vertritt. In seinen Augen handelt die Staatsanwaltschaft so, weil sie ansonsten vor den Augen der Weltöffentlichkeit ihr Versäumnis zugeben müsste.

Italien ist empört

Italien hat in der Zwischenzeit fünf der sechs Toten mit italienischer Staatsbürgerschaft obduziert – und damit mehr als die Schweiz.

Die Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft stösst im Ausland, insbesondere in Italien, auf scharfe Kritik. Aus Protest an der in ihren Augen ungenügenden Ermittlungsarbeit hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den italienischen Botschafter aus Bern abbestellt.

Mittlerweile hat die Schweiz dem Rechtshilfegesuch Italiens zugestimmt; die italienische Staatsanwaltschaft darf im Fall Crans-Montana mitermitteln.

Am 19. Februar sollen sich die Staatsanwaltschaften aus dem Wallis und aus Rom treffen. Italien macht weitere diplomatische Schritte von den Resultaten dieses Treffens abhängig.

(her)

Video: watson/amber vetter
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40 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Maelia
01.02.2026 08:58registriert Mai 2024
Es ist traurig und tragisch die ganze Katastrophe. Aber hört endlich auf alles zu hinterfragen und lasst die Behörden in Ruhe arbeiten. Die Toten wurden entweder verbrannt , zertrampelt oder sind an einer Rauchfergiftung gestorben. Versteht mich nicht falsch, dass ist schrecklich aber wohl Fakt.
Ausserdem wurde jeder Opferfamilien eine enorme Summe Geld gespendet. Was hat Italien je getan um Opfer zu entschädigen?
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Mäni99
01.02.2026 09:35registriert Februar 2020
Ich schätzer / bewundere Frau Meloni sehr vor allem auch wie sie es schafft in Italien solange am Ruder zu bleiben. Bezüglich der traurigen Katastrophe in Grands Montana übertreibt sie aber, stachelt die Medien gar noch auf. Italien hat vermutlich seine Katastrophen Opfer und deren Angehörigen auch nicht so behandelt wie jetzt von der Ch gefordert. Es scheint als ob sie von anderen offenen Problemen ablenken will wie andere mächtigere Politiker es vormachen.
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hansruedi-mentär
01.02.2026 09:20registriert April 2025
Gibt es aktuell auch nur ein Ressort wo die 7 Köpfe nicht heillos überfordert sind?

Unsere aktuelle Landesregierung macht mir Angst.
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Wenn ein Strafverfahren ansteht, dann ist Rechtsanwältin Sine Selman die Frau, die für die Beschuldigten einsteht. Sie verteidigt Menschen, denen unterschiedlichste Delikte zur Last gelegt werden – von simplen Parkbussen bis hin zu Wirtschafts- oder gar Tötungsdelikten.
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