Schweiz
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Interview

Warum Klima-Seniorin Joris die Schweiz verklagen will

Sie sind alt, sie sind weiblich – und sie sind wütend. Die Klimaseniorinnen machen mit ihrer Drohung, den Bund zu verklagen, Furore. Was wollen die Aktivistinnen überhaupt? Und: Nützt das etwas? Ein Gespräch mit Elisabeth Joris, 70 Jahre alt und Mitgründerin des Vereins Klimaseniorinnen.



Frau Joris*, Sie wollen mit Ihrem gestern gegründeten Verein «Klimaseniorinnen» die Schweiz verklagen. Das klingt aberwitzig. 
Elisabeth Joris: Ist es aber nicht. In verschiedenen Ländern sind bereits ähnliche Klagen eingereicht worden, in Australien beispielsweise oder auf den Philippinen. In Holland hat letztes Jahr ein Gericht das Land dazu verpflichtet, den CO2-Ausstoss bis 2020 stärker als geplant zu reduzieren. Eine Klimaschutzorganisation hatte Klage eingereicht.

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*Zur Person: Dr. phil. Elisabeth Joris ist 1946 in Visp geboren und lebt als frei schaffende Historikerin, Feministin und Aktivistin in Zürich. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Joris ist Mutter zweier erwachsener Kinder und Grossmutter. bild: stiftung-frauenarbeit.ch

Aber die Regierung hat das Urteil nicht akzeptiert. Der Fall ist hängig. Versprechen Sie sich mehr von Ihrer Klage?
Jedes Land hat eigene Rechtsverordnungen. Aber klar, auch bei uns dürfte das ein langwieriger Weg werden. Wenn unsere Klage unter Umständen bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) geht – und das behalten wir uns vor – brauchen wir einen langen Atem. Wir stehen erst ganz am Anfang.

Darum geht's

Rund 50 Pensionärinnen mit Durchschnittsalter 74 haben am Dienstag den Verein «Klimaseniorinnen» gegründet. Weil ältere Menschen, besonders Frauen, körperlich unter den Folgen des Klimawandels leiden würden, sehen die Klägerinnen Verfassungsartikel 74 verletzt, wonach der Bund den Menschen und seine natürliche Umwelt vor «schädlichen oder lästigen Einwirkungen» schützen muss. Die Klimaseniorinnen fordern deshalb vom Bund, die Treibhausgasemmissionen bis 2020 stärker zu senken, als im aktuellen Massnahmenkatalog vorgesehen. Der Verein wird von Greenpeace Schweiz finanziell und personell unterstützt. 
>>> Mehr dazu hier.

Warum werden Sie erst jetzt aktiv?
Warum nicht? Es ist nie zu spät. Zu sagen, es sei zu spät oder habe keinen Sinn, ist vollständige Resignation. Und das ist für mich kein Weg – sonst hätte ich längst aufgegeben.

Trotzdem. Jetzt noch klimapolitische Ziele für das Jahr 2020 definieren zu wollen, ist, gelinde gesagt, ambitioniert.
Damit eine Idee Form annimmt, muss der Zeitpunkt stimmen. Die Gründung unseres Vereins war eine Reaktion auf die UN-Klimakonferenz in Paris vom vergangenen Jahr. Damals hat sich der Bundesrat dazu verpflichtet, das auf internationaler Ebene anerkannte Ziel eines globalen Temperaturanstiegs von weniger als 2 Grad zu erreichen. Doch der Massnahmenkatalog des Bundes entspricht diesem Ziel nicht. Dagegen wehren wir uns jetzt.

Wer wollte eigentlich was am Klimagipfel in Paris?

Sie hätten das Referendum gegen das CO2-Gesetz ergreifen, oder eine Initiative lancieren können. 
Klar, aber wir haben uns diese Frage gar nicht erst gestellt. Viel eher fragten wir uns: Was erwirkt internationale Resonanz und passt gleichzeitig zur Schweiz? Eine Beschwerde an den Bundesrat mit der Option, sich an den EGMR zu wenden, war der Plan, den wir von Anfang an verfolgt haben.

«Ich sehe mich als Mensch mit individuellen Rechten, aber auch sozialer Verantwortung.»

Warum ist die Klage reine Frauensache?
Frauen sind stärker von Hitzewellen, die der Klimawandel zu verantworten hat, betroffen – und zwar rein biologisch: Wir schwitzen generell weniger als Männer, unser Körper kühlt also schlechter ab. Zudem leben wir länger. Deshalb ist jetzt dieser Verein von Frauen geprägt. Aber Männer können uns natürlich unterstützen.

Und was macht das Alter aus?
Unsere Generation war zwar auch jene, die auf dem Buckel der Umwelt Profit maximierte und Wohlstand anhäufte, aber es gab schon immer Menschen, die sich dagegen gewehrt haben. Ich kritisiere die Nichtbeachtung der Endlichkeit dieser Welt seit 40 Jahren. Viele der Frauen, die sich jetzt engagieren, kritisieren das unbegrenzte Wachstum. Wir haben schon immer Lärm gemacht. Jetzt erst recht! Gerade eben weil wir alt sind, wollen wir weiterhin Lärm machen.

Mitarbeiter der Bundeskanzlei (hinten) nehmen die gesammelten Unterschriften in Waeschekoerben von Elisabeth Joris, Praesidentin des Komitees (vorne rechts), entgegen, bei der Einreichung der Petitionsunterschriften fuer

Elisabeth Joris im März 2014 bei der Einreichung der Petition für «Mehr Rechte für Hausarbeiterinnen ohne geregelten Aufenthaltsstatus».  Bild: KEYSTONE

Es geht nur darum, Lärm zu machen? 
Wir wollen eine Sensibilisierung erreichen, wir wollen in die Medien kommen – so wie ich jetzt gerade. Klar. Aber die Klage ist nicht nur symbolisch. Sie ist ein Versuch, auf einer neuen Ebene Verantwortung einzufordern.

Interessieren sich die Menschen genug für Klimapolitik?
Von einer Bewegung kann man sicher nicht sprechen. In meinem Umfeld, bei meinen Söhnen, die 34 und 38 sind, und wovon einer Kinder hat, ist die Betroffenheit da. Auch bei jungen Müttern, die zwar zum Teil stark auf dem Konsumtrip sind, aber doch den Ernst der Lage erkennen. Sie leben ja noch 60, 70 Jahre. Aber ich muss ehrlich sein: Wenn ich nur an mich denken würde, würde ich mich für gar nichts mehr engagieren. Aber wenn ich in sozialen Zusammenhängen denke, mich auf kantonaler, nationaler und globaler Ebene als Teil der Gesellschaft sehe, trage ich Verantwortung – erst recht in der Generationenfrage. Ich sehe mich als Mensch mit individuellen Rechten, aber auch sozialer Verantwortung.

Die Vereinsgründung fällt mit der Initiative «für eine grüne Wirtschaft» zusammen, das könnte Ihrem Anliegen Aufschub geben. 
Ja, das glaube ich auch. Manche haben das Gefühl, wenn diese Initiative nicht wäre, würde man mehr über uns reden. Aber ich denke, das ergänzt und verstärkt sich.

Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass Ihrer Klage stattgegeben wird?
Ich bin keine Berufsoptimistin. Ich sage nicht, das kommt alles super. Aber da war Aufbruchstimmung unter diesen Frauen, eine Bereitschaft, etwas zu bewegen, mal etwas anderes zu machen – trotz des Gegenwindes. Ich habe ein gutes Gefühl, aber eine Prognose kann ich nicht abgeben. Wir müssen das jetzt einfach probieren, wir wagen es.

Die grössten Klimasünder

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