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Schweiz
Interview

Martin Candinas: «Zeit, dass man wieder Rätoromanisch hört»

Interview

«Es ist Zeit, dass man im Nationalrat wieder Rätoromanisch hört»

In der Wintersession wurde Martin Candinas neuer Nationalratspräsident. Wir haben ihn in der Surselva zum Interview getroffen.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
28.11.2022, 19:1529.11.2022, 05:39
Alexandre Cudré
Alexandre Cudré
Alexandre Cudré
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Die Schweiz hat einen neuen «höchsten Schweizer». Die Rede ist nicht vom Bundesrat, sondern vom Nationalratspräsidenten – der Person also, die unter der Bundeshauskuppel für Ordnung sorgt. Die Tradition will es, dass der erste Vizepräsident nach einem Jahr Probezeit zum «höchsten Schweizer» gewählt wird.

Dieses Jahr hat der Bündner Mitte-Politiker Martin Candinas diese Ehre. Er ist einer der wenigen Volksvertreter, der alle vier Landessprachen spricht und versteht. watson hat ihn in der Surselva zu einem Interview getroffen und sich selbst an der Mehrsprachigkeit versucht.

Video: watson

Mister Candinas, how are you?
Martin Candinas:
I'm fine, thanks. In this wonderful area, you must feel good!

Sie sind einer der wenigen Politiker in diesem Land, der alle vier Landessprachen – Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch – fliessend spricht. Sind Sie stolz darauf?
Ich mag die Mehrsprachigkeit unseres Landes und bin stolz darauf. Für mich ist es deshalb klar, dass man diese pflegen muss – vor allem, wenn nur drei Rätoromanen im Parlament sitzen.

Bereits als Vizepräsident des Nationalrates haben Sie Ihre Muttersprache Rumantsch gepflegt. So haben Sie auch schon mal Ihre Ratskollegen auf Rätoromanisch zur Abstimmung aufgerufen. Kam das gut an? Oder gab es böse Briefe?
Es ist wichtig, dass man die rätoromanische Sprache auch im Parlament hört. Es geht überhaupt nicht darum, zu zeigen, dass man eine andere Sprache beherrscht. Es geht darum, dass das Rätoromanische ein Teil der Schweizer Kultur und Identität ist. Und ich glaube, dass es nach 37 Jahren an der Zeit ist, dass man auch im Nationalrat wieder mal mehr Rätoromanisch hört.

Ging es nicht eher darum, Ihrem Wahlvolk in der Rumantschia aufzuzeigen: Ah, der ist einer von uns?
Ich hoffe, dass die Rätoromaninnen und Rätoromanen wissen, dass ich einer von ihnen bin. Mir geht es vielmehr darum, zu zeigen, dass das Rätoromanische eine Sprache ist, die wirklich noch eine Heimat hat, die in unseren Schulen und in unseren Dörfern lebt – so wie hier in Rabius, wo der Alltag auf Rätoromanisch stattfindet. Die Rumantschia ist eine lebendige Sprachgemeinschaft und keine Folklore.

Wäre es aber nicht wichtiger, eine konkretere Sprachpolitik zu betreiben? Zum Beispiel, indem man Gesetze wie das Subventionsgesetz auch ins Rätoromanische übersetzt?
Es ist gar nicht nötig, dass alle Gesetze übersetzt werden. Wir sind ja keine Fundamentalisten, die alles auch auf Rätoromanisch übersetzt haben möchten. Wichtig ist, dass die Rätoromanen eine Antwort auf Rätoromanisch erhalten können, wenn sie mit Behörden des Bundes in Kontakt treten. Und das tut die Eidgenossenschaft seit 25 Jahren.

Was halten Sie davon, dass der Staat die wichtigsten Dinge auch in anderen Fremdsprachen erklärt?
Die ganz wichtigen Fragen werden ja heute schon übersetzt. So wurde etwa die Informationskampagne während der Corona-Pandemie in unzählige Sprachen übersetzt, um möglichst viele Leute erreichen zu können. Aber es wäre natürlich fatal, wenn wir weitergehen und beispielsweise in der Schule andere Sprachen als die Landessprachen unterrichten würden. Die Schweiz hat eine Identität und Leute, die hier leben, müssen sich auch dieser anpassen. Die Politik soll die Mehrsprachigkeit unterstützen, aber nicht, indem am Ende weitere Sprachen zu Landessprachen gemacht werden.

Sie sind also gegen die übertriebene Verwendung des Englischen?
Englisch ist nicht wirklich meine Sprache – ich möchte lieber bei den vier Landessprachen bleiben.

Wir haben mit Candinas nicht nur über die Mehrsprachigkeit gesprochen, sondern auch über sein zukünftiges Amt. Normalerweise sorgen Nationalratspräsidentinnen und -präsidenten eher selten für Schlagzeilen. In den vergangenen Jahren fiel etwa die Tessinerin Chiara Simoneschi-Cortesi (CVP) mit ihrer Strenge auf: Sie schnauzte auch mal die Politikerinnen und Politiker an, wenn es ihr zu bunt wurde (siehe Video). Nach ihrer Zeit im Jahr 2009 wurde der Nationalrat weniger streng geführt, was vor allem die SVP ausnutzte, um im Parlament mit PR-Aktionen auf sich aufmerksam zu machen.

SVP Nationalraten protestieren nach die Schlussabstimmung zu der Parlamentarische Initiative "21.501 - Indirekter Gegenentwurf zur Gletscher-Initiative. Netto-Null-Treibhausgasemissionen bis 2050 ...
Die SVP-Fraktion drehte Ende September 2022 dem Parlament den Rücken zu.Bild: keystone

Was halten Sie von solchen Aktionen? Muss man sie in einem Parlament tolerieren?
Ich habe generell Mühe mit Aktionen in einem Parlament. Wir entscheiden demokratisch und das verlangt Rückgrat. Darum braucht es solche Aktionen schlichtweg nicht – egal, von welcher Partei sie kommen. Und ich finde, wir sollten wirklich Sorge zum respektvollen Umgang tragen. Auch wenn es unterschiedliche Meinungen gibt und wir den Streit emotional austragen: Am Schluss gibt es einen Entscheid und dieser gilt.

Ist das der Schweizer Weg?
Ja, und ich glaube, dass die Schweiz damit das beste politische System der Welt hat. Ich habe zumindest noch nie ein besseres System gesehen. Und darum sollten wir dazu Sorge tragen. Wenn man mit einem Mehrheitsentscheid im Parlament nicht einverstanden ist, so bleibt ja immer noch der Weg, mit einem Referendum das Volk zu befragen. Diese direkte Demokratie ist wertvoll und verdient es nicht, dass man ihre Bedeutung mit Aktionen schmälert.

Sprechen wir über Ihren Führungsstil. Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger waren unterschiedlich streng. 2014 fiel ihre Parteikollegin Simoneschi-Cortesi durch besondere Strenge auf: Werden Sie ihren Stil übernehmen oder eher locker wie die jetzige Nationalratspräsidentin Kälin sein?
Ich halte Disziplin für wichtig. Gleichzeitig möchte ich nicht derjenige sein, der belehrend bestimmt, was man tun darf und was nicht. Dazwischen gibt es einen Mittelweg, bei dem man Sachen ausprobieren darf – und schaut, wie die Kolleginnen und Kollegen darauf reagieren. Am Ende gilt nämlich auch für mich: Man ist nicht der Chef, sondern ein Jahr lang der Präsident. Ich bin zuversichtlich, dass es gut funktionieren wird.

Welche Art Präsident werden Sie sein? Wird es einen besonderen «Candinas-Stil» geben?
Für mich ist es das Wichtigste, den Nationalrat effizient zu führen. Ich werde dem Parlament und dem Volk dienen, das ist meine Priorität. Man wird in dieses Amt gewählt, um gute Arbeit zu leisten und nicht, um sich als Nationalratspräsident zu profilieren. Klar werde auch ich repräsentative Aufgaben wahrnehmen – ich werde aber dabei das Amt und nicht meine Person in den Mittelpunkt stellen.

Bereits in Ihrer zweiten Woche werden Sie mit den beiden Bundesratswahlen im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Wie bereitet man sich darauf vor?
Wir werden an mehreren Sitzungen verschiedene Eventualitäten besprechen, damit wir den Wahltag selbst optimal über die Bühne bringen.

Als «höchster Schweizer» des Landes gehört es auch zu Ihren Aufgaben, den nationalen Zusammenhalt zu fördern. Die Bevölkerung scheint aber derzeit in bestimmten Themen wie Pandemie oder Klimakrise sehr polarisiert zu sein. Wie sehen Sie die heutige Schweiz?
Die Schweiz hat die Pandemie genauso wie andere Länder erlebt – andernorts war aber die Polarisierung stärker spürbar. Wir sollten uns darüber freuen, weil das auch mit der Vielfalt unseres Landes zu tun hat. Das ist eine Stärke der Schweiz und wir müssen darauf achten, diese Einheit intakt zu halten. Was den Pessimismus betrifft, so muss er bekämpft werden. Die Politik hat auch die Aufgabe, Optimismus zu verbreiten.

Was hält die Schweiz Ihrer Meinung nach im Jahr 2022 zusammen?
Die Viersprachigkeit, die Vielfalt sowie die Demokratie und das politische System. Nächstes Jahr wird die Bundesverfassung 175 Jahre alt. Das ist ein guter Zeitpunkt, um über unser System nachzudenken, aber auch, um sich bewusst zu werden, wie privilegiert wir sind, hier zu leben.

Und was spaltet die Schweiz im Jahr 2022?
In der Klimafrage sind die Ansichten eines Teils der Bevölkerung manchmal etwas extrem. In dieser Frage besteht eine doppelte Gefahr: Die einen sind bei der Suche nach Lösungen völlig untätig, die anderen gehen in ihren Aktionen zu weit. Wir müssen die Dinge Schritt für Schritt angehen, individuell Verantwortung übernehmen und unsere Kräfte bündeln, um Lösungen zu finden, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. Wir haben die direkteste Demokratie in Europa. Die Bevölkerung kann ihre Meinung in unserem politischen System zum Ausdruck bringen. Das muss unsere Stärke sein.

Über das Interview
Die beiden watson-Bundeshausjournalisten haben das Interview mehrsprachig durchgeführt. Es soll ein symbolischer Beitrag zur Vielsprachigkeit der Schweiz sein. Ein besonderer Dank gilt Adrian Camartin, Correspundent Chasa federala dad RTR, der uns bei der Übersetzung der Fragen ins surselvische Idiom geholfen hat. Das mündlich durchgeführte Interview wurde nach der Transkription gekürzt und redigiert. Die Antworten können in voller Länge im Video nachgehört werden.
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Ein paar schöne Bilder vom Bundeshaus in Bern

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Ein paar schöne Bilder vom Bundeshaus in Bern
quelle: keystone / gaetan bally
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91 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ubu
27.11.2022 20:01registriert Juli 2016
Ich finde die Anti-Rumantsch-Kommentare hier irritierend. Die Schweiz besteht aus Minderheiten! Sprachlich, religiös, sexuell, politisch, kulturell, .... Ich fänds schlauer, aufeinander zu achten, als aufeinander rumzuhacken. Jeder ist hier in der Minderheit. Einfach nicht alle gleich oft.
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Siru
27.11.2022 21:40registriert Juli 2015
Unglaublich, manche Kommentare hier.

Der rätoromanische Teil der Schweiz ist nicht vernachlässigbar, im Gegenteil, das Selbstbewusstsein wird immer grösser. Alles andere als "aussterbend".

Rätoromanisch gehört zu den 4 Landessprachen und die Verfassung schreibt vor, dass sämtliche Landessprachen im den Räten vertreten sein müssen. Englisch NICHT!
Englisch wird in der Geschäftswelt gebraucht, ist aber keine Alltagssprache.
Diese Rumjammerei, Englisch müsse in der Schule zuerst gelehrt werden, mag einigermassen berechtigt sein, gehört aber nicht hierher!
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Steibocktschingg
27.11.2022 18:50registriert Januar 2018
Ich sehe hier viele, die nichts Besseres zu tun haben, als völlig am Thema vorbei aufs Romanische sch... zu müssen. Lernt es doch zuerst mal, macht es uns Romanen doch mal nach, mindestens zweisprachig aufzuwachsen, lernt dazu, wie viele der jüngeren Generationen im romanischen Gebiet dazu noch fliessend Englisch, Italienisch und/oder Französisch, danach reden wir mal weiter.

Wenn man die grosse sprachliche Mehrheit des Landes stellt lässt es sich natürlich gar vortrefflich arrogant auf einer Minderheit rumhacken, das ist natürlich völlig verständlich, man muss sich ja sonst nicht anstrengen
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