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«Für Jugendliche ist es schwieriger geworden, Straftaten zu begehen», glaubt Strafrechtsexperte Martin Killias.  Bild: shutterstock

Kriminologe Martin Killias: «Die Kriminalität hat sich aus dem öffentlichen Raum bewegt. Im privaten geht sie weiter»

Die Kriminalität in der Schweiz ist gesunken. Warum es hier trotzdem nicht langweilig wird, sagt Strafrechtsprofessor Martin Killias im Interview: Ein Gespräch über die vertriebene Jugend, Trainingsfelder für Ganoven und die Kriminalitäts-Grosswetterlage. 



Herr Killias, die Kriminalität geht zurück, die Jungen werden brav. Wird es jetzt langweilig in der Schweiz
Martin Killias:
Da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Im europäischen Vergleich ist die Kriminalität hierzulande immer noch recht hoch. 

Bei Vermögensdelikten vielleicht. 
Ja, dort sind wir in der Spitzengruppe.

Portrait of Martin Killias, Swiss penologist and professor for criminal trial law and criminology, pictured at his apartment on April 21, 2011 in Lenzburg in the canton of Aargau, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Strafrechtsexperte Martin Killias. Bild: KEYSTONE

Zur Person

Martin Killias ist ständiger Gastprofessor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie an der Universität St.Gallen. Zudem betreibt der 66-Jährige sein privates Forschungsinstitut Killias Research & Consulting. Von 1984 bis Ende 2008 war er nebenamtlicher Bundesrichter. Killias hatte Ordinarien der Universität Zürich und der Universität Lausanne in Kriminologie und Strafrecht inne. Vergangenes Jahr wurde er emeritiert. Er lebt in Lenzburg. (rar) 

Trotzdem; Tötungsdelikte, Diebstähle, Körperverletzungen – die Kriminalität ist verglichen mit 2009 auf Tiefstständen.
Das ist so. Zudem zeigen die Zahlen von Sucht Schweiz, dass die Jugendlichen weniger Drogen konsumieren. Das passt ins Bild. Die Schweiz hat viel in Sicherheit und Prävention investiert. Aber natürlich versucht jetzt jeder den Erfolg auf sein Konto zu verbuchen. 

«Wer grosse Kriminelle verhindern will, muss den es den Kleinen möglichst schwer machen, delinquent zu werden.» 

Sicherheit hat ihren Preis. Viele Jugendliche beklagen sich darüber, ständig kontrolliert zu werden.
Aber es wirkt. Wer grosse Kriminelle verhindern will, muss es den Kleinen möglichst schwer machen, delinquent zu werden. Das ist erwiesen. Kleine Delikte in jungen Jahren sind das Trainingsfeld für spätere Delikte. 

In einer Strassenumfrage von watson mutmassten einige Jugendliche, die Jungen von heute wüssten ihre Delinquenz einfach besser zu verstecken. 
Das glaube ich nicht. Der Rückgang der Jugendkriminalität bewegt sich um die 10 Prozent. Das ist im realen Leben vielleicht nicht spürbar. Aber klar ist: Die Strassen wurden sicherer. Die Kriminalität hat sich aus dem öffentlichen Raum bewegt. Bei der häuslichen Gewalt ist übrigens kaum ein Rückgang zu spüren. Die Kriminalität geht im privaten Raum weiter. 

«Bei der häuslichen Gewalt ist übrigens kaum ein Rückgang zu spüren. Die Kriminalität geht im privaten Raum weiter.» 

Sinkende Kriminalität in der Schweiz

Die am Montag veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Die Zahl der Delikte gemäss Strafgesetzbuch ist im vergangenen Jahr gesunken, und zwar um 8,5 Prozent auf noch 526'066. Gezählt wurden weniger Einbrüche, Diebstähle und auch weniger vollendete Tötungsdelikte. Rund 70 Prozent aller registrierten Straftaten gemäss Strafgesetzbuch waren Vermögensdelikte.

Ebenfalls am Montag präsentierte die Stiftung Sucht Schweiz die Resultate der jüngsten HBSC-Schülerstudie. Das Hauptergebnis: Jugendliche trinken und rauchen weniger häufig als noch vor vier Jahren. (rar)

Wurden die Jugendlichen von der Strasse vertrieben?
Vertrieben würde ich nicht sagen, aber ein Rückgang ist plausibel. Dazu hat aber auch das Ende des Nightclub-Booms beigetragen. Vor ein paar Jahren sprossen die Clubs nur so aus dem Boden. Diese Entwicklung stagniert. Weniger Junge im Ausgang heisst weniger Gewalt im öffentlichen Raum.

Da müssen wir uns nicht wundern, wenn sie nur noch mit dem Handy spielen und zu Hause bleiben. 
Diese Tendenz existiert. 

Ist der Rückgang bei der Jugendkriminalität der einzige Grund für die positiven Kriminalitätszahlen? 
Natürlich nicht. Die Grosswetterlage hat sich geändert. Der Rückgang ist interkontinental zu spüren. Es ist schwieriger geworden, Straftaten zu begehen. 

Können Sie Beispiele nennen?
Die Läden haben technisch massiv aufgerüstet, um Diebstahl zu verhindern. Der öffentliche Raum ist stärker überwacht, was Sachbeschädigungen verhindert. Der Fokus auf Kontrolle in den Wohnquartieren zeigt Wirkung. Ausserdem wird stärker gegen Kriminaltouristen vorgegangen.  

Inwiefern? 
Früher liess man Kriminaltouristen oft nach wenigen Stunden wieder laufen. Das ist heute anders. Es ist aber auch generell weniger interessant geworden, in der Schweiz zu stehlen: Elektronische Geräte und Antiquitäten sind weniger wert. Auch der Goldpreis ist nicht mehr das, was er einmal war. 

Auch die Asylbewerber sind weniger kriminell, wieso? 
Das hat mit den Asyltrends zu tun. Mit den politischen Umstürzen in den arabischen Staaten 2012 und der Öffnung der Gefängnissen in einigen Staaten kamen Asylbewerber mit ganz anderen Motiven zu uns. Flüchtlinge aus grässlichen Bürgerkriegen wie die aus Syrien oder dem Irak bringen eine andere Asylmotivation mit. 

Wagen Sie eine Prognose? Wird die Schweiz noch sicherer? 
Nein. Die Parameter können sich schnell ändern.

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