Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
The Schutzengelkapelle (left) at Klosterhof 2 and the Court of Appeal (right) at Klosterhof 1 in St. Gallen, Switzerland, pictured on October 19, 2017. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Die Schutzengelkapelle (links) am Klosterhof 2 und das Kantonsgericht (rechts) am Klosterhof 1 in St. Gallen, aufgenommen am 19. Oktober, 2017. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Das Kreisgericht Rorschach sprach die Eltern des toten Kindes im Dezember 2018 schuldig. Diese gingen in Berufung. Nun wird der Fall am Kantonsgericht St. Gallen verhandelt. Bild: KEYSTONE

Totes Kind im Keller in Staad SG – Umstände bleiben ungelöst

Der Tod eines Kleinkindes hat am Freitag das Kantonsgericht St. Gallen beschäftigt. Das Gericht muss beurteilen, ob die Eltern für den Tod ihrer Tochter verantwortlich sind. Die Urteile stehen noch aus.



Im August 2015 entdeckte die Polizei im Keller eines Hauses in Staad SG ein totes Mädchen. Die Eltern des Kindes – eine heute 37-jährige Deutsche und ein 57-jähriger Schweizer – stehen in Verdacht, ihre elterlichen Sorgfaltspflichten verletzt und die gemeinsame Tochter vernachlässigt zu haben.

Das Kreisgericht Rorschach sprach die Eltern im Dezember 2018 wegen fahrlässiger Tötung, qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht schuldig. Der Vater soll für fünf Jahre ins Gefängnis. Die Mutter wurde zudem wegen Störung des Totenfriedens und falscher Anschuldigung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Freisprüche beantragt

Die Eltern gingen in Berufung. Vor Kantonsgericht St. Gallen forderte die Verteidigerin am Freitag für den Vater Freisprüche. Es gebe keine Beweise, dass der Beschuldigte die treibende Kraft beim Kokainkonsum gewesen sei. Die Aussagen der Zeugen seien spekulativ und widersprüchlich. Die Beschuldigte habe schon vor der Beziehung mit dem 57-Jährigen Kokain konsumiert.

Die Eltern hätten ein klassisches Rollenmodell gelebt. Das Kind sei nicht in seinem Zimmer abgeschottet worden. Es sei auch regelmässig an der frischen Luft gewesen und gut ernährt worden. Aus Sicht des Beschuldigten bestand keine Veranlassung, zu handeln.

«Wir hatten es immer schön», sagte der Mann und streckte dem Gericht Bilder der Tochter entgegen. «Es war ein Traum von mir, Haus und Kind zu haben.» Als Vater sei er nur am Wochenende präsent gewesen. «Wir haben unsere Tochter nie alleine gelassen, im ganzen Leben nicht», sagte der Vater, der nicht mehr weiss, wann er sein Kind zum letzten Mal lebendig gesehen hat. «Sie war von heute auf morgen weg.»

«Sie war eiskalt»

«Es sollte das letzte Kind für mich sein», sagte die vierfache Mutter. Ihre Tochter sei immer und überall mit dabei gewesen. Sie habe ihre Tochter weder vernachlässigt noch umgebracht. Sie könne sich nicht mehr an das Todesdatum erinnern. «Es ist ein Trauma. Es ist einfach weg.» Sie schilderte den Morgen, an welchem sie ihr Kind tot gefunden habe. «Sie lag in ihrem Bettchen. Sie war eiskalt.» Sie habe sie in ihre Lieblingsdecke eingekuschelt, sagte die Frau unter Tränen. «Für mich ist sie nicht tot.» Deswegen habe sie niemandem etwas gesagt.

Die Verteidigerin der Mutter beantragte mehrheitlich Freisprüche. Einzig der Vorwurf der falschen Anschuldigung sei erwiesen und mit einer bedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 10 Franken zu bestrafen.

Das Kind müsse schon Ende Juni gestorben sein. «Ist der Todeszeitpunkt nicht der 3. Juli, fällt das ganze Konstrukt der Anklage in sich zusammen», so die Verteidigerin. Sie forderte eine erneute psychiatrische Begutachtung der Beschuldigten.

Kind abgeschottet

Die Staatsanwältin hielt an ihren Anträgen fest. Für die Mutter beantragte sie wegen vorsätzlicher Tötung eine Freiheitsstrafe von 10,5 Jahren, für den Vater eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Sie wirft den Beschuldigten vor, die Tochter nicht altersgerecht ernährt und ihr keine ausreichende Bewegung ermöglicht zu haben. Ebenfalls sollen sie die medizinische Versorgung, die körperliche Hygiene und die sozialen Kontakte des knapp zweijährigen Mädchens vernachlässigt haben.

Das Kind sei abgeschottet und im Kinderzimmer isoliert worden, sagte die Staatsanwältin. Die Beschuldigten hätten kaum soziale Kontakte gepflegt, auch die Grosseltern sahen das Kind nicht mehr. «Das Kind ist eigentlich den ganzen Tag nur im Bett gelegen», so die Staatsanwältin. Das Mädchen sei mehrfach sich selbst überlassen worden, so auch am 3. Juli 2015 – einem Hitzetag. Den Beschuldigten sei die Gefahr bewusst gewesen, in welche sie ihre Tochter damit brachten. Es müsse davon ausgegangen werden, dass das geschwächte Kind an Überhitzung gestorben sei.

«Das Mädchen war ihnen gleichgültig», sagte die Staatsanwältin. Die Mutter habe Lügen über den Aufenthaltsort der Tochter verbreitet, indem sie behauptete, das Kind aus Angst vor der Kesb ins Ausland gegeben zu haben. «Sie hat die Leiche des Kindes lieblos in einem Koffer im feuchten Keller entsorgt.» Dem Mann wird zudem vorgeworfen, zwischen Oktober 2012 und August 2015 rund drei Kilogramm Kokain bei einem Dealer gekauft zu haben. Zwei Kilogramm soll er selber konsumiert haben, ein Kilogramm seine Partnerin. Bei beiden waren Rückstände von Kokain festgestellt worden. Auch bei der toten Tochter war Kokain in den Haaren nachgewiesen worden.

Das Gericht wird die Urteile in einer Woche mündlich eröffnen. (sar/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

«Mussten blutte Spaghetti essen»: Soldaten beschweren sich über mangelnde Vegi-Menüs

Auf dem Menüplan der Schweizer Soldaten steht vor allem eines: Fleisch. Häufig zwei bis drei Mal pro Tag. Auf Vegetarier werde überhaupt keine Rücksicht genommen, beschweren sich Soldaten. Die Armee widerspricht.

Als C.S.* vor zwei Wochen seinen letzten Wiederholungskurs (WK) als Richtstrahlpionier antrat, wollte er ein Experiment machen: Er meldete sich als Vegetarier an.

Einerseits, weil er wissen wollte, wie man in der Armee als Vegetarier behandelt wird und andererseits aus Solidarität. «Bei unserem letzten WK habe ich die meiste Zeit mit einem anderen Soldaten verbracht, der seit einigen Jahren vegetarisch lebt. Er meldete dies auch vor Beginn des WKs an, musste aber feststellen, dass auf seine …

Artikel lesen
Link zum Artikel