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Weil weisser Chor Stück für Schwarze singen soll: Krach im Theater Basel

Weil weisser Chor Stück für Schwarze singen soll: Krach in Basler Theater

Harmonie wünscht man sich über die Festtage – doch ausgerechnet im Opernchor des Theater Basel herrscht Ausnahmezustand.
28.12.2025, 05:2228.12.2025, 05:22
Julia Stephan / ch media

Die meisten Menschen möchten an den Festtagen harmonische Stunden mit ihrer Familie verbringen. Trotzdem gehen viele im Streit auseinander. Schliesslich hat man sich seine Verwandten nicht ausgesucht. Schliesslich erzeugt Nähe auch Reibung. Und manchmal liegen Wunschszenario und Wirklichkeit einfach zu weit auseinander.

porgy and bess opera
Das hätte auch George Gershwin nicht gerne gesehen: Eine «Porgy & Bess»-Ballettaufführung am Opernhaus Zürich aus dem Jahr 1950 - mit schwarz geschminkten weissen Künstlern.Bild: getty

Eine ähnliche Erfahrung macht gerade der Opernchor des Theater Basel. 40 Profisängerinnen und Profisänger aus 15 Nationen treten hier regelmässig gemeinsam auf – als uniformer Klangkörper. In den Proben ist die Herstellung dieser Einheit für alle Profichöre herausfordernd. Noch mehr, seit individuelle Anliegen und der Minderheitenschutz an den Häusern höher gewichtet werden als früher.

Wer singt Soli, wer steht in der hintersten Reihe? Wer kommt zur Probe? Wer hat wieder nicht geübt? Wer fühlt sich von den historischen Werken des europäischen Kanons, die von rassistischen, ableistischen und misogynen Passagen durchzogen sind, persönlich herausgefordert?

porgy and bess opera
Die Erstverfilmung des Stoffs aus dem Jahr 1959 (Regie: Otto Preminger).Bild: getty

In Basel hat sich der Opernchor über solche Fragen massiv zerstritten. Anlass gibt die Oper «Porgy & Bess». Jedes Schulkind kann mindestens den Song «Summertime» daraus mitsummen. Die Oper handelt von der tragischen Liebe zwischen dem körperlich beeinträchtigen Bettler Porgy und der Stadtdirne Bess in einer afroamerikanischen Community in Charleston.

Nur schwarze Solisten erlaubt

Ein ausschliesslich weisses Kreativteam schuf die Oper zur Zeit der Rassentrennung in den 1930er-Jahren. George Gershwin komponierte die Musik, sein Bruder Ira und der Autor DuBose Heyward schrieben das Libretto. Gershwin war seiner Zeit nicht nur musikalisch voraus. Er war auch ein erklärter Gegner des Blackfacing, einer Bühnenrepräsentation von schwarzen Menschen durch schwarz geschminkte Weisse, die heute als rassistisch gilt.

Um zu verhindern, dass die Oper 1935 mit Blackfacing uraufgeführt wird, verfügte Gershwin darüber, dass sie ausschliesslich von schwarzen Solisten gesungen werden dürfe. In der Logik der damaligen Zeit ein nachvollziehbares, mutiges Anliegen, an dem die Nachlassverwalter Gershwins bis heute festhalten. Und das wird auch noch bis ins Jahr 2053 so bleiben. Dann erst erlöschen die Urheberrechte an der Oper.

Versuche, diese Regelung zu umgehen, gab es zuletzt 2019. Ausgerechnet die unter dem Einfluss der rechtsnationalen Orban-Regierung stehende ungarische Staatsoper forderte ihre Solisten dazu auf, sich schriftlich zu Afroamerikanern zu erklären. Die Gershwin-Erben hatten zuvor mit einer Klage gedroht. Es war die absurde Fortsetzung eines Kulturkampfes, der in dieser Oper ihren Ursprung hat.

Es geht um die Frage, ob Gershwin in «Porgy & Bess» afroamerikanische Kultur authentisch abbildet oder ob er lediglich Stereotype reproduziert. Hat er den schwarzen Opernsängern mit der ersten «schwarzen» Oper der Geschichte eine Tür in die Hochkultur geöffnet oder hat er sich die Musik der Schwarzen, insbesondere deren Spirituals, zu Unrecht angeignet um als weisser Komponist zum weltweiten Aushängeschild amerikanischer Kultur zu werden?

Wo, wie und mit wem die Oper aufgeführt wird, ist bis ins Jahr 2025 also hochpolitisch. Jetzt hat das Basler Sinfonieorchester in Zusammenarbeit mit dem Opernchor des Theater Basel die Oper als konzertante Aufführung ins Programm genommen. Und da sorgt sie nun für schlechte Stimmung.

Ein Teil des Opernchors, der sich auch aus Sängern of Color zusammensetzt, ist der Meinung, dass das Werk nicht von einem weissen Chor gesungen werden dürfe. Das Gegenlager fühlt sich durch diese Forderung angegriffen und wirft der Theaterleitung vor, sich passiv zu verhalten oder sich gar nicht zum Konflikt zu äussern.

Rassismusvorwürfe und Streit

Wie CH Media von Mitgliedern des Chors erfahren hat, soll es zu harten verbalen Auseinandersetzungen und Rassismusvorwürfen gekommen sein, die den Probeprozess erschweren. Sängerinnen und Sänger mussten bei der Personalabteilung vorsprechen. Eine Person aus dem Chor soll einen Anwalt beigezogen haben.

Fakt ist: Gershwin hat für konzertante Aufführungen seiner Oper eine Ausnahmeregelgung gemacht: Solange die vier Hauptsolistinnen und Hauptsolisten schwarz sind, darf bei Konzerten ein weisser Chor mitwirken. Die Gershwin-Erben dulden eine solche Praxis, um das Werk in Europa bekannter zu machen – die Ensembles sind hier trotz mancher Diversitätsbemühungen wie etwa in Basel mehrheitlich immer noch weiss, nicht alle Häuser können sich so viele schwarze Gastsänger leisten. Zudem steht in einem Konzert kein szenisches Kollektiv vorm Zuschauer, das Argument der kulturellen Aneignung schwarzer Kultur durch Weisse entfällt.

In Basel hat man sich für die geplanten konzertanten Aufführungen über die Festtage nach dieser Regelung gerichtet. Der Opernchor singt mit dem Basler Sinfonieorchester am Silvesterkonzert im Stadtcasino (31.12.) und am Neujahrskonzert im Theater Basel (1.1.) Auszüge aus der Oper «Porgy & Bess» – mit schwarzen Solisten. Die Aufführungen wurden von den Gershwin-Erben bewilligt. Am 15. und 16. April ist ein gemeinsames Konzert mit dem Dirigenten Wayne Marshall geplant. Der Gershwin-Kenner hat eine eigene Konzertfassung der Oper geschrieben, die auch schon 2021/22 dreimal erfolgreich am Konzert Theater St. Gallen aufgeführt wurde – mit schwarzen Solisten und dem Chor des Vorarlberger Landeskonservatoriums Feldkirch. Gerne hätten wir erfahren, wie er den Probenprozess in St. Gallen erlebt hat. Für eine Anfrage war er nicht zu erreichen.

Intendant Benedikt von Peter bestätigt die Diskussionen am Haus in Bezug auf «Porgy & Bess»: «Es gibt und gab viele Gespräche mit dem Chor darüber, auch über die Meinung, dass diese Musik nicht mit einem weitgehend weissen Chor gesungen werden darf», so von Peter. Fakt sei aber auch, «dass die Aufführungspraxis und die Erbengemeinschaft diese Frage klar mit einem Ja beantworten.» Man sei vom Basler Sinfonieorchester für diese Konzerte angefragt worden, die Diskussionen hätten erst nach der Zusage angefangen.

Das Sinfonieorchester Basel wiederum begründet den Programmentscheid damit, dass «Porgy & Bess» ein «Schlüsselwerk des amerikanischen Musiktheaters» sei, das «musikalische Innovation und gesellschaftliche Realität» untrennbar miteinander verbinde. «Diese Aktualität war ein zentraler Grund für die Aufnahme ins Programm», so die Medienstelle.

Ist Bertolt Brecht ein Rassist?

Wer mit einzelnen Chormitgliedern redet, bekommt den Eindruck, dass der Konflikt eine sehr viel längere Vorgeschichte hat. Schon bei den Proben zum Saisoneröffner «Mahagonny» sei der Chor aneinandergeraten. Die Oper von Kurt Weill mit einem Libretto von Bertolt Brecht ist ein Kommentar auf den ungezügelten Kapitalismus und dessen Menschenbild, uraufgeführt kurz nach dem Börsencrash von 1929. Die Sprache ist derb, die Figuren betrachten die Welt als Selbstbedienungsladen. «Ich dachte allerdings an etwas Dunkleres», sagt ein Mann, dem das Bild einer Prostituierten, die ihm angeboten wird, nicht gefällt. Und irgendwo im Stück fällt der Satz «man holt sich eine Banane».

Für manche Chormitglieder tragen Brechts Mensch-Tier-Vergleiche rassistische Züge. Aktivisten haben in einem Ende August stattgefundenen Nachgespräch das Produktionsteam mit diesen angeblich rassistischen Textstellen konfrontiert. Das restliche Publikum habe irritiert und gereizt reagiert, sagen Anwesende.

Anders als bei «Porgy & Bess», wo es durchaus gute Argumente für eine andere Aufführungspraxis gibt, wirkt dieser Vorwurf gegen den klassenbewussten Bertolt Brecht jedoch aus der Luft gegriffen. Es scheint so, als habe der überbordende Aktivismus Einzelner die Frustrationstoleranz im Chor stark heruntergesetzt. Längerfristig wird das einen konstruktiven Austausch über Rassismus nur vereiteln.

31.12., Silvesterkonzert, Stadtcasino Basel. 1.1., Neujahrskonzert, Theater Basel. Mit Auszügen aus «Porgy & Bess».

(aargauerzeitung.ch)

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153 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Neruda
28.12.2025 09:14registriert September 2016
"die Ensembles sind hier trotz mancher Diversitätsbemühungen wie etwa in Basel mehrheitlich immer noch weiss"

Und die Lösung wäre, nur noch eine Minderheit einzustellen und damit Sänger aus der weissen Mehrheit zu diskriminieren? Europa ist nunmal vorwiegend weiss, ihr Genies. Nur logisch, spiegelt sich das auch in den Chören wider. Gewisse Aktivisten sind einfach dumm 😄
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Hernd Böcke
28.12.2025 08:08registriert Juni 2017
„Die bemerkenswerte neue Kampfbereitschaft, die die Schwarze Gemeinschaft erfasst hat, darf nicht dazu führen, dass wir allen weissen Menschen misstrauen. Denn viele unserer weissen Brüder – wie ihre Anwesenheit hier heute zeigt – haben erkannt, dass ihr Schicksal untrennbar mit unserem verbunden ist. Sie haben erkannt, dass ihre Freiheit unlösbar an unsere Freiheit gebunden ist.

Wir können diesen Weg nicht allein gehen.“

— Martin Luther King Jr., „I Have a Dream“-Rede, 1963
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naturwald
28.12.2025 07:06registriert Oktober 2023
Andere Menschen in unserm Land suchen eine günstige Wohnung und finden keine. Aber zum Thema: singt doch einfach etwas das nicht umstritten ist, einen Keil zwischen euren Chor treibt, spaltet und wofür ihr euch gemäss Bericht sogar einen Anwalt nehmen müsst. Das ist lächerlich und nimnt die Lust am Singen und am Zuhören.
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