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Reto wird Vater. Er freut sich auf seinen Tag Vaterschaftsurlaub.

Das fiktive Tagebuch eines Vaters in einem Land mit einem Tag Vaterschaftsurlaub



Pharmautensilien-Verkäufer Reto erwartet mit seiner Partnerin Priska das erste Kind. Retos Arbeitgeber hält sich ans Gesetz – einen Tag darf er sich im Rahmen eines «Vaterschaftsurlaubs» um seine Familie kümmern. Danach wird er in aller Frische wieder im Büro erwartet.

Und so erlebt Reto die ersten (fiktiven!) Tage mit seiner Tochter:

Freitag, 3 Tage bis zum Termin

Priska hat mir heute einen Deal abgerungen. Statt mit Uber X darf sie mit Uber Black ins Spital fahren. Im Gegenzug dazu ist es mir erlaubt, das Telefon während Sitzungen auszuschalten.

Die Partnerin mit Uber ins Spital chauffieren zu lassen, hat nur Vorteile: Ich muss mir das Wehklagen nicht anhören, bei einem Blasensprung bleibt der X3 sauber und ich kann mich in der verbleibenden Zeit besser auf die Arbeit konzentrieren.

Dank dieses Tricks kann ich vielleicht sogar den Vaterschaftsurlaubstag auf zwei Halbtage verteilen. Mein Chef hat mir das kulanterweise erlaubt.

Montag, Cynthia-Michelle ist da!

Der Blasensprung kam am Montagmorgen um 04.00 Uhr – Uber my ass. Wir haben dann den X3 mit Frotteetüchern geschützt. Die Geburt erstreckte sich unglücklicherweise bis in die späten Abendstunden. Mein Halbtagesplan ist damit futsch.

Montag ist für mich der erdenklich schlechteste Tag für eine Geburt. Montags werden bei uns die Aufträge verteilt – wenn ich also morgens zur Arbeit gehe, muss ich die Reste zusammenkratzen. Ade Abschlussbonus. Es ist zum Heulen.

Apropos heulen: Cynthia-Michelle wiegt 3500 Gramm und erstreckt sich über 52 Zentimeter. Sie ist ein Prachtsmädel.

Dienstag

Ich verliess meine beiden Frauen im Spital gestern etwas frühzeitiger. Sie brauchen Ruhe – so wie ich. Dafür stand ich heute im Büro eine Stunde früher auf der Matte. Der Einsatz hat sich gelohnt. Das Smartpharma-Angebot ist den Agentur-Geiern entgangen – ein Rohdiamant mit Potential für fünf Stellen.

Gegen elf Uhr kam Weber ins Büro. Mit breitem Grinsen wedelte er mit der alljährlichen Diamond-Med-Offerte. Die Sau hatte sie sich in meiner Abwesenheit unter den Nagel gerissen. Ist nur zu hoffen, dass der Tubbel auch mal Vater wird.

Abends besuchte ich die Frauen für zwei Stunden im Spital. Cynthia-Michelle hat die ganze Zeit geschlafen. Priska auch fast. Zum Glück hatte ich den Laptop dabei.

Mittwoch

Cynthia-Michelle sei trinkfaul, berichtet mir Priska am Telefon aus dem Spital. Just in dem Moment stürmt Weber zu mir ins Büro. Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Diamond-Med habe nochmals erhöht, plärrt er lachend und knallt die Türe wieder zu.

Cynthia-Michelle weint jetzt viel, erzählt Priska. Es scheint, als habe auch sie Krämpfe.

Donnerstag

Ich müsse noch eine Muttermilch-Pumpe bei der Apotheke holen, richtet mir Martha am Empfang aus, als ich vom Lunch zurückkomme. Ich bin im Smartpharma-Dossier noch nicht einmal in der Hälfte. Weber steht derweil in Socken im Büro und übt Puttingbewegungen. Dabei spielt er nicht einmal Golf.

Priska ist dann doch noch zu ihrer Uber-Black-Fahrt gekommen. Vom Spital nach Hause. Ich erfahre, dass sie die Milchpumpe nun doch nicht braucht. Der Milcheinschuss sei gekommen. Endlich erfreuliche Nachrichten.

Freitag

Die deutsche Hebamme hat mir heute befohlen, unter ihrem strengen Blick Cynthia-Michelle zu wickeln. «Mach du mal», herrschte sie mich an – und Priska klatsche frohlockend in die Hände. Doch so einfach kriegen die mich nicht. Die wollen Spielchen? Dann kriegen sie Spielchen!

Ich habe mich dann absichtlich noch ungeschickter angestellt. Echt waren nur die Rückenschmerzen. Und die Schweissperlen. Und mein Ärger. Und die Schwierigkeiten mit den Druckknöpfen. Und die Probleme, Cynthia-Michelles wehrhafte Glieder wieder in den Body zu zwingen.

Während ich hantierte, deckte mich Hebamme Hilde mit Sprüchen ein: «Für Arthrose bist du noch zu jung», oder «ein Chirurg ist an dir nicht verloren gegangen». In dieser Castingshow ist sie Dieter Bohlen – und ich bin scharf auf ihr «NEIN».

Priska hat dann irgendwann entnervt übernommen und die Sache ins Reine gebracht. Schon erstaunlich, wie viel besser Frauen in diesen Sachen sind. Dabei ist es auch ihr erstes Kind.

Samstag

Cynthia-Michelle und Priska schlafen. Ich nehme mir die Zeit und erstelle eine Liste, mit welchen Leuten ich in der letzten Woche mehr Zeit verbracht habe als mit meiner neu geborenen Tochter:

Martha
Sämtliche Mitglieder der Sitzung vom Mittwoch
Sämtliche Mitglieder der Sitzung vom Donnerstag
Facility Manager Flavio
Weber, das Arschloch​

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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
raues Endoplasmatisches Retikulum
24.04.2018 13:16registriert July 2017
Dafür, dass seine Tochter Cynthia-Michelle heisst, sollte man ihm auch noch den einen Tag Urlaub streichen ;-)
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Saftladen
24.04.2018 13:29registriert May 2015
Offenbar haben meine lieben Kommentier-KollegInnen die unterschwellige Ironie des Artikels nicht verstanden. Sehr witzig und auf den Punkt gebracht - ein gutes Beispiel, weshalb der eine Tag Vaterschaftsurlaub ein schlechter Witz ist.
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lilie
24.04.2018 13:51registriert July 2016
Ahahaha! Fast eine Martin-Suter-würdige Leistung, der Text trieft nur so von boshaftem Sarkasmus! 😂😂😂
Spitzenleistung von meinem (er weiss es nur nicht) Seelverwandten @Patrick. 👍😊
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54

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