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Die Kirche erlässt vermehrt Sanktionen gegen fehlbare Kleriker. (Symbolbild) Bild: shutterstock

Kirche informiert Justiz vermehrt über Missbrauchsfälle – und verordnet Psychotherapien



Missbrauchsvorwürfe gegen Mitglieder der katholischen Kirche häufen sich. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue Skandalfälle an die Öffentlichkeit dringen.

Cardinal Ricardo Ezzati, former archbishop of Santiago gestures after a news conference, Saturday, March 23, 2019 in Santiago, Chile. Pope Francis has replaced Ezzati , the embattled archbishop of Santiago, Chile, after he became embroiled in the country's spiraling sex abuse and cover-up scandal.  (AP Photo/Esteban Felix)

Ricardo Ezzati Bild: AP/AP

Erst vor wenigen Tagen trat der chilenische Kardinal Ricardo Ezzati zurück. Er steht im Verdacht, den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester vertuscht zu haben. Und im US-Bundesstaat Illinois sind fast 400 katholische Priester und Laien öffentlich mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert worden.

Opfer gehen vermehrt gegen Täter vor

Aber auch in der Schweiz kommt es zu Übergriffen. Laut der «SonntagsZeitung» haben sich mehr als 300 Opfer seit 2010 gemeldet. Doch was macht die katholische Kirche hierzulande eigentlich mit den Beschuldigten?

Dazu wurden erstmals Details bekannt gegeben. Zahlen zeigen: Im Jahr 2017 wurden so viele Fälle wie noch nie an die staatliche Justiz weitergeleitet. Von 65 gemeldeten Vorfällen waren 15 Prozent, oder knapp jeder siebte Fall, gravierend genug, dass die Justiz ins Spiel kam.

Acht Fälle meldete die Kirche selbst, in zwei nahmen die Strafverfolger von Amtes wegen Ermittlungen auf. Die Angaben aus einer internen Liste der Bischofskonferenz zeigen auch, dass Opfer heute eher bereit sind, Massnahmen gegen Täter zuzulassen. Als sich im Jahr 2010 erstmals Betroffene an die Kirche wandten, wünschten bei 116 Meldungen 56 Opfer, dass es bei einer Aussprache bleibt, die Täter also nicht behelligt werden. Im Jahr 2017 verlangten das bei 65 Meldungen nur noch sieben Betroffene.

Wie kann sexueller Missbrauch verhindert werden?

Video: srf/SDA SRF

Ortsverbote und Pilgerreisen

Die Kirchen hat sich zudem jenen Fällen angenommen, die nicht von der Justiz untersucht wurden. Viele der Täter wurden intern sanktioniert.

Gegen vier Priester wurden Ortsverbote ausgesprochen. Sie dürfen sich dem Gebiet, an dem es zum Übergriff kam, nicht mehr nähern. Zudem wurden zwei Kleriker verwarnt, drei suspendiert und drei weiteren gekündigt. Ebenso wurden einige von ihnen zu Pilgerfahrten verpflichtet, wie die «SonntagsZeitung» berichtet. Zurzeit wird intern diskutiert, ob die Richter des kanonischen Rechts statt Wallfahrten neu Geldstrafen verfügen sollten.

Umstrittene Psychotherapien

Weiter hat die Kirche zehn Täter in eine Psychotherapie geschickt – dies ist unter Experten allerdings Umstritten. Auch Sexualtherapeut Joachim Reich hat seine Zweifel: «Von Zwangstherapien halte ich wenig. Es ist eher ein Feigenblatt der Kirche, die damit die Verantwortung weitergeben kann.»

Reich findet, dass sich die Schwierigkeiten der Sexualität für Kleriker nicht einfach so wegtherapieren lassen. Diese Massname wiederspiegle eher die Hilflosigkeit der Kirche. Nur ganz wenige «zölibatär Hochbegabte» könnten ohne weiteres das Gebot der Asexualität befolgen.

Monika Egli-Alge, Geschaeftsfuehrerin Forenschises Institut Ostschweiz, spricht waehrend der Pressekonferenz

Monika Egli-Alge Bild: KEYSTONE

Anders sieht das laut der «SonntagsZeitung» Monika Egli-Alge. Die Leiterin der Schweizer Forio-Klinik therapiert Pädophile und vertritt die Meinung, dass eine Psychotherapie in diesem Zusammenhang nicht auf Freiwilligkeit basieren, sondern verordnet werden sollte.

In einem Punkt sind sich die beiden Experten aber einig. Sie widersprechen der Behauptung der Kirche, dass das Zölibat keinen Einfluss auf Missbrauchsfälle habe. Die Unterdrückung der Sexualität würde an einem gewissen Zeitpunkt «bei diesen Menschen aus ihnen herausbrechen». (vom mit Material von sda/dpa/afp)

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • ojama 24.03.2019 17:35
    Highlight Highlight Die Katholische Kirche muss sich reformieren und das Zöllibat und weitere Altlasten abschaffen, wenn sie in Zukunft weiterbestehen will!
  • Ueli der Knecht 24.03.2019 13:14
    Highlight Highlight "...Monika Egli-Alge. Die Leiterin der Schweizer Forio-Klinik therapiert Pädophile und vertritt die Meinung, dass eine Psychotherapie in diesem Zusammenhang nicht auf Freiwilligkeit basieren, sondern verordnet werden sollte."

    Egli-Alge ist weder daran interessiert, Pädokriminalität präventiv zu verhindern noch Pädophilen zu helfen, denn das wäre dem Geschäftsmodell ihrer "Privatklinik" abträglich. Vielmehr will sie ihre Privatklinik in einem amtlichen Anstrich verkleiden, und sich auf Kosten von Pädophilen und Opfern pädokrimineller Übergriff bereichern. Mit ebenso fragwürdigen Methoden.
  • Gawayn 24.03.2019 09:36
    Highlight Highlight Das Zöllibat ist ein alter Zopf der Katholiken.
    In der Bibel wird nirgends verlangt, das ein Priester im Zöllibat leben soll.
    Es steht aber:
    (aus gutem Grund abgeändert) das seelig die im Zöllibat leben können.
    Es ist also freiwillig. Keine Voraussetzung.
    Könnte man guten Gewissens ersatzlos streichen und freiwillig führen.
    Würde viel Leid ersparen.

    Die Kirche kath wie Ref haben schlimme Dinge, aber auch viel Gutes getan. Darf man nicht alles schlecht reden.

    Der aktuelle Papst erwirkt auch positive Veränderungen. Nur ist ein dicker Filz da. Nicht so einfach

  • Zwei Fallende Stimmen 24.03.2019 09:03
    Highlight Highlight Natürlich hat das Zölibat einen Einfluss. Man weiss ja aus der Forschung, dass die Mehrheit der Täter, die sich an Kindern vergehen, keine Kernpädophile sind, sondern Ersatzhandlungstäter sind. Das heisst, sie nutzen Kinder als praktischen, leicht zugänglichen Ersatz. Jedenfalls bei denen spielt das Zölibat sicher eine Rolle.
    • infomann 24.03.2019 11:52
      Highlight Highlight Einfach nur noch grusig.....
      Wer solche Vereine unterstützt ist selber schuld.
      Kirche und Staat muss ganz getrennt werden.
    • Ueli der Knecht 24.03.2019 13:16
      Highlight Highlight Die überwiegende Mehrheit der TäterInnen sind auch keine Priester sondern engere Familienangehörige, Väter, Mütter, Geschwister, Tanten und Onkel.
    • Shabaqa 24.03.2019 17:31
      Highlight Highlight Allerdings ist jeder Priester frei, sexuelle oder romantische Beziehungen mit erwachsenen Personen einzugehen. Die sind zwar gemäss Kirchenrecht nicht erlaubt, aber im Gegensatz zu sexuellen Übergriffen immerhin nach staatlichem. Die Ersatzhandlungsthese überzeugt mich daher nur bedingt.
  • Oxymora 24.03.2019 09:00
    Highlight Highlight Berufsgläubige werden mit Pilgerfahrten bestraft !?

    Die weltliche Justiz könnte soviel von der Kirche lernen.
    Sie könnte z.B. Verstösse gegen das Jagtgesetz in Zukunft
    mit Jagtferien in Sibirien oder Afrika bestrafen. Etc.
  • Maurice RiséFrisé 24.03.2019 06:25
    Highlight Highlight Was mich grundsätzlich erstaund ist nicz das bedürfnis, das Köeriker haben nach sex. Ist ja nachvollziehbar. Aber wiesi ist die Häufigkeit so hoch, dass der Missbrauch mit minderjährigen Knaben stattfindet. Ist das reine Kontexbegründung (Gelegenheit) oder selektiert dieser Posten echt die Übergriffigen vor? Lösung: Abschaffung des Zölibats. Alo echt jetzt. Wer glaubt nich daran, dass diese Kleriker ihr leben dadurch mehr Gott widmen können. Ist doch Bullshit. Heiratet, macht Kinder und widmet euer Leben Gott. Ist docv scheissegal. Lebt eure Triebe einfach nicht an Kindern aus. Ayayay. GOTTLOS

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