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SRF-«Arena»: Die Debatte über die Renteninitiative der Jungfreisinnigen

Adrian Wüthrich ist Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse und gegen die Renteninitiative der Jungfreisinnigen.
Adrian Wüthrich ist Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse und gegen die Renteninitiative der Jungfreisinnigen.Bild: keystone
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Gewerkschafts-Präsident in Renten-«Arena»: «Die Initiative ist für gewisse Leute tödlich»

Die Renteninitiative der Jungfreisinnigen will das Rentenalter schrittweise erhöhen und an die Lebenserwartung koppeln. So könne das Schweizer Stimmvolk die AHV langfristig sichern, sagen die Befürworter in der «Arena». Die Gegner bezeichnen die Vorlage als unfair, es handle sich faktisch um eine Rentenkürzung.
10.02.2024, 03:1810.02.2024, 14:46
Ralph Steiner
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Endlich nicht mehr aufstehen, dachten sich die geneigten TV-Zuschauer, die es sich Ende Vierziger in ihren Sesseln gemütlich machten. 1948 kam es in den USA zur Erfindung der Fernbedienung. Im selben Jahr wurde Mahatma Gandhi erschossen und US-Präsident Harry S. Truman unterzeichnete den Marshallplan. Und ebenfalls 1948 wurden in der Schweiz die ersten AHV-Renten ausbezahlt. Das mit Abstand wichtigste Schweizer Sozialwerk war geboren.

Ein Pöstler bringt diesem Rentner im Jahr 1948 die AHV vorbei.
Ein Pöstler bringt diesem Rentner im Jahr 1948 die AHV vorbei.bild: screenshot srf

Bis heute deckt die AHV im Alter das Existenzminimum und sorgt gleichzeitig für intensive Debatten, so geschehen am Freitag in der SRF-«Arena». In der ersten von zwei AHV-Sendungen – beide Vorlagen gelangen am 3. März zur Abstimmung – ging es um die Renteninitiative der Jungfreisinnigen. Folgende Gäste kreuzten in Leutschenbach die Klingen.

Die Befürworter:

  • Andri Silberschmidt, Vizepräsident FDP
  • Diana Gutjahr, Nationalrätin SVP/Thurgau
  • Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem

Die Gegner:

  • Flavia Wasserfallen, Ständerätin SP/Bern
  • Erich Ettlin, Ständerat Mitte/Obwalden
  • Adrian Wüthrich, Präsident Travail Suisse

Auffallend war, dass die geladenen Politiker trotz diametral unterschiedlichen Positionen gesittet miteinander diskutierten. Zwar wurden Gegenargumente regelmässig als völlig falsch betitelt und regelrecht zerpflückt, verbale Giftpfeile flogen aber nur vereinzelt durch das «Arena»-Studio. Mit einer Ausnahme.

Ärger auf der Rückbank

Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher – er vertritt in seiner Funktion die Interessen der Tech-Industrie – redete sich wiederholt in Rage. Es wirkte, also müsste der FDP-Politiker die über 100 Milliarden, die der AHV gemäss Bund bis 2050 fehlen, aus eigener Tasche berappen. Speziell die Argumente seines Konterparts, Adrian Wüthrich vom Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse, waren regelrechte Triggerpunkte.

Möglicherweise hatte dies nebst den inhaltlichen Dissonanzen auch mit der Art und Weise zu tun, wie der ehemalige SP-Nationalrat seine Argumente vorbrachte. Wüthrich wirkte die ganze Sendung hindurch entspannt und gut gelaunt, als sässe er im Garten einer Finca auf den Balearen.

Die Renteninitiative
Die Vorlage der Jungfreisinnigen zielt auf eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters bis 66 Jahre ab. Wird die Initiative am 3. März angenommen, steigt das Rentenalter für Frauen und Männer ab 2028 um zwei Monate pro Jahr. 2033 läge es folglich bei 66 Jahren.

Danach wird das Rentenalter weiter nach oben angepasst, dafür ausschlaggebend ist die Lebenserwartung. Steigt diese um einen Monat, wird das Rentenalter um 0,8 Monate und um maximal zwei Monate pro Jahr erhöht. Bundesrat und Parlament lehnen die Renteninitiative der Jungfreisinnigen ab.

Der AHV gehe es sehr gut, führte der Travail-Suisse-Präsident aus, man sehe, dass genug Geld da sei. Kritik äusserte der Gewerkschaftsvertreter jedoch in Richtung Parlament.

Wüthrich wies darauf hin, dass das Parlament sich gegen die vom Bundesrat vorgeschlagene Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,7 Prozent für eine nachhaltige Finanzierung der AHV ausgesprochen hatte. Auf Jahresbeginn 2024 betrug der Anstieg deswegen nur 0,4 Prozent.

Adrian Wüthrich (Travail Suisse): «Es braucht nicht einen solch starren, unfairen Mechanismus»

Video: srf/arena
«Man möchte der AHV nicht genug Geld geben, sondern nur ganz knapp, damit man mit solchen Schreckensszenarien den Leuten Angst machen kann. Und dann kommen die Banken und wollen uns eine dritte Säule verkaufen. Das kostet die Leute viel mehr, als wenn wir gut zur AHV schauen.»
Adrian Wüthrich, Präsident Travail Suisse
Auf diese Grafik spielt Wüthrich mit den erwähnten Schreckensszenarien an.
Auf diese Grafik spielt Wüthrich mit den erwähnten Schreckensszenarien an.bild: arena/srf

Stefan Brupbacher – er sass gleich neben Wüthrich sozusagen auf der Rückbank im «Arena»-Studio – bemängelte die mangelnden AHV-Reserven des Bundes. Die AHV sei ein Tanker mit Jahresausgaben von rund 50 Milliarden Franken. Genau dieser Betrag müsste gemäss Gesetz als Rücklage vorhanden sein. Gehe es so weiter, nehme das AHV-Defizit immer mehr zu.

«Ist man einmal in einer Negativspirale, ist man verloren. Dann kann man nur noch entweder die Steuern oder das Rentenalter massiv erhöhen. Je schneller und klarer man jetzt Reformen vornimmt, desto günstiger werden sie.»
Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem

Ein weiterer Zankapfel der beiden Verbandsvertreter war die Tatsache, dass ein Ja zur Renteninitiative eine Änderung der Bundesverfassung zur Folge hätte. Gemäss Wüthrich liege der Fokus zu stark nur auf dem Rentenalter, alle andere Parameter würden weggelassen.

Brupbacher entgegnete: «Wenn etwas in der Verfassung steht, muss das Parlament danach ein Gesetz daraus machen.» Der schwierigste Punkt, der Automatismus des Rentenalters, müsse früh in der Verfassung festgeschrieben sein. Danach könne das Parlament weitere Elemente der AHV-Handhabung ausgestalten.

Der Automatismus

Die automatische Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung ist einer der Hauptgründe, weshalb die Gegner sich für eine Ablehnung der Initiative stark machen. Der Automatismus sei Humbug, so Flavia Wasserfallen vom Nein-Komitee, «da können wir ja gleich heimgehen». Man wolle politisch gestalten, wie es der Altersvorsorge und den Menschen gehe – Automatismen machten dies «völlig kaputt».

Man habe ausserdem schon immer gehört, dass es der AHV schlecht gehe und sie bald kein Geld mehr habe. Die herbeigeredeten Prognosen seien im Schnitt immer eine Milliarde zu pessimistisch gewesen.

«Die AHV wird von der rechten Seite systematisch schlechtgeredet, weil sie ihnen ein Dorn im Auge ist.»
Flavia Wasserfallen, SP

Flavia Wasserfallen (SP): «Die AHV ist zu wichtig, als dass man ein Problem riskieren würde»

Video: srf/arena

Das Geniale der AHV sei die Umverteilung von den «sehr sehr wenigen Reichen zu allen anderen», deswegen wollten die Befürworter sie schwächen, so Wasserfallen. Das sei das Einzige, das durch den Automatismus passiere. Das Parlament sei in der Lage, die AHV zu sichern. «Ich kann diese Angstmacherei nicht mehr hören.»

FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt, einer der Köpfe der Renteninitiative, verteidigte das Instrument des Automatismus am Beispiel der Schuldenbremse, die in der Verfassung verankert ist. «Fast alle in der Schweiz sind froh, haben wir einen Automatismus, damit der Bund nicht mehr Geld ausgibt, als er einnimmt.»

Die Initiative führe zudem – ein Vorwurf der Gegner – nicht zu einer Schwächung, sondern einer Stärkung der AHV. Sie erhalte mehr Einnahmen, weil Schweizerinnen und Schweizer länger einbezahlen, und es werde weniger Geld ausgegeben, weil man weniger lang Renten beziehe.

Andri Silberschmidt (FDP): «Automatismen sind nichts Neues, wir kennen es von der Schuldenbremse»

Video: srf/arena

Letztendlich sei die Renteninitiative für die Schweizer Bevölkerung eine einmalige Chance, die AHV langfristig zu sichern, damit dies nicht immer über mehr Steuern und Abgaben geschehe. Die Finanzierung der AHV sei heute nicht sichergestellt – und das trotz der Tatsache, dass die Altersvorsorge regelmässig eine der grössten Sorgen der Bevölkerung darstelle.

«Wir haben enorme Herausforderungen. Wir haben in den nächsten 25 Jahren eine Million mehr Rentner, und die haben alle eine anständige Rente verdient.»
Andri Silberschmidt, FDP

«Das geht mir sowas auf den Wecker»

Obwohl in der «Arena» zur Renteninitiative vor Milliardenlöchern in der AHV gewarnt wurde, vor sogenannten Rentensklaven, blieb die Stimmung bei den Gästen im Studio mehrheitlich locker. Nur Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher sah seine Nerven auch zu fortgeschrittener Stunde strapaziert.

Man höre immer wieder, Arbeit sei etwas Schlechtes. Zudem werde systematisch erzählt, Arbeitgeber würden sich nicht um ihre Mitarbeitenden kümmern. «Das geht mir sowas auf den Wecker, gerade wenn es aus dieser Ecke kommt», sagte Brupbacher und zeigte auf Travail-Suisse-Präsident Adrian Wüthrich.

Stefan Brupbacher (Swissmem): «Man hört immer wieder, Arbeit sei etwas Schlechtes»

Video: srf/arena

Der Angegriffene blieb cool. Wüthrich erwähnte den zuvor als Beispiel thematisierten Baumeisterverband und bezweifelte, dass dieser bei einer Annahme der Renteninitiative weiterhin gewährleisten werde, dass sich Bauarbeiter mit 60 Jahren pensionieren lassen können.

Etwas kurios wurde es, als Wüthrich Studien zitierte, die aufzeigten, was mit Menschen passierte, die – er spielt auf die Renteninitiative an – gezwungen wurden, länger zu arbeiten. Stieg das Rentenalter, stieg auch die Sterblichkeit. «Überspitzt kann man sagen, diese Initiative ist für gewisse Leute tödlich.»

Über die Renteninitiative der Jungfreisinnigen entscheidet das Stimmvolk am 3. März.

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356 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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naturwald
10.02.2024 05:59registriert Oktober 2023
Noch länger arbeiten wenn man ab 50 oft kaum mehr einen Job findet? Man finde den Fehler..
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Walter-Brock Miami-FM
10.02.2024 05:44registriert August 2023
Was hat das System anzubieten? Immer mehr und länger arbeiten, am besten bis 1 Tag vor dem Tod. Gleichzeitig wird CHF inflationieren, also den Leuten die Kaufkraft des Ersparten genommen. Das ganze ist ein Scam, damit sich wenige daran bereichern können. Aber einer wird jetzt schreiben, es sei alles legal, es sei schon immer so und man könne nichts machen. Man kann, man muss sich organisieren und für seine Bedürfnisse einstehen. Das machen die Reichen schliesslich auch und unternehmen alles (wir brauchen sozialen Frieden), damit wir uns nicht organisieren und unsere Situation verbessern.
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Fairness
10.02.2024 07:17registriert Dezember 2018
Ein Nein macht den Weg frei für eine bessere Lösung. Säule 3a mag ich nicht mehr hören, auch wenn ich das Glück habe, immer das Maximum einzahlen zu können. Ein Steuersparmodell für Gutverdiener. Dass nur gerade 10% es nutzen können, ist bedenklich. Genauso wie Einkäufe in die PK. Wenn nur wenige davonnprofitieren, gehören solche Steuersparmodelle abgeschafft. Endlich mal faire Löhne für alle anstatt immer nur Gewinnmaximierung, das spült auch Geld in die AHV.
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