Schweiz
Review

SRF-«Arena»: SVP-Dettling macht SP verantwortlich für Tote im Mittelmeer

mattea meyer sp svp asylpolitik
Mattea Meyer wehrt sich in der «Arena» gegen den Angriff von Marcel Dettling.Bild: Screenshot SRF
Review

Dettling attackiert Meyer: «Sie sind verantwortlich, dass Menschen im Mittelmeer sterben!»

Die Diskussion in der «Arena» über die Asylpolitik der Schweiz wurde dominiert von gegenseitigen Unterstellungen und Anschuldigungen. Einzig einer hörten alle zu: der geflüchteten Wiam Mohamad.
24.06.2023, 06:3125.06.2023, 11:14
Folge mir
Mehr «Schweiz»

Emotional war sie, die «Arena» zur Schweizer Asylpolitik. Eine Anschuldigung dort, eine haltlose Unterstellung hier – kaum haben sich die Zuschauerinnen und Zuschauer von einem Schlagabtausch erholt, folgte bereits der nächste.

Ihren Höhepunkt erreichte die Emotionalität, als der Frau, die am wohl direktesten betroffen war von der «Arena»-Diskussion, Wiam Mohamad, die Tränen kamen.

Sie ist vor acht Jahren mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn, ihrem minderjährigen Bruder und ihrem Mann auf einem überfüllten Boot nach Europa geflüchtet. Ihre Mutter habe sie damals angefleht, ihr Heimatland nicht zu verlassen. Denn auch ihre Mutter habe die Bilder von den Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind, gesehen, erzählte Mohamad unter Tränen.

Ihre Worte gingen unter die Haut: «Wir sind nicht freiwillig hierhergekommen. Wir haben unser Heimatland, unsere Eltern und unsere Freunde nicht freiwillig verlassen. Aber jetzt ist es so.»

«Wir sind nicht freiwillig hierhergekommen»

Video: watson

Mit und über Wiam Mohamad sowie Zehntausende andere Geflüchtete diskutierten:

  • Mattea Meyer, Co-Präsidentin SP
  • Marcel Dettling, Vizepräsident SVP
  • Tiana Angelina Moser, Fraktionspräsidentin GLP
  • Hans-Peter Portmann, Nationalrat FDP

Trauer und Angst hat Mohamad während der Flucht empfunden. In der «Arena»-Sendung kamen bei den Politikerinnen und Politiker aber noch andere Gefühle auf.

Diese Asylpolitik wünscht sich Meyer

Meyer bewies Empathie, als sie schilderte, welche Asylpolitik sie sich wünscht. So sagte sie: «Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass diese Menschen eine unfreiwillige Migration auf sich nehmen. Diese Menschen würden liebend gerne in ihrer Heimat bei ihren Liebsten bleiben.»

Sie erklärte daraufhin, dass sie sich jeweils überlege, was sie sich wünschen würde, wenn sie in einer Notsituation wäre – ihre Politik würde sie dann nach dem ausrichten.

Sie sagte: «Wenn ich mit zwei kleinen Kindern flüchten müsste, dann würde ich hoffen, dass ich meine Kinder nicht in ein Boot setzen müsste, das kentern könnte und die Kinder sterben würden. Dann würde ich hoffen, dass es legale Fluchtmöglichkeiten gäbe. Und ich würde auch hoffen, dass ich in dem Land, in dem ich ankomme, Schutz bekomme.»

«Diese Menschen nehmen unfreiwillige Migration auf sich»

Video: watson

Doch die Empathie wich bald anderen Gefühlen. Wut und Unverständnis kamen auf – die Diskussion wurde ziemlich schnell ziemlich hitzig.

Dettling attackiert Meyer verbal

Denn der SVP-Vizepräsident Dettling griff Meyer frontal an und warf ihr vor, dass die SP aufgrund ihrer Politik mitverantwortlich sei. Er sagte: «Mit Ihrer Politik stärken Sie die Menschenhändler. Sie stärken, dass die Leute im Mittelmeer ertrinken, wegen Ihrer Sogwirkung und weil Sie sagen: Kommen Sie alle in die Schweiz. Sie sind am Schluss verantwortlich, wenn Leute im Mittelmeer sterben, wegen Ihrer Politik.»

Dettling unterstellt Meyer, Schlepper indirekt zu unterstützen

Video: watson

Meyer schien erschrocken über die Unterstellung, konterte aber souverän und sagte: «Ich glaube, wir können wirklich redlich miteinander bleiben. Dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, ist die Folge der europäischen Politik, die eine Festung Europa erbaut. Diese Politik lässt es zu, dass Tausende von Menschen namenlos im Mittelmeer ertrinken.»

Sie fügte bestimmt an: «Ich setze mich für eine Politik ein, die diesen Menschen eine legale Fluchtmöglichkeit bietet, damit sie nicht gezwungen sind, einen solchen Weg auf sich zu nehmen und die Kinder ertrinken.»

«Ich setze mich für eine Politik ein, die diesen Menschen eine legale Fluchtmöglichkeit bietet»

Video: watson

Das Argument, dass die SP mitverantwortlich sei für das Ertrinken von Tausenden von Menschen, war in der «Arena» wiederkehrend – insgesamt dreimal beharrte Dettling drauf.

Der Ton während der Sendung war schroff: Die Politikerinnen und Politiker unterstellten einander, dass sie sich mit der Materie nicht gut auskennen würden und bezichtigten die anderen Gäste des Mansplainings. Sätze wie «Lass mich doch endlich aussprechen» fielen mehr als ein Mal.

Der Moderator Sandro Brotz versuchte, die Runde gegen den Schluss etwas aufzulockern. Das 30-Jahre-Jubiläum der «Arena» stünde an, was die Gäste so mit der «Arena» verbinden würden und was sie von ihr halten würden, fragte er die Gäste. Die Auflockerung schien gelungen zu sein – nach der angespannten Diskussion konnte er dennoch allen Gästen ein Lächeln abgewinnen.

Epilog: Das denken die Jugendlichen

Als die Lichter im Studio 8 schon erloschen waren, fand im Tram vom Fernsehstudio Richtung Stadtzentrum eine etwas andere «Arena»-Nachbesprechung statt.

Einige Schülerinnen und Schüler diskutieren das Gesehene und Gehörte. Die Argumente der Politikerinnen und Politiker, welche nicht beim Namen genannt, sondern beschrieben wurden mit «der eine mit dem Bart» oder «die Frau links», wurden eifrig besprochen. Einige Begründungen seien nicht nachvollziehbar gewesen, andere gut. Gewisse Gäste hätten «nur Schei*** rausgelassen», so ein Junge.

Auch das Verhalten des Moderators Brotz ist bei den Schülern aufgefallen. Ein Mädchen mimte ihn mit ausgestreckten Armen und sagte: «Das hat er immer gemacht, wenn es laut wurde.» Die anderen lachten.

Ein anderes Mädchen sagte dann traurig: «Mann, aber die arme Frau, die flüchten musste, die tat mir so leid.»

Als das Tram beim Hallenstadion vorbeifuhr, war die «Arena» schon passé. Eine andere Frage stand im Zentrum, als die Jugendlichen die Menschenmenge vor dem Stadion erblickten: «Welches Konzert war heute?»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Asyl-Notunterkunft Hochfeld in Bern
1 / 5
Asyl-Notunterkunft Hochfeld in Bern
Seit vier Jahren in Betrieb: Zuerst waren in der Notunterkunft Hochfeld hauptsächlich Asylsuchende aus Nordafrika untergebracht, nun sind es mehrheitlich Flüchtlinge aus den Nahen Osten. (Bilder: Keystone)
quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Hamid und Mohammad besichtigen das Schloss Zwingen in Basel
Das könnte dich auch noch interessieren:
223 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Medical Device
24.06.2023 06:50registriert Januar 2021
Die Wahrheit liegt wohl immer irgendwo dazwischen. Gut wäre es den Leuten mehr vor Ort zu helfen. Doch mit der Klimakrise wird die Migration noch mehr befeuert da Erdteile unbewohnbar werden.
So ganz falsch ist das Sog Argument auch nicht. 2015 hatte man Flüchtlinge befragt warum sie DE aussuchten. Die Antwort war in DE würden sie ein Haus geschenkt bekommen. Das Problem ist vielschichtig und nicht einfach in den Griff zu kriegen. Botschaftsasyl oder Zentren in Nordafrika könnten ein Schritt gegen das Ertrinken im Mittelmeer sein.
17729
Melden
Zum Kommentar
avatar
uicked
24.06.2023 09:02registriert Oktober 2017
Naja. Wir als Europa sind einfach die Einzigen die was tun, nicht viel, aber wir tun was. Man könnte auch mal die arabische Liga auffordern etwas zu tun. Denen nützt es aber mehr, wenn alle nach Europa gehen. Es ist schlussendlich ein Problem der Welt und nicht nur das von Europa. Bei der Ausbeutung der Region sind auch alle mitdabei.
13519
Melden
Zum Kommentar
avatar
Resche G
24.06.2023 09:06registriert Februar 2016
Ich mag es nicht wie Teile der europäischen Linke das Problem konsequent ignoriert und das kostet massive stimmen und wird uns in ein rechtspopulistisches europa treiben.

„Eine legale Fluchtmöglichkeit“, korrigiert mich, aber wir sprechen hier hauptsächlich von illegalen migranten meist ohne Asyl berrechtigung.

Mir gefällt die Situation auch nicht, aber was würde geschehen wenn wir z.b. Fähren und offene Grenzen anbieten würden?

Dazu kann man doch auch nicht immer die Geselschaftlichen Probleme klein reden, wie z.b. DE, das führt einfach zu einer AFD Kanzlerin.
13441
Melden
Zum Kommentar
223
Post muss nicht mehr zu jedem nach Hause kommen

Der Bundesrat will der Post längere Zügel lassen. Sie soll nur noch 90 Prozent der Briefe und Pakete fristgerecht zustellen müssen. Auch die Verpflichtung, jedes ganzjährig bewohnte Haus mit Post zu versorgen, soll fallen.

Zur Story