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Die SBB streichen fast überall Stellen – aber in Bern wachsen sie

Ein immer grösserer Teil der Belegschaft der Bahn arbeitet im Kanton Bern, wo der Hauptsitz der SBB steht. Die Gewerkschaft übt harte Kritik: Der Betrieb habe zu fest leiden müssen.
29.06.2020, 07:3429.06.2020, 07:44
Stefan Ehrbar / ch media

Die SBB wollen die Arbeitsplätze der Menschen wieder näher an ihren Wohnort bringen. In bis zu 60 Bahnhöfen bauen sie darum sogenannte Coworking-Spaces mit Arbeitsplätzen auf. Damit soll auch der öffentliche Verkehr entlastet werden. Im eigenen Haus allerdings ist bei den SBB nicht viel von dezentralem Arbeiten zu spüren.

Die SBB beschäftigt in der ganzen Schweiz Mitarbeiter.
Die SBB beschäftigt in der ganzen Schweiz Mitarbeiter.Bild: sbb

Das zeigt eine Auswertung von öffentlich zugänglichen Daten der Bahn zur geographischen Verteilung der Arbeitsplätze im Konzern. Sie zeigen: Ein immer grösserer Teil des SBB-Personals arbeitet im Kanton Bern, wo die Bahn ihren Hauptsitz hat. Ende letzten Jahres waren es 25.1 Prozent – zwei Prozentpunkte mehr als noch fünf Jahre zuvor.

Während die SBB in fast allen Kantonen der Schweiz in diesem Zeitraum Personal abgebaut hat, wuchs der Stellenbestand in Bern um über 400 Vollzeitbeschäftigte.

SBB baut rund 1400 Stellen ab

In keinem anderen Kanton haben die SBB ähnlich viele neue Stellen geschaffen – mit Ausnahme von Solothurn, das vom Umzug des SBB-Cargo-Hauptsitz und der Verlegung von Infrastruktur-Stellen profitiert hat.

Weniger Menschen arbeiten für die SBB heute sogar in Kantonen, in denen das Angebot deutlich ausgebaut wurde und mehr Lokführer, Rangierarbeiter und Kundenbegleiter benötigt werden, etwa im Aargau, in St. Gallen oder in Zürich, wo in dieser Periode das Bahnangebot mit der Eröffnung der Durchmesserlinie stark gestiegen ist.

Bauen die SBB ihre Verwaltung aus, während immer weniger Leute für den eigentlichen Bahnbetrieb tätig sind? Die Vermutung liegt nahe, zumal die SBB im Kanton Bern vergleichsweise wenige eigene Leistungen anbieten. Der Regionalverkehr ist dort nämlich in der Hand der Konkurrentin BLS.

Trotzdem dementieren die SBB einen Ausbau des Overheads. Die Administration wachse nicht. Im Gegenteil, sagt Sprecher Reto Schärli: «Die SBB baut von 2017 bis 2020 insgesamt rund 1400 Stellen ab, die meisten davon in der Administration und Verwaltung.»

«Teilweise werden im Betrieb Stellen reduziert»

In Bern arbeiteten auch viele Mitarbeitende im operativen Bereich. Das Stellenwachstum im Kanton sei dadurch zu erklären, dass die Informatik rund 200 Stellen internalisiert habe und diese Angestellten nicht mehr über externe Firmen beschäftige.

Zudem seien Arbeitsplätze im Bereich Human Resources von Olten und Freiburg nach Zollikofen verlegt worden und ein neues Team für neue Mobilitätsdienstleistungen mit 35 Vollzeitstellen sei gegründet worden. «Die SBB legt grossen Wert auf eine gute Verankerung in den Regionen», sagt Schärli. Diese seien in den vergangenen Jahren sogar gestärkt worden.

Zudem habe die SBB im produktiven Bereich in der ganzen Schweiz mehrere Hundert Stellen aufgebaut. Doch wie passt das mit der negativen Stellenbilanz in fast allen Kantonen zusammen? Schärli räumt ein, dass «teilweise auch im Betrieb Stellen reduziert werden». Produktivitätssteigerungen machten das möglich.

Gewerkschaft: «Zu fest gespart»

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonal (SEV) übt Kritik. Die Stellenstreichungen der vergangenen Jahre stünden im Zusammenhang mit dem Sparprogramm Railfit, sagt Vizepräsidentin Barbara Spalinger. «Das war zwar in erster Linie ein Programm, das auf Stellen in der Verwaltung abzielte. Aber es gab daneben viele Projekte, die sich auch auf Stellen im Betrieb auswirkten.» Dabei sei die Bahn zu forsch vorgegangen: «Im Betrieb wurde viel zu fest gespart», so Spalinger.

Im 2019 mit vielen Baustellen und Grossevents habe die Bahn die Auswirkungen dann zu spüren bekommen. In dieser Zeit produzierte die Bahn immer wieder Schlagzeilen. Die Pünktlichkeit nahm ab, Lokführer mussten mit Überstunden und Sonderprämien dafür sorgen, dass die Züge fuhren – und vereinzelt reichte nicht einmal das aus, so dass einzelne Verbindungen ausfielen.

«Die Stimmung war auf einem Tiefpunkt»

Keine gute Figur habe die SBB-Führung auch bei verschiedenen Umzugsprojekten gemacht, sagt Spalinger. So sollten etwa die «Traffic Control Center», in denen der Zugverkehr bei Störungen disponiert wird, auf wenige Standorte zentralisiert werden. Angestellte aus Bern und der Westschweiz sollten plötzlich in Olten arbeiten. «Da hat es intern richtig geknallt», sagt Spalinger.

«In gewissen Abteilungen betrug die Fluktuation 30 Prozent, die Stimmung war auf einem Tiefpunkt.» Im letzten Herbst dann verordnete sich die Bahnführung eine Denkpause. Deren Ergebnis: Nur noch punktuell werden die geplanten Umzüge verordnet. Die «Kollateralschäden», wie sie Spalinger nennt, seien aber bereits angerichtet worden. Die Bahn habe viele gute Mitarbeiter verloren. «Als ich das Dossier im letzten September überahm, hatte ich gar kein gutes Gefühl.»

Mittlerweile sei aber ein Kurswechsel spürbar. «Ein Abbau im Betrieb ist kein Thema mehr – im Gegenteil. Dort werden nun wieder viele Stellen aufgebaut», so die Gewerkschafterin. Die Zeit der Aderlässe im Betrieb sei vorbei. Zwar gebe es wegen der Coronakrise derzeit einen Einstellungsstopp und «gröbere finanzielle Probleme». Die Richtung stimme aber. «Der Fokus liegt wieder auf dem Betrieb. Das merken wir», sagt Spalinger.

Auch der neue SBB-CEO Vincent Ducrot setze die Prioritäten richtig. «Ich habe den Eindruck, dass die aktuelle SBB-Führung begriffen hat, was ihr Kerngeschäft ist», sagt Spalinger. «Das freut uns natürlich sehr.»

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3 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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moontraveller
29.06.2020 07:56registriert April 2016
Ich habe die SBB verlassen, weil meine Arbeitsstelle in Olten zentralisiert wurde. Ich musste dann von Olten aus Projekte im Tessin bearbeiten.
Der Arbeitsweg wurde für mich persönlich nicht mehr vertretbar.
Am bedenklichsten finde ich, dass ein Unternehmen welches unter einer Überlastung vieler Linien zu den Pendlerzeiten ächzt, selber viele Stellen in Bern, Olten und Zürich zentralisiert. Das geht für mich nicht auf, gerade heute wo durch die Digitalisierung ein reibungsloses zusammenarbeiten auch mit regionalen Büros erst recht möglich ist.
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