«Ich hasse hässliche Frauen»: Bericht deckt schwere Vorwürfe gegen ETH-Professor auf
Machtmissbrauch, Mobbing und Sexismus: Das sind nur einige der Vorwürfe, die einem ETH-Professor in den letzten Jahren von Mitarbeiterinnen und Doktoranden gemacht wurden. SRF Investigativ hat mit 15 der mutmasslichen Opfer gesprochen – und aufgezeigt, wie wenig die Universität zum Schutz der Leidtragenden beigetragen hat.
Der beschuldigte Professor ist seit zehn Jahren im Departement für Management, Technologie und Ökonomie (D-MTEC) an der ETH Zürich angestellt. Über diese Zeit soll er Aussagen wie «Ich hasse hässliche Frauen. Ich will nicht mit hässlichen Frauen arbeiten» gemacht und Mitarbeiterinnen als «Fucking Bitch» bezeichnet haben. Zudem spricht SRF Investigativ von Mobbing, der Thematisierung der Jungfräulichkeit von Doktorandinnen und Machtmissbrauch.
«Es wird weitere Opfer geben, wenn Sie jetzt nicht handeln»
Zu allem hin soll der Professor ein manipulatives Verhalten an den Tag gelegt haben. Er habe Mitarbeitende gegeneinander aufgespielt und aufgehetzt, wird ihm vorgeworfen. Einer der Doktoranden erzählte:
Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner von SRF Investigativ berichten auch von der Anstiftung zu unangebrachten Wetten. «Wenn du mit dieser Studentin schläfst, gebe ich dir sechs Flaschen Wein», soll der Professor etwa gesagt haben.
Während einige der mutmasslichen Opfer dem Professor zu verstehen gaben, dass seine Kommentare unwillkommen waren, getrauten sich andere dies nicht. Das auch aus dem Grund, dass der Professor – gerade über Doktorierende – viel Macht hatte. Es ging so weit, dass einige Angestellte seines Lehrstuhls gingen – und zwar auch Personen, die nicht direkt dem Professor unterstellt waren.
Trotzdem setzten sich über die Jahre hinweg immer wieder einige der Betroffenen zur Wehr. SRF Investigativ spricht dabei von Meldungen beim Departement, die bis ins Jahr 2017 zurückreichen. Zudem sollen sich mindestens sechs Personen bei der ETH selbst über den Professor beschwert haben. Sie sollen sich auch in einer gemeinsamen E-Mail an den ETH-Präsidenten gewendet haben, um sich zusätzlich Gehör zu verschaffen. «Wir sind überzeugt, dass es in Zukunft weitere Opfer geben wird, wenn Sie jetzt nicht handeln», soll in der Mail gestanden haben. Wie SRF Investigativ berichtet, war die ETH-Leitung spätestens ab 2019 offiziell im Bilde zu den Vorfällen.
Professor streitet Vorwürfe ab
Unter der Leitung der damaligen Rektorin Sarah Springman wurden auf die E-Mail hin Gespräche mit den mutmasslichen Opfern durchgeführt. Springer anerkannte danach in einem Brief an die Betroffenen deren «psychischen Stress» und schrieb:
Wie SRF Investigativ weiss, durfte der Professor danach einige Zeit keine Doktorierenden mehr anstellen und musste ein Coaching besuchen. Der Professor bestätigt dies. Trotzdem bestreitet er so gut wie alle Vorwürfe gegen ihn. So könne er sich an die angebliche Sex-Wette nicht erinnern und habe Sprüche wie «Fucking Bitch» nie gemacht. Auch eine Einladung ins Ferienhaus habe es nie gegeben.
Das Einzige, was der Beschuldigte einräumt, war, dass es zu Beginn seiner Professur Probleme gab: «Ich hatte während einer kurzen Zeit einen zu informellen Kontakt mit meinem Kreis von männlichen Mitarbeitenden.» Dabei hätten Gespräche stattgefunden, die er heute als «unangemessen» bezeichnen würde. Solche Unangemessenheiten soll es aber seither nicht mehr gegeben haben. «Ich mag Fehler gemacht haben, aber ich wollte niemandem absichtlich schaden», so der Professor.
Keine Folgen für den Professor
Der Karriere des Professors schadeten die Beschwerden damals aber nicht. Nach dem Absolvieren eines zweijährigen «Leadership Developments» übertrug ihm sein Department bald wieder mehr Verantwortung und er betreute wieder Doktorierende. Dazu sagte der Professor, dass er «intensiv» an seinem Führungsverhalten gearbeitet hätte und es nach 2019 keine Beschwerden mehr gegen ihn gegeben habe.
Dieser Aussage widersprechen aber mehrere Personen, die seither am Lehrstuhl des Professors tätig waren. Wie SRF Investigativ schreibt, soll der Universitätslehrer weiter Leute gegeneinander ausgespielt und sexualisierte Sprüche gemacht haben. Die Betroffenen hätten aber keine offizielle Meldung mehr eingereicht. Dies, weil sie es für zu riskant hielten. Ein Mitarbeiter des Professors sagte dazu:
Erneute Mobbingvorwürfe im Jahr 2025
2025 reichte dann aber eine Doktorandin wieder eine offizielle Beschwerde gegen den Professor wegen Mobbings ein. Dieser Vorwurf wurde dann vom Reporting Office untersucht. Das Reporting Office ist eine externe Meldestelle der ETH für Opfer von unangemessenem Verhalten.
Das Reporting Office fand im Fall der Doktorandin «keine ausreichenden formellen Beweise», um die Mobbing-Vorwürfe zu stützen. Trotzdem anerkannte es «die gelebte Erfahrung» der Betroffenen und kritisierte in einem übergeordneten Fazit die «schwierige Struktur der ETH». So habe die Hochschule im Umgang mit komplexen Konflikten «unkoordiniert» gewirkt und habe im Fall über Monate viele Stellen involviert, ohne eine Lösung zu finden. Die Meldestelle folgerte, dass bei der ETH «Verfahrensverbesserungen notwendig» seien.
Darauf schrieb die Hochschule in einem Statement, dass man in den letzten Jahren viel getan habe, um den Dialog unter den einzelnen Anlauf- und Beratungsstellen zu verbessern. Zudem würde man kontinuierlich versuchen, das Vertrauen in ihre Anlaufstellen zu erhöhen. «Wir bedauern es sehr, wenn ETH-Angehörige unangemessenes Verhalten nicht melden», hiess es. Die Hochschule betonte aber auch, dass man niemanden zwingen könne, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen. So hätten sie die Probleme mit dem Professor im Jahr 2019 «entschieden angegangen», danach sei bis 2025 keine Meldung eingegangen:
«Zeit an der ETH war die schlimmste meines professionellen Lebens»
Obwohl die Meldestelle kein Mobbing feststellen konnte, gab der Angeschuldigte 2025 die Doktoratsbetreuung auf. Dazu schrieb er gegenüber SRF Investigativ: «Ich habe mich nach reiflicher Überlegung und in Absprache mit mehreren ETH-internen Stellen als Doktoratsbetreuer zurückgezogen.»
Das ist für die mutmasslichen Opfer des Professors wahrscheinlich nur ein geringer Trost. So benötigen viele der Betroffenen bis heute psychologische Hilfe. «Es wühlt mich heute noch auf, darüber zu reden», sagt eine Doktorandin, die den Lehrstuhl wegen des Professors verlassen hatte. Eine andere Person sagte: «Meine Zeit an der ETH war die schlimmste Zeit meines professionellen Lebens.»
