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Neuer Lehrplan: Schulnoten 1 und 2 sollen abgeschafft werden

Können Schüler in der Schweiz künftig keine 1er und 2er mehr schreiben?
Können Schüler in der Schweiz künftig keine 1er und 2er mehr schreiben?
bild: shutterstock

Neuer Lehrplan: Schulnoten 1 und 2 sollen abgeschafft werden

Neue Zeugnisse: Künftig soll in St.Gallen die Notenskala nur noch von 3 bis 6 reichen. Andere Kantone könnten nachziehen.
08.05.2016, 06:0808.05.2016, 08:47
yannick nock / schweiz am Sonntag
Ein Artikel von Schweiz am Sonntag
Schweiz am Sonntag

Das wird viele St.Galler Schüler freuen: Der Kanton will die schlimmsten Noten, die 1 und die 2, aus dem Zeugnis verbannen. Das schlägt der Erziehungsrat in seinem neuen Beurteilungskonzept vor. Seit wenigen Tagen läuft die Konsultation. Darin heisst es, dass neu nur noch «die Ziffern 3,4,5 und 6 zur Verfügung stehen». Mit einer 6 werden die Lernziele übertroffen, mit einer 3 werden sie nicht erreicht – weitere Abstufungen nach unten gibt es nicht. Ein einmaliges Konzept.

Brigitte Wiederkehr, stellvertretende Leiterin des Amtes für Volksschule im Kanton St.Gallen, bestätigt, dass die Noten 1 und 2 in der Primar- und Oberstufe gestrichen werden sollen. Es mache keinen Sinn, ungenügende Leistungen weiter zu differenzieren, sagt sie. «Entweder werden die Lernziele erreicht oder nicht.» Laut Wiederkehr haben Noten nur eine begrenzte Aussagekraft, wenn sie mit weit zurückliegenden Leistungen verrechnet werden.

Deshalb soll die Zeugnisnote in den Fächern nicht nur aus dem Durchschnitt aller Prüfungsnoten bestehen, sondern auch die mündlichen und praktischen Leistungen berücksichtigen. Das verhindert, dass mit einer Skala von 3 bis 6 die Noten automatisch besser werden. Ziel sei es, die Kompetenzen der Lehrer zu stärken. «Sie wissen am besten, auf welchem Leistungsstand sich die Kinder befinden.»

Sollen die Noten 1 und 2 abgeschafft werden?
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Folgen weitere Kantone?

St.Gallen wäre mit einer Notenskala von 3 bis 6 Vorreiter. Der Kanton Thurgau diskutierte ebenfalls über die Abschaffung, entschied sich aber dagegen – auch weil die Emotionen hochkochten. Trotzdem könnten schon bald andere Kantone dem St.Galler Beispiel folgen. Mit dem neuen Lehrplan 21 rücken Kompetenzen ins Zentrum des Unterrichts, reines Faktenwissen reicht nicht mehr. Allerdings tun sich die Kantone schwer mit diesem Paradigmenwechsel. Schweizweit wird über neue Zeugnis-Modelle diskutiert. Wie sollen Kompetenzen ausgewiesen werden? Reichen die Noten 1 bis 6 noch, oder braucht es zusätzlich ein Wortzeugnis?

Die Unsicherheiten führen zu seltsamen Auswüchsen: Vor wenigen Wochen schlug die Berner Erziehungsdirektion vor, dass Lehrer ihre Schüler einmal pro Jahr auf einer Skala von 1 bis 10 charakterlich einstufen. «Noten für den Charakter», schrien Gegner, Lehrer wehrten sich. Der Charaktertest ist wohl vom Tisch, die Episode zeigt aber: Während die Unterrichtsziele mit dem Lehrplan 21 harmonisiert werden, fehlt eine einheitliche Benotung.

Kritik, dass durch eine neue Notengebung die angestrebte Harmonisierung zwischen den Kantonen gefährdet wird, hält die stellvertretende Amtsleiterin Wiederkehr für überzogen. Die Zeugnisse würden eine untergeordnete Rolle spielen. «Die Harmonisierung wird über die Grundkompetenzen gesichert.» Schon heute würde die Note 1 meistens nur als disziplinarische Massnahme gesetzt, wenn nichts anderes mehr helfe, sagt sie. Auch wenn dieses Instrument nun verloren gehe, hätten die Lehrer mehr Spielraum als früher. Auf Probleme wird in Elterngesprächen hingewiesen.

«Es ist wichtig, dass schlechte Leistungen auch als schlecht benotet werden.»
Rolf Dubs

Rolf Dubs, renommierter Pädagoge und emeritierter Professor der Universität St.Gallen (HSG), kennt die Details des Vorschlags noch nicht, bleibt aber skeptisch. «Es ist wichtig, dass schlechte Leistungen auch als schlecht benotet werden», sagt er. Das St.Galler Modell zeige Mutlosigkeit und eine Tendenz, «ja keine kritischen Aussagen» zu tätigen. Zudem seien die klassischen Noten von 1 bis 6 stark in der Bevölkerung verankert und für alle verständlich.

Für Lehrerpräsident Beat Zemp sind die Noten 1 und 2 in der Primar- und Oberstufe nicht entscheidend. Beim Lehrplan 21 ginge es darum, ob die geforderten Kompetenzen erreicht würden, sagt er. «Eine rechnerische Kompensationsregelung wie an den Gymnasien gibt es beim Lehrplan 21 nicht.» Vielmehr sei den Lehrern wichtig, dass sie keine sozialen Kompetenzen und Werthaltungen der Schüler beurteilen müssten und dass die Fächer in den Zeugnissen in allen Kantonen gleich benannt sind. Das sei auch für Lehrlingsbetriebe wichtig, sagt Zemp.

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