Schweiz
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Politik hinter Plexiglas und Masken: 7 Beobachtungen zum Start einer sonderbaren Session

Das Parlament tagt wieder im Bundeshaus. Trennwände aus Plexiglas sollen die Parlamentarier schützen. Und Masken werden «dringend» empfohlen – doch das finden nicht alle gut.

Lucien Fluri, Henry Habegger, Sven Altermatt / ch media



Den Durchblick zu behalten, ist im Bundeshaus nicht immer einfach. Noch schwieriger war dies für die Parlamentarier am Montag, als die Herbstsession begann: Die Ratssäle sind voller Plexiglastrennwände. Wer zuhinterst sitzt, muss durch mehrere Glasscheiben nach vorne blicken. Es führt, einmal mehr, zu leicht verzerrten Wahrnehmungen bei einigen Politkern.

Derweil ist SP-Nationalrätin Franziska Roth stolz auf ihre Stimme: Ein Kollege habe sie hinter der Maske nicht erkannt, aber an der Stimme, lacht die Solothurnerin. Es war ein Sessionsbeginn, von dem wohl jedem Parlamentarier Anekdoten in Erinnerung bleiben werden.

Rechte Zurückhaltung ...

Die Grossen Kammer diskutiert ueber Kulturfoerderung, am ersten Tag der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 7. September 2020 im Nationalrat in Bern. Aufgrund der Krise um die Pandemie des Coronavirus, Covid-19 wurden die Pulte der Parlamentsmitglieder mit Plexiglas Scheiben eingerahmt. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Viel Plastik: der Nationalratssaal in Bern. Bild: keystone

Bei der SVP ist die Maskentragrate am tiefsten unter allen Parteien. Dass Ex-Parteipräsident Albert Rösti keine trägt, ist in diesem Moment aber verständlich: Der Berner Nationalrat ist zu spät dran und rennt im Eiltempo die grosse Treppe im Bundeshaus hoch. Später wird er in der Wandelhalle noch immer keine Maske tragen.

Die St. Galler SVP-Nationalrätin Esther Friedli verteidigt dies: «Man kann sich im Bundeshaus gut an die Distanzregeln halten, da braucht es keine Maske.» In ihrem Landgasthof im Toggenburg trage sie auch keine, und bis heute habe es keinen Coronafall gegeben. «Wir müssen nun mal mit diesem Virus leben lernen, kühlen Kopf bewahren und eigenverantwortlich handeln», findet Friedli. Demokratie heisse auch, sein Gesicht zu zeigen.

... und linker Eifer

Bundesrat Alain Berset wartet auf seinen Einsatz in der Grossen Kammer am ersten Tag der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 7. September 2020 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Bundesrat mit Maske: Innenminister Alain Berset wartet auf seinen Einsatz. Bild: keystone

Das Tragen von Masken wird im Bundeshaus zwar «dringend» nahegelegt. Drinnen in den Ratssälen freilich, zwischen den Plexiglasscheiben, hält sich nur eine Minderheit an diese Empfehlung. Besonders beflissen zeigt sich die SP-Spitze, die fast geeint in der hintersten Reihe mit Maske sitzt. Die einfachen Fraktionsmitglieder sehen es meist lockerer und bleiben «oben ohne».

Rauchen demaskiert

Ein Parlamentarier steht auf dem Raucherbalkon, waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 19. Dezember 2019, im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Schöne Aussicht: der Raucherbalkon auf einer Archivaufnahme. Bild: KEYSTONE

Ja, man kann sich drinnen noch so vorbildlich verhalten. Spätestens wenn man eine Zigarette rauchen will, wird es schwierig mit der Maske. Und wer sich auf dem engen Raucherbalkon Feuer geben will, muss noch näher zusammenrücken. So sündigen mal kurz Parlamentarierinnen wie Christa Markwalder oder Aline Trede.

Von Beginn weg einfacher macht es sich Jacqueline Badran (SP). Sie eilt auf den Raucherbalkon und verwirft, angesprochen auf die fehlende Maske, die Hände. «Ich bin total dagegen, das ist nichts für mich.»

Der Kreml zu Bern

Lobbyisten haben teils einen schlechten Ruf, und nicht alle Parlamentarier sind unglücklich, dass sie derzeit draussen bleiben müssen. Doch CVP-Nationalrätin Marianne Binder (AG) bricht eine Lanze für den Berufsstand. Lobbyisten, etwa Vertreter von Behindertenorganisationen, gehörten zum Meinungsbildungsprozesses in der Demokratie. Die Bundespolitik dürfe sich nicht abschotten, warnt Binder. «Wir sind hier ja nicht im Kreml.»

Von Äpfeln und Schoggi

Andreas Aebi, SVP-Nationalrat aus Bern, genehmigt sich am Eingang zur Wandelhalle ein Stück Schokolade. «Da kann ich die Maske abnehmen», erklärt er. Angesprochen darauf, dass die Parlamentarier in ihren Plexiglas-Boxen im Saal etwas an das aufgereihte Vieh im Stall erinnern, sagt er: «Nein, das da ist nicht tierschutzgerecht. Es muss zwei in einer Box haben.»

Bitte bedienen! Der Obstverband stellt immer Äpfel und Birnen hin, bei denen sich die Parlamentarier bedienen können. Sogar Plastikhandschuhe sind nun da, damit sich Parlamentarier coronakonform an den Kistchen bedienen können. Ob die Maske für einen Rückgang der Konsumation sorgt? Immerhin heisst es doch: «An apple a day, keeps the doctor away!»

Freisinn ohne Werbung

Mathivathany Gunasingam, Mitarbeiterin Reinigung des Bundesamtes fuer Bauten und Logistik (BBL), desinfiziert ein Rednerpult und ersetzt die Plastikueberzuege, am ersten Tag der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 7. September 2020 im Nationalrat in Bern. Aufgrund der Krise um die Pandemie des Coronavirus, Covid-19 gelten im Parlament nach wie vor spezielle hygienische Richtlinien. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Die Rednerpulte werden regelmässig desinifiziert. Bild: keystone

FDP-Fraktionschef Beat Walti und Parteichefin Petra Gössi unterhalten sich auf einem Sofa in der Wandelhalle – in neutraler Maske. Erstaunlich: Eben erst verteilte die FDP Werbemasken, «Freiheit» und «Selbstverantwortung» stand drauf. Doch die FDP-Spitze trägt diese Botschaft heute nicht in die Welt hinaus.

Sessionsromantik

Nicht sonderlich wohl im Bundeshaus fühlt sich Lorenz Hess. «Wir erleben hier gerade den Versuch, ein wenig Sessionsromantik zu erzeugen», kritisiert der Berner BDP-Nationalrat. Er hätte es bevorzugt, wenn die Ratskammern sich weiterhin in den weitläufigen Hallen der Bernexpo getroffen hätten. Gleicher Meinung ist FDP-Nationalrat Kurt Fluri: «In den Expohallen war es ruhiger, da konnten wir uns wunderbar auf unsere Arbeit konzentrieren.»

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • RockmeAm... 08.09.2020 20:28
    Highlight Highlight Ich wusste es, nun haben Sie rote Klebstreifen sonst laufen Sie noch in die Scheibe.
  • Orias Riese 08.09.2020 15:45
    Highlight Highlight Mir hat ein Aerosol zugeflüstert, dass es gerne über Plexiglas-Wände klettert und in die Nasen dieser Technokraten kriecht.

    Seit heute weiss ich, es war für fremde Dienste tätig (Impfstoff-Spionage).





  • FrancoL 08.09.2020 09:03
    Highlight Highlight Die Politiker bleiben ihrer Parteilinie oder Logik treu, also nichts neues aus Bern.
  • SeboZh 08.09.2020 08:59
    Highlight Highlight Was bitte schön hält Frau Binder ab, sich vor der Session mit den Vertretern eben dieser Organisationen zu treffen? Aber paar Wochen ohne jegliche Lobbyisten sollte machbar sein.

    Und Badran ohne Maske? Ich dachte Coronaskeptiker müssten politisch rechts stehen!?
    • Bits_and_More 08.09.2020 10:22
      Highlight Highlight Badran ist verhaltenstechnisch quasi der Blocher der SP ;-)
    • MrBlack 08.09.2020 11:09
      Highlight Highlight Die Verallgemeinerungen kommen oft von denen, die sich angesprochen fühlen. Nur weil man die Wirksamkeit des Maskentragens in Frage stellt, muss man nicht die Existenz des Virus negieren & alle Massnahmen übertrieben finden.

      Wenn man sich dann aber mit Protestierenden solidarisiert, die extremistische Positionen oder Verschwörungstheorien unterstützen, nur weil diese die Maskenpflicht als ein Symbol für ihre unterdrückte Freiheit sehen, ist das schon noch mal etwas Anderes.
    • SeboZh 08.09.2020 21:21
      Highlight Highlight @MrBlack

      Ok, aber von einer Politikerin, welche eine gewisse Bekanntheit geniesst im Land, erwarte ich eigentlich ein vorbildlicheres Beispiel. Vorallem hab ich auch Mühe damit wenn von Seiten Politik Massnahmen gefordert, jedoch nicht gelebt werden. Aber gebe Ihnen recht. Sage nicht dass sie so schlimm is wie die Freaks von Berlin (Reichstagstürmung, etc). Aber def. kein Vorbild
  • Rosskastanie 08.09.2020 08:28
    Highlight Highlight Beschäftigen sich die Bundespolitiker eigentlich auch mit realen Problemen oder nur mit sich selbst? Hach, wie habe ich diese Truppe während des Lockdowns nicht vermisst: Keine Medienberichte, kein Twitter-Gewitter, kein ständiges Rumposaune, man müsste, man sollte, sie oder er fordert....was zu Bern rauskommt, hat man ja nun gesehen betreffend Privatflugzeuge...die Politik schwebt in höheren Sphären, die Bodenhaftung längst verloren, hüben wie drüben, in Bern regiert nur noch die reinste Günstlingswirtschaft, die kann ich schon lange nicht mehr ernst nehmen.
  • Chääschueche 08.09.2020 07:40
    Highlight Highlight Plexiglas für 200000 CHF* anstatt ein paar Stunden eine Maske tragen?


    *gem. SRF (Google suche)
    • RockmeAm... 08.09.2020 20:30
      Highlight Highlight Gut das wir keine blinde oder behinderte Politiker haben.... das wäre ein Plexiglas-Irrgarten.
  • Lotta_80 08.09.2020 07:10
    Highlight Highlight Ja, ist mühsam, aber hält euch daran, punkt. Wie alle anderen auch. Wunderlich, dass die svp mit martullo doch so eine verfechterin der maske hat...die partei ist wieder mal aber keiner meinung, wenns um maske geht;-)
    Die SP...auch gespalten...die fdp so oder so, auch politisch (vaterschaftsurlaub mist oder doch gut?). Die cvp will sich retten mit neuem logo...leute, ihr seid alle, egal welche partei, unwählbar😁
  • Wolk 08.09.2020 07:02
    Highlight Highlight Und die Aerosole?!
  • bokl 08.09.2020 06:59
    Highlight Highlight Trägt Frau Martullo noch Maske? War ihr einst doch so wichtig: https://www.watson.ch/!135061223

    Und bei der Logik von Friedli (keine Maske -> kein Corona -> keine Gefahr) ist sie scheinbar nicht für die Verhütung zuständig 🤦🏻

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