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Moto2-Fahrer Tom Luethi beim Qualifying anlaesslich des Moto Grand Prix von Doha 2021 auf dem Losail International Circuit in Losail, Katar, am Samstag, 3. April 2021. (KEYSTONE/Karl Fritz Glaenzel)

Am Ende seiner Karriere? Tom Lüthi. Bild: keystone

Tom Lüthi, das logische Desaster in der gnadenlosesten aller Sportarten

Tom Lüthi ist nicht mehr viel besser als in seiner ersten Saison vor 19 Jahren. Alles andere als dieses Desaster wäre gegen die ewigen, unerbittlichen Gesetze seines Sportes. Und gereicht ihm doch zur Ehre.



Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Tom Lüthi (34) steht jetzt auf Augenhöhe mit Valentino Rossi (42), dem Grössten der Geschichte.

Die schlechte Nachricht: beide sind soeben in Katar am Samstag im Qualifying auf Platz 21 gefahren und am Sonntag im Rennen ohne Punkte geblieben.

Nur den Titanen des Mannschaftsportes ist es vergönnt, als Helden in die Abendröte ihres Ruhmes zu reiten. Und unter Applaus und der Forderung nach einer Zugabe von der Bühne abzutreten.

Torhüter Dino Zoff tritt nach dem WM-Titel mit Italien 1982 aus der Nationalmannschaft zurück. Aus dem Klub verabschiedet er sich im Alter von 41 Jahren ein Jahr später und sagt: «Es gibt einen Gegner, den ich nicht besiegen kann. Das Alter.» Nachdem er zuletzt für Juventus Turin 330 Partien ohne Unterbruch gespielt hatte.

Marco Wölfli ist nie berühmter als im Herbst seiner Karriere: Es ist ihm vergönnt, im Frühjahr 2018 den Penalty zu halten, der YB den Sieg gegen Luzern und den ersten Titel seit 1986 bringt und zwei Jahre später, im August 2020, mit fast 38 tritt er zurück – hochverehrt und populär.

Reto von Arx erzielt in seinem 1004. und letzten Spiel für den HC Davos das titelbringende Tor im Final gegen die ZSC Lions und tritt 2015 als Meister in den sportlichen Ruhestand. Er ist 38. Gottérons Gil Montandon trifft noch in seiner 1070. und finalen Partie im Frühjahr 2009 mit 43 gegen Davos ins Netz.

Und nie wird der Chronist das letzte Hurra in der Karriere von Karl Odermatt vergessen. In der ersten Liga. Mit dem FC Herzogenbuchsee im Frühsommer 1982. Im Abstiegs-Entscheidungsspiel gegen Unterstrass. Die Zürcher hatten die 37-jährige GC-Torhüterlegende René Deck mobilisiert und der 39-jährige «Karli» steuert zwei Treffer zum 5:1-Sieg und dem Ligaerhalt von «Buchsi» bei.

Auch wenn die Götter nicht zu allen gnädig sind: Ein versöhnliches Ende einer Karriere ist im Mannschaftsport eher die Regel als die Ausnahme. Für so manchen Helden gibt es sogar ein Abschiedsspiel. Zum Wohle seines Egos und zum Segen des Bankkontos.

Der Motorsport ist hingegen gnadenlos. Nicht umsonst hat ein Zyniker einmal gesagt, Kränze gebe es nur für die Sieger und die Toten. Von Sentimentalitäten kann keine Rede sein. Abschiedsrennen gibt es nicht. Höchstens Gedenkrennen für die, die nicht mehr da sind.

Diese Unerbittlichkeit des Schicksals gehört zur Faszination des Motorradrennsportes. Jeder ist allein. Keine Mannschaftskameraden, hinter denen er sich ein wenig verstecken kann. In einem Wettkampf, der nicht einen einzigen Fehler verzeiht und bei dem es – anders als bei einem Spiel auf Rasen oder rutschigem Eis und in vielen Einzelsportarten – praktisch unmöglich ist, einen Fehler zu korrigieren.

Es ist ein Sport, der von Jahr zu Jahr gnadenloser wird. Auf Höllenmaschinen, die immer schneller werden. Gegen immer jüngere und wagemutigere Herausforderer. So rücksichtslos wie die wilden jungen Fahrer tritt kein junger Spieler im Fussball oder im Hockey gegen die Alten auf.

Gewiss, es gibt Ausnahmen, die wir gerne erwähnen. Den ehrenvollsten Rücktritt der Motorradsport-Geschichte (seit 1949) ist dem grossen Luigi Taveri vergönnt.

Nach seinem dritten WM-Titel bietet Honda dem Horgener im Herbst 1966 eine hoch dotierte Vertragsverlängerung an. Er bedankt sich schriftlich für diese Offerte und bedauert, dass er Honda nicht mehr dienen könne. Mit 37 sei für ihn die Zeit gekommen aufzuhören.

Firmen-Gründer Soichiro Honda, mit Luigi Taveri in persönlicher Freundschaft verbunden, ordnet an, den offerierten Betrag für die Vertragsverlängerung trotzdem auszuzahlen. Das hat es so vorher und nachher nie mehr gegeben.

Aufrecht tritt auch Eddie Lawson von der Bühne ab. Im Herbst 1992 erklärt der vierfache Weltmeister der Königsklasse nach dem GP von Südafrika in Kyalami den Rücktritt. Er hat zuletzt beim italienischen Fabrikat Cagiva, dem er den ersten GP-Sieg beschert, Kultstatus. Und sagt bei seinem Rücktritt: «Das Einzige was ich im Fahrerlager gelernt habe: dreh niemals jemandem den Rücken zu …»

Alle Schweizer Töff-GP-Sieger

Rolf Biland gehört auch zu den wenigen, denen ein letzter, ruhmreicher Auftritt gegönnt ist: bei seinem letzten Seitenwagen-Rennen im Alter von 47 Jahren fährt er Trainingsbestzeit und fällt im Rennen durch Defekt aus. So war es eigentlich immer: besiegen konnten ihn die Gegner kaum. Nur die Technik.

Aber eben: das sind die Ausnahmen. Auch die ganz Grossen ziehen ihr Lederkombi meistens nur aus, weil es anders nicht mehr geht.

Kevin Schwantz, der Weltmeister von 1993, erträgt den Anblick seines ewigen Rivalen Wayne Rainey im Rollstuhl nicht mehr und gibt 1995 im Alter von 30 Jahren nach nur drei Rennen in der Königsklasse auf.

Jacques Cornu quält sich 1990 mit einer Schulterverletzung durch seine letzte Saison auf den 9. Schlussrang und tritt mit 37 ab.

Stefan Dörflinger, der vierfache Weltmeister (1982, 1983, 1984 und 1985) und 18-fache GP-Sieger in den kleinsten Klassen (50 und 80 CCM) gibt 1990 mitten in der Saison der 125er nach sieben Rennen punktelos auf und beendet seine Karriere im Alter von fast 42 Jahren.

Casey Stoner verkündet als Titelverteidiger, zweifacher Weltmeister und 46facher GP-Sieger schon im Mai 2012 den Rücktritt auf Ende Saison, kommt noch auf den 3. Schlussrang und verlässt die Arena. Er ist erst 27. Aber er mag einfach nicht mehr.

Jorge Lorenzo, der Weltmeister von 2010, 2012 und 2015 und 68facher GP-Sieger resigniert Ende der Saison 2019 mit 32 Jahren nach einem 19. WM-Schlussrang.

Das Wunderkind Freddie Spencer, 1985 letzter Doppel-Weltmeister der Geschichte (250 und 500 ccm) schleicht 1993 mit 32 als WM-37. von der Bühne.

Und nun also, wie eingangs erwähnt, Tom Lüthi (34) und Valentino Rossi (42). Was für eine Parallele! 2005 waren beide Weltmeister, der Schweizer bei den 125ern, der Italiener in der Königsklasse.

Nun sind beide wieder gleich weit. Der introvertierte Emmentaler und der italienische Ehrendoktor der Kommunikation müssen sich beim Training in Katar mit dem 21. Platz und der 7. Startreihe begnügen. Und im Rennen bleiben am Sonntag beide punktelos. Tom Lüthi stürzt, auf dem 21. Rang fahrend und völlig chancenlos nach 12 von 20 Runden. Er bleibt unversehrt. Dem 115-fachen GP-Sieger und neunmaligen Weltmeister Valentino Rossi reicht es auf dem 16. Platz nicht einmal mehr zu einem WM-Punkt. Die gibt es nur ab Position 15.

Und warum tun sie sich das alles noch an? Nein, nicht weil sie das Geld brauchen. Es ist etwas anderes: Der Rennsport ist ihre Leidenschaft, von der sie nicht loskommen. Deshalb sind sie ganz nach oben gekommen. Und deshalb können sie einfach nicht loslassen. Nur die wahren Helden sind von dieser Leidenschaft beseelt.

Tom Lüthis Desaster zum Saisonauftakt ist also nicht ruhmlos. Es ist logisch. Die Folge seiner Leidenschaft, die es ihm ermöglicht hat, zumindest in der zweitwichtigsten Töff-WM (Moto2) ein Titan zu werden. Und gereicht ihm zur Ehre.

Der Emmentaler reist als WM-21. zum nächsten GP am 18. April in Portimao (Portugal). Er hat bei seinem Team einen Vertrag auch für nächste Saison.

Aber so wie die Dinge stehen, wird am Ende dieser Saison Schluss sein. Denn Töffrennsport ist kapitalintensiv. Also immer auch eine Frage des Geldes. Sechsstellige Summen wird 2022 niemand mehr in einen Schweizer Piloten investieren, der Mühe hat, in die WM-Punkte zu fahren. Selbst der Ruhm aus 17 Siegen und 64 Podestplätzen rostet in diesem rauen Business schneller als altes Eisen.

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