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Fabian Bösch spricht über Rücktritt: Mit 28 zu langsam für Freestyle

epa12857317 Fabian Boesch of Switzerland reacts after the Freeski Slopestyle Worldcup finals on Corvatsch mountain in Silvaplana, Switzerland, 28 March 2026. EPA/MAYK WENDT
Freeskier Fabian Bösch.Bild: keystone
Interview

Mit 28 Jahren ist er zu langsam für seine Sportart: Fabian Bösch spricht über Rücktritt

Freeskier Fabian Bösch beendet seine Karriere – nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. Warum er kein Risiko mehr eingehen will, was ihn an der Jury stört und weshalb er dem Sport trotzdem treu bleibt.
04.04.2026, 19:2604.04.2026, 19:26
Claudio Zanini
Claudio Zanini

Am vergangenen Wochenende hatten Sie beim Weltcup in Silvaplana Ihren letzten Wettkampf. In den sozialen Medien waren Leute zu sehen, die Fabian-Bösch-Masken trugen. Wie kam es dazu?
Fabian Bösch: Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wo diese Masken herkamen. Aber ich fand es witzig. Ich hatte keine Ahnung, wer sich unter welcher Maske versteckte. Es waren jedenfalls alle da. Meine Freundin, die Eltern, meine Tante, mein Götti, meine Schwester und Kollegen aus Engelberg.

Und dann gab es eine grosse Party?
Nicht übertrieben. Wir waren im Après-Ski bis etwa 20 Uhr. Danach sind wir ins Tal gegangen zum Abendessen. Es war cool, alle Athleten und Coaches waren dabei. Aber ich brauche ja eigentlich nicht eine riesige Verabschiedung. Ich bleibe dem Sport erhalten.

In welcher Form konkret?
Ab nächstem Sommer als Coach an der Sportmittelschule Engelberg, in einem 60-Prozent-Pensum. Ausserdem will ich Videoprojekte mit meinen Sponsoren machen, vor allem mit Red Bull.

Das heisst, Red Bull hat immer noch Interesse an Ihnen, auch wenn Sie nicht mehr Wettkämpfe bestreiten?
Bei Red Bull ist es absolut keine Vorgabe, dass du deine Fähigkeiten in einem Wettkampf-Setting zeigst. Es gibt Skydivers, die sind 60-jährig und haben einen Red-Bull-Vertrag. In unserem Sport funktioniert eben vieles über Videos in den sozialen Medien. Und so lange ich online performe und coole Ideen habe, kann ich da auch dabei bleiben.

Können Sie auch mit dem Red-Bull-Jet fliegen wie Marco Odermatt?
Nein, nein. (lacht)

Warum nicht?
Das ist ja auch nicht Alltag bei Marco. Das muss wohl eine spezielle Situation gewesen sein, dass er mit dem Red-Bull-Jet flog. Aber es gibt ganz klar immer noch einen Unterschied zwischen den alpinen Skifahrern und uns. Unser Sport ist im Vergleich nicht so gross.

Eigentlich haben Sie als Kind den Weg zum alpinen Skirennfahrer eingeschlagen. Überlegen Sie sich manchmal, wie weit es als Slalomfahrer gereicht hätte?
Ach, diese Frage habe ich schon oft gestellt bekommen ... Ja, ich war ein guter Skirennfahrer, aber mit 13 oder 14 Jahren. Und ja, ich war U16-Schweizermeister im Slalom, aber das heisst trotzdem nichts.

Wahrscheinlich hätten Sie sich etwas mehr Muskeln zulegen müssen.
Ja, vielleicht. Aber hätte ich mit den Kräften im Skirennsport umgehen können? Ich weiss es nicht. Ich finde alpines Skifahren eine coole Sportart. Mir hat einfach das System nicht gepasst. Da wurde dir schon früh gesagt, was du machen musst. Ich habe die Freiheiten beim Freeski ganz einfach mehr geschätzt. Man musste mir nie sagen, was ich zu tun hatte. Ich konnte selbst bestimmen, welchen Trick ich lernen will und was ich mir zutraue.

Aber Sie brauchten wohl genauso viel Disziplin als Freeskier.
Ich konnte die Disziplin aufbringen, weil ich Spass an der Sache hatte. Ich weiss nicht, wie viele hundert oder tausend Stunden ich auf dem Trampolin in der Turnhalle in Engelberg trainierte. Einfach, weil ich das gerne gemacht habe – und nicht, weil mir jemand gesagt hatte, ich solle dahin gehen.

Die Sportmittelschule Engelberg will Athletinnen und Athleten formen, die Medaillen gewinnen. Wie wichtig waren Ihnen die Auszeichnungen?
Ich bin komplett der Wettkampftyp. Ich wollte jedes Mal eine Medaille gewinnen. Aber ich habe keine einzige Medaille ausgestellt, die sind in einer Kiste irgendwo im Estrich. Erfolge sind schnelllebig, eine Woche später interessiert sich niemand mehr dafür. Dann folgt die Vorbereitung auf den nächsten Contest und du bist trotzdem im Stress, wenn dir das Training nicht gut läuft. Du musst dich immer wieder aufs Neue beweisen. Das hat mich auch fasziniert an dieser Karriere.

Sie waren gerade mal 17-jährig, als Sie 2015 Slopestyle-Weltmeister wurden. Wie hat sich die Szene seither verändert?
Die Teamstrukturen sind ganz klar professioneller geworden, es gibt viel mehr Leute im Staff. Auch die Dichte an der Spitze ist von Jahr zu Jahr grösser geworden. Früher konntest du dich mit einem speziellen Trick einfacher abheben. Jetzt kommst du in eine Saison mit einem neuen Trick – und jeder andere hat auch einen neuen Trick. Es sind alle so stark und so nahe beieinander.

epa12857285 Fabian Boesch of Switzerland in action during the Freeski Slopestyle Worldcup finals on Corvatsch mountain in Silvaplana, Switzerland, 28 March 2026. EPA/MAYK WENDT
Fabian Boesch abeim Finale des Freeski Slopestyle Weltcups auf dem Corvatsch in Silvaplana, 8. März 2026.Bild: keystone

Stresst es nicht enorm, wenn andauernd neue Tricks ins Spiel kommen?
Das kann schon ein Stress sein. Doch es bringt dich selbst eben auch weiter, wenn die anderen immer besser werden. Wenn du diese Herausforderung nicht mehr annehmen kannst, musst du merken, dass dieser Sport nicht mehr das Richtige für dich ist.

Sind Sie darum zurückgetreten?
Unter anderem. Ich könnte in den nächsten zwei, vielleicht drei Jahren noch um Top-Ten-Resultate fahren. Aber will ich einfach noch dabei sein, um in den Top Ten zu landen? Nein. Im Slopestyle müsste ich Big-Air-Sprünge einbauen und nochmals auf den Rails Fortschritte machen. Mir wurde klar, dass ich dafür viel Risiko eingehen müsste und ich mich dabei nicht mehr wohlfühle. Und wenn du plötzlich die Sicherheit priorisierst, nimmt dir das auch etwas die Chance, Medaillen zu holen. Ich bin im Vergleich zu den Jüngeren einfach zu langsam.

Mit 28 ist man zu langsam?
Das ist ein natürlicher Verlauf. Ich konnte soviel erreichen in dieser Sportart, ich bin gesund. Ich möchte keine schwere Verletzung riskieren. Die heftigste Verletzung meiner Karriere war ein Schlüsselbeinbruch. Und ich will auch nicht einem Jüngeren den Platz wegnehmen. Wie gesagt: Ich kann weiterhin Filmsachen machen, das ist ein grosses Privileg. Das ist auch nicht so schnelllebig wie die Wettkämpfe.

Täuscht es, oder wird bei den Wettkämpfen Technik und Akrobatik höher gewichtet als Kreativität?
Das Problem ist ... jetzt kommen wir auf ein schwieriges Thema: die Arbeit der Judges (Wettkampfjury, d. Red.). In den letzten Jahren störte mich das immer mehr. Letztlich ist es für uns Athleten einfach unklar, welcher Trick nun wie viel wert ist. Es muss nicht alles reglementiert werden, aber es braucht Standards, damit wir wissen, welche Fehler wie viel Abzug geben. Das beste Beispiel war eigentlich der Big Air bei Olympia.

Warum?
Das war der grösste Wettkampf des Jahres und derjenige mit der besten Performance (US-Amerikaner Mac Forehand, d. Red.) wurde Zweiter. Es war die unglaublichste Leistung auf Ski, die ich je gesehen habe. Er ist soviel Risiko eingegangen, er hätte ganz klar Gold verdient gehabt.

Was wäre Ihr Lösungsansatz?
Ich würde es den Fahrern schwieriger machen. In einem Big Air müsstest du drei Runden haben und jede Runde müsste zählen. Sobald du einen Fehler machst, bist du quasi raus. Du müsstest also viel konstanter sein.

Haben Sie eigentlich viel Geld verdient als Freeskier?
Ich konnte sicher gut davon leben. Und ich konnte auch etwas auf die Seite tun. Aber du musst halt wirklich krass performen. Ich denke, die Top 7 oder 8 leben gut davon. Danach nimmt es schnell ab. Nach den Top 10 wird es schon schwierig.

Also bewegen Sie sich nicht in den Sphären der alpinen Skistars?
Nein, dort sind nur schon die Preisgelder viel höher. Und im Ski alpin ist halt dein Wert für Sponsoren generell höher, weil du auch noch Medienpräsenz hast, wenn du in den Top 15 bist. Als Freeskier musst du starke Resultate haben und in den sozialen Medien performen.

Wie gross ist die Lücke zum Ski alpin tatsächlich?
Immer noch sehr gross. Ich sehe ja, wie viele Menschen im Alpin-Bereich involviert sind. Da gibt es so viel Staff, Materialleute, Trainer, Wissenschaftler. Natürlich ist es nicht gratis, wenn man die beste Skination werden will. Aber manchmal denke ich, man könnte dort etwas straffen. In einer Randsportart wie unserer hätten ein bisschen mehr Mittel schon einen riesigen Effekt. Als unser Team eine Physiotherapeutin bekam, war das ein Riesenschritt. Bloss: Wenn mal jemand verletzt ist, ist eine Person ziemlich wenig.

In den sozialen Medien haben Sie offensichtlich grosse Fähigkeiten. Warum wurde eigentlich ihr Rolltreppenvideo bei den Winterspielen 2018 so erfolgreich?

Das war Glück. Das sage ich auch heute noch. Logisch, du kannst es vielleicht ein wenig erahnen, aber am Ende ist es Glück. Es gibt Dinge, die immer funktionieren. Wenn du mit den Ski eine Kiesgrube oder eine Wiese herunterfährst, wird das immer angeschaut. Ich sehe eigentlich die grosse Herausforderung darin, kreativ zu bleiben und nicht einfach Dinge zu filmen, die schon einmal funktioniert haben.

Sie haben mehr als eine Dekade den Freestyle-Sport geprägt. Gibt es Dinge, die Sie anders tun würden?
Nein, ich glaube nicht. Ich habe vieles nicht geplant. Ich habe einfach aufgehört, Skirennen zu fahren und mit Freeski angefangen, weil es mir Spass gemacht hat. Es war immer eine Herzensangelegenheit. Klar habe ich auch Fehler gemacht und bin böse «auf den Latz» geknallt. Aber letztlich habe ich aus diesen Dingen immer gelernt. Ich hätte es mir nicht besser vorstellen können. (aargauerzeitung.ch)

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