Weltmeister der Herzen und was wir tun müssen, um es zu bleiben
Der 2019 verstorbene Radrennfahrer Raymond Poulidor ist nach wie vor Frankreichs wohl beliebtester und populärster Sportler. Weil er immer nur Zweiter war. Unter anderem dreimal bei der Tour de France (einmal fehlten nur 55 Sekunden!).
Wer mit Anstand verliert, kann ebenso eine Kultfigur werden wie ein Seriensieger. Keine Frage: Kein anderes WM-Team ist inzwischen so populär und beliebt in der Hockey-Welt wie die Schweizer. Spektakuläres Hockey und am Ende doch gescheitert. Der fünffache Finalverlierer ist in Zürich definitiv ein Weltmeister der Herzen geworden.
Ausser Deutschland (2023 im Final) ist jeder bisherige Finalist mindestens einmal Weltmeister geworden. Und die Schweizer sind mit fünf WM-Teilnahmen die Eishockey-Antwort auf Raymond Poulidor.
Wer fünfmal den Final verloren hat, setzt sich richtigerweise den WM-Titel zum Ziel. Wer scheitert, der fragt: Was müssen wir tun, damit es beim nächsten Mal reicht? Die Schweiz ist ein Sonderfall: Fünfmal im Final ist ein grandioser Erfolg. Eigentlich sind wir viel zu hoch geflogen. Noch vor 15 Jahren hätten wir nach einer Silbermedaille auf den Tischen getanzt.
Die Frage ist deshalb nicht, was wir ändern müssen, sondern was wir tun können, um weiterhin erfolgreich zu sein. Es gibt keine Änderung, die helfen würde. Ein Trainerwechsel – die populärste Massnahme – wäre eine Torheit sondergleichen und ist auch kein Thema. Es gibt nichts zu polemisieren.
Das Erfolgsrezept: Die «goldene Generation» so gut es geht bei Laune zu halten. Weiterhin dafür sorgen, dass jeder gerne zur WM kommt. Weil die WM – so wie sie die letzten drei Jahre war – keine Pflichtübung ist, sondern eine grandiose Saison-Schlussparty für junge Männer ist, die nichts lieber tun, als mit Gleichgesinnten zu spielen und gut zwei Wochen Spass zu haben. So wird es möglich sein, beispielsweise Roman Josi, inzwischen 36 geworden, zum Weitermachen zu bewegen. Jede weitere WM mit Leonardo Genoni – er wird im August 39 – ist eine gerettete WM. Er ist einer der grössten Torhüter der Hockey-Weltgeschichte ohne NHL-Einsätze. Seine Spielintelligenz rostet nicht und wenn er gesund bleibt, kann er uns noch durch drei weitere WM-Turniere tragen und einen Nachfolger an die Weltklasse heranführen.
Ein Hurra, wie jetzt in Zürich, können und dürfen wir von der «goldenen Generation» nicht mehr erwarten. Das wäre vermessen, ja hochmütig. Aber die «Silberhelden» können einer heranwachsenden Generation beim ehrenhaften Rückzug von den silbernen Gipfeln helfen und die Schweiz auf hohem Niveau – in Griffweite von Medaillen – erst einmal stabilisieren. Nie Weltmeister? Der nüchterne Hockeyverstand sagt: Ja, wir werden nie Weltmeister. Zürich war ein grandioses, letztes Hurra. Wenn wir es unter diesen perfekten Umständen nicht geschafft haben, dann wohl nie mehr.
Aber zum Sport gehören auch eine Prise Romantik und Gerechtigkeit: Wenn die Schweizer in den nächsten zwei Jahren an einem Turnier so viel Glück haben, wie sie jetzt dreimal hintereinander Pech (oder eben kein Glück) gehabt haben – dann kann es reichen.
Weltmeister der Herzen bleiben sie so oder so. Wer so attraktiv spielt, erfreut die Herzen der Fans im ganzen Land, ja in der ganzen Welt. Und was ist denn ein verlorener Final gegen neun wunderbare Spiele, neun wunderbare Hockeyabende?
P. S. Der knapp gescheiterte WM-Gipfelsturm hat Frauen, Männer und Kinder fasziniert, die sich sonst nie für Hockey interessieren. Auf ihre Fragen, warum es denn nie zum WM-Titel reicht, helfen also rein hockeytechnische Antworten nicht weiter. Der Chronist hat darum eine Erklärung aus dem richtigen Leben, die auch jemand versteht, der mit Hockey nichts am Hut hat. Fast jeder oder jede von uns kennt das: Es gibt ein Problem in der Gemeinde zu lösen und einen entsprechenden Antrag bei der Einwohnergemeindeversammlung einzubringen.
Wir finden eine kompetente Persönlichkeit, die uns an einer Sitzung dieses Problem erklärt, eine perfekte Lösung ausarbeitet und wir gehen davon aus: Ja, damit kommen wir durch. Wir haben alles richtig gemacht und alles bedacht. Und dann muss er oder sie im Gemeindesaal vor dem Stimmvolk auftreten und das Geschäft vertreten. Wohlwissend: Jetzt muss ich das durchbringen. Es gibt kein nächstes Mal. Der Erwartungsdruck lähmt. Aus Charisma und Überzeugungskraft werden Zweifel und Nervosität. Der Antrag fällt durch. So ist es den Schweizern am Sonntagabend im Final ergangen.
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