«Das ist inakzeptabel»: Sie kämpfen in der Schweiz für die Tauben
Die Bilder, die vor ein paar Wochen durch die Deutschschweizer Medien gingen, sorgten für einen Sturm der Empörung. Darauf zu sehen: Tauben, die mitten auf den Strassen von Zürich abgeschossen werden – vor den schockierten Augen der Passanten. Neu ist das allerdings nicht: In der Limmatstadt werden jedes Jahr rund tausend Tauben getötet. Die meisten Schweizer Städte versuchen, die Population der Vögel einzudämmen – mit unterschiedlich harten Methoden und wechselndem Erfolg.
Das Problem der Städte mit den Tauben: Ihr Kot beschädigt Gebäude und Denkmäler, ist mühsam zu reinigen und sorgt für Hygieneprobleme. Dazu kommt, dass die Population der Tiere stetig wächst. Und als wäre das nicht genug, haftet den Vögeln ein miserabler Ruf an: Für viele gelten Tauben als dumm, dreckig, ekelhaft – oder gar als Krankheitsüberträger.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Trotz ihres miserablen Images gibt es aber immer mehr Menschen, die die Tiere verteidigen. Die US-Schauspielerin Sarah Paulson rief letztes Jahr sogar dazu auf, «aufzuhören, Tauben zu hassen». Und auch auf Social Media setzen sich Accounts mit Zehntausenden Followern für die Rehabilitierung der Vögel ein.
Ein ungerechtes Schicksal
Früher galten Tauben als intelligent und edel. Über Jahrtausende hinweg wurden sie domestiziert und vom Menschen genutzt – als Nahrungsquelle oder als Boten. Sogar ihr Kot wurde als Dünger verwendet. Der Mensch hat also selbst aktiv zur Verbreitung der Tiere beigetragen, bevor technologische Entwicklungen sie überflüssig machten. «Vom Menschen verlassen, aber an dessen Nähe gewöhnt, besiedelten sie schliesslich unsere Städte», fasst Le Monde zusammen. Ein Schicksal, das heute immer mehr Menschen als «ungerecht» empfinden.
«Wir beobachten, dass sich die Wahrnehmung in der Bevölkerung langsam verändert», sagt Nina Bachellerie, Vizepräsidentin der Organisation Stadttauben Schweiz, die sich für bessere Lebensbedingungen von Stadttauben einsetzt. Sie ergänzt:
Der Einsatz für Tauben kann ganz unterschiedlich aussehen. Während Stadttauben Schweiz vor allem auf politische Arbeit setzt und den Dialog mit Behörden sucht, greifen andere direkt vor Ort ein.
Fäden, Klammern und Verbände
So auch Sarah*, die seit einigen Jahren verletzte Tauben von der Strasse aufliest und pflegt. Denn oft wickeln sich Fäden oder Haare um ihre Füsse – mit teils gravierenden Folgen. «Die Schnüre können Zehen abschnüren, die Füsse verformen oder einknicken lassen, und rund um die Wunden bilden sich Krusten», erklärt die Westschweizerin. Im Schnitt greife sie mehrmals pro Woche ein.
Im besten Fall reicht es, die Fäden mit einer Zange zu durchtrennen. «Manchmal dauert das nur 30 Sekunden – manchmal ist es deutlich komplizierter», sagt sie. Kann der Vogel nicht sofort wieder freigelassen werden oder braucht intensivere Pflege, nimmt Sarah ihn mit nach Hause. Dort versorgt sie die Tiere mit Verbänden oder Schienen. «Ich habe nie mehr als zwei oder drei gleichzeitig bei mir – in grossen Käfigen», erzählt sie.
Sarah hat sich das Wissen zur Pflege von Tauben über spezialisierte Accounts auf Instagram angeeignet und sich mit anderen Helfern ausgetauscht. Gleichzeitig bringt sie einen wissenschaftlichen Hintergrund mit. Sie kennt sich bestens mit Vögeln aus und steht in Kontakt mit Fachleuten, die sie bei Bedarf unterstützen. Diesen «wissenschaftlichen» und «rationalen» Ansatz betont sie bewusst: «Viele Menschen, die Tieren helfen, handeln sehr emotional. Ich kann da eher Distanz wahren», sagt sie. Und ergänzt:
«Das ist inakzeptabel – und unsere Schuld», sagt die junge Westschweizerin. Genau deshalb gehe ihr das Thema so nahe. Das Problem dabei: Was sie tut, ist eigentlich nicht erlaubt.
Nicht geschützte Tiere
«Stadttauben befinden sich in der Schweiz rechtlich in einer komplizierten Situation», erklärt Nina Bachellerie von Stadttauben Schweiz. Obwohl sie biologisch von domestizierten Tauben abstammen, gelten sie rechtlich als Wildtiere. Das bedeutet: Sie geniessen auf Bundesebene keinen besonderen Schutzstatus – und Privatpersonen dürfen sie grundsätzlich weder anfassen noch transportieren oder pflegen.
Trotzdem werde das Gesetz mancherorts «etwas locker ausgelegt», relativiert Nina Bachellerie von Stadttauben Schweiz. «Die Mitarbeitenden der wenigen Wildvogelstationen, die überhaupt Stadttauben aufnehmen, bitten Finder oft trotzdem darum, verletzte Tiere vorbeizubringen», erklärt sie.
Mehrere Westschweizer Kantone, die wir kontaktiert haben, bestätigen diese rechtliche Grauzone. Eine «sofortige und begrenzte Hilfe im Notfall» werde teilweise toleriert, allerdings müsse der Wildhüter oder die Wildhut so schnell wie möglich informiert werden. Generell sei «vom Umgang mit Wildtieren dringend abzuraten», erklärt das Genfer Kantonsamt für Gesundheit. Auch die angefragten Tierschutzorganisationen empfehlen, sich an eine Pflegestation zu wenden – besonders dann, wenn der Eingriff über das einfache Entfernen von Fäden hinausgeht.
Deshalb formuliert Stadttauben Schweiz ihre Empfehlungen mit grosser Vorsicht. «Wir raten dazu, Stellen zu kontaktieren, die über die nötigen Bewilligungen verfügen, die Tiere aufzunehmen und zu transportieren», sagt Nina Bachellerie.
Das Problem der sozialen Netzwerke
Auch Sarah sagt, dass sie vorsichtig sei und ihre Tätigkeit nicht an die grosse Glocke hänge. «Ich pflege keine Taube mitten auf einer belebten Strasse – ich weiss, dass das sofort Aufmerksamkeit auf sich zieht», erklärt sie. Wenn sie Polizei sieht, höre sie sofort auf, ohne sich aber wirklich zu verstecken:
Klar ist aber auch: Nicht alle verfügen über das nötige Wissen für solche Eingriffe. «Seit diese Praxis auf Social Media populär geworden ist, machen manche Leute einfach irgendetwas», kritisiert die junge Westschweizerin. Oft seien die Absichten zwar gut – am Ende würden die Verletzungen der Tiere dadurch aber nur noch schlimmer.
Sarah kritisiert zudem, dass auf Social Media viel zu wenig über Prävention gesprochen werde. Dabei sei genau das der wirksamste Hebel. «Man müsste vor allem verhindern, dass all diese Fäden und Haare überhaupt in der Umwelt landen – die Leute sollten aufhören, sie einfach auf den Boden zu werfen», sagt sie.
Auch Stadttauben Schweiz setzt stark auf Aufklärung. In den letzten Monaten sind in der Deutschschweiz mehrere lokale Untergruppen entstanden, und bald soll auch in der Romandie ein Ableger gegründet werden. Jede Regionalgruppe organisiert eigene Aktionen – etwa Flyer-Kampagnen oder Demonstrationen –, erklärt Nina Bachellerie.
Überwachte Taubenschläge
Die Deutschschweizer Organisation orientiert sich dabei unter anderem an Deutschland, wo mehrere Städte eigene Stellen für den Schutz von Stadttauben geschaffen haben. Herzstück des Systems sind betreute Taubenschläge: Dort werden die Tiere versorgt und ihre Eier durch Attrappen ersetzt. Die Stadt Bern setzt diese Strategie bereits grossflächig um – offenbar mit Erfolg.
Sowohl Sarah als auch Nina Bachellerie finden, dass es letztlich eine Gesetzesänderung braucht, um wirklich etwas zu bewegen. Auch wenn das derzeit noch nicht absehbar ist, freut sich die Vizepräsidentin von Stadttauben Schweiz über den Wandel in der Gesellschaft. «Die Menschen beginnen zu verstehen, dass es sich um domestizierte Tiere handelt – und dass sie zu Tausenden getötet werden. Das akzeptieren viele nicht mehr», sagt sie. Und ergänzt:
*Name der Redaktion bekannt.
