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Sicherheits-Panne bei Organspenderegister – diese fünf Fragen sind jetzt wichtig

19.01.2022, 16:2930.03.2022, 12:37

Organspende ist in der Schweiz ein bewusster Entscheid. Ein deutliches «Ja, ich will». Vermeintlich.

Lange diente ein kreditkartengrosser Ausweis als ein solches deutliches «Ja, ich will»: Ein gut überlegtes Kreuzchen bei Feldern wie «Ja, ich spende» oder «Ich überlasse den Entscheid einer Vertrauensperson» reichte dafür.

Seit gut drei Jahren ist es auch möglich, anstatt des Ausweises schlicht einen Online-Eintrag im nationalen Organspenderegister der Schweiz von Swisstransplant machen zu lassen. Das Versprechen: Eine «zeitgemässe Möglichkeit» den persönlichen Organspendewunsch «freiwillig» sowie «jederzeit änderbar» in einer «sicheren Datenbank» zu hinterlegen. Doch nun hat SRF schwere Sicherheitslücken publik gemacht: Theoretisch ist es möglich, eine wildfremde Person als Organspender anzumelden.

Die fünf wichtigsten Fragen zur Swisstransplant-Sicherheitslücke:

Wie wurde die Sicherheitslücke entdeckt?

Der IT-Experte Sven Fassbender testet im Auftrag von Firmen IT-Sicherheitslücken. Eine Analyse in Zusammenarbeit mit SRF zeige, wie gross die Sicherheitslücke bei Swisstransplant sei.
Das Problem: Swisstransplant überprüft bei einem Eintrag die wahre Identität der Person nicht.

Florent Thouvenin, Professor für Informations- und Kommunikationsrecht an der Universität Zürich, erklärte im SRF, dass es Pflicht sei, eine angemessene Sicherheit sowie die Richtigkeit von Daten sicherzustellen, wenn man diese erhebe – dies sehe das Datenschutzrecht so vor. Da der Verdacht bestehe, dass dies bei Swisstransplant nicht genügend gewährleistet sei, hat der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Adrian Losiger ein Verfahren gegen Swisstransplant eingeleitet.

Zft.Company empfiehlt Swisstransplant eine umfassende Sicherheitsprüfung durchzuführen. Thouvenin erklärt, dass Swisstransplant das Anmeldeverfahren anpassen und die Menschen, die ohne ihr Wissen angemeldet wurden, informieren müsse. Losiger sieht es als erstrebenswert, dass das Identifikationsprüfungsverfahren bei Swisstransplant überarbeitet wird.

Swisstransplant ist die Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation.
Swisstransplant ist die Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation.Bild: keystone

Was sagt Swisstransplant?

SRF hat den Prüfbericht an Swisstransplant weitergeleitet. Im SRF-«Kassensturz» rechtfertigt sich Franz Immer, Direktor von Swisstransplant, dass bei der Registrierung im Online-Register anfänglich eine Identitätskarte habe hochgeladen werden müssen, allerdings hätten 95 Prozent den Registrierungsprozess darum abgebrochen. Deshalb habe man nach Absprache mit einer Anwaltskanzlei auf das aktuelle Verfahren umgesattelt.

Video: srf/SDA SRF

Swisstransplant schreibt an SRF-«Kassensturz» weiter: «Im Ernstfall wird das Datenblatt ausgedruckt und den Angehörigen des Verstorbenen zur Prüfung vorgelegt.» Bei Zweifel könne der Entscheid entsprechend dem «mutmasslichen Willen des Verstorbenen» abgeändert werden. Trotzdem wurde das Organ-Register vorübergehend geschlossen.

Weitere Sicherheitslücken, die Zft.Company bei Swisstransplant entdeckte, seien mittlerweile behoben worden.

Bin ich von der Sicherheitslücke betroffen?

132'170 Personen sind im Organspende-Register eingetragen. Zurzeit ist unklar, ob und wie viele Einträge ohne Einwilligung der registrierten Person getätigt wurden.

Swisstransplant schreibt in einer Stellungnahme, dass man bei Zweifel am Register, einen Eintrag löschen lassen und den Entscheid zur Organspende auf einer Organspende-Karte festhalten könne.

Was genau macht Swisstransplant?

Swisstransplant ist eine private Stiftung, die mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) zusammenarbeitet. Im Auftrag des BAG führt Swisstransplant die Warteliste der Organempfängerinnen und teilt verfügbare Organe zu. Zudem koordiniert Swisstransplant die Aufgaben der Kantone auf dem Gebiet der Organ- und Gewebespende.

Eine Niere wird in einer Kühlbox transportiert.
Eine Niere wird in einer Kühlbox transportiert.Bild: keystone

Wie funktioniert Organspende in der Schweiz

In der Schweiz regelt das «Bundesgesetz über die Transplantation von Organen, Geweben und Zellen» das Vorgehen bei Transplantationen.

Wenn bei einem Menschen der Hirntod diagnostiziert wird, gilt er als tot. Beim Hirntod sind die Hirnfunktionen irreversibel, also nicht mehr heilbar, ausgefallen. Deswegen können die lebensnotwendigen Prozesse im Körper nicht mehr gesteuert werden. Ein Mensch denkt und fühlt zu diesem Zeitpunkt nichts mehr. Im Transplantationsgesetzt ist geregelt, welche klinischen Zeichen vorliegen müssen, damit auf diesen irreversiblen Ausfall der Funktionen des Hirns geschlossen werden darf.

Allerdings kann auch bei einer hirntoten Person der Kreislauf künstlich aufrechterhalten werden, indem der Körper an eine Herzkreislaufmaschine angeschlossen wird. Die Organe bleiben so durchblutet und für eine gewisse Zeit «frisch».

Wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten (bzw. deren Angehörige nach dem Tod der Person) in die Organspende eingewilligt hat, beginnt nach Feststellen des Hirntodes ein komplexer Prozess. So wird unter anderem die medizinische Vorgeschichte des Verstorbenen durchleuchtet sowie Blutproben des Verstorbenen untersucht. Danach werden mithilfe des Computersystems Swiss Organ Allocation System (SOAS) mögliche Empfänger für die Organe des Verstorbenen gesucht – dafür ist Swisstransplant zuständig. Denn damit eine Transplantation gute Chancen hat, müssen verschiedene Blut- und Gewebefaktoren von Spender und Empfänger möglichst übereinstimmen.

Die Organe werden erst entnommen, wenn allen ein Empfänger zugeteilt werden konnte. Ärzteteams entnehmen dann die Organe, verpacken sie und transportieren sie in Boxen zu den Empfängern. Nach der Entnahme der Organe werden dem Spender die Operationswunden zugenäht und er wird der Familie übergeben. Der Spender bleibt für die Empfänger anonym.

Eine Niere wird für die Transplantation vorbereitet.
Eine Niere wird für die Transplantation vorbereitet.Bild: keystone

Swisstransplant schreibt, dass allein im Jahr 2020 in der Schweiz rund 1400 Menschen auf ein Spenderorgan gewartet hätten, allerdings nur 519 Transplantationen stattfanden. Rund 70 Menschen auf der Warteliste seien verstorben, weil nicht rechtzeitig passende Organe verfügbar waren.

In der Schweiz dürfen Herz, Lunge, Leber, Niere, Dünndarm und Bauchspeicheldrüse gespendet werden. Dabei können Nieren und Teile der Leber auch von lebenden Spendern stammen. Auch Gewebe, beispielsweise Augenhornhäute, Blutgefässe oder Herzklappen, können transplantiert werden. (yam)

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Statistiken zu Transplantationen in der Schweiz

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Statistiken zu Transplantationen in der Schweiz
quelle: swisstransplant / swisstransplant
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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sii sorry abär....... Äääääähm?
19.01.2022 18:01registriert März 2020
Ich hinterfrage gerade den Sinn eines Spenderausweises oder Onlineeintrag.


"Im Ernstfall wird das Datenblatt ausgedruckt und den Angehörigen des Verstorbenen zur Prüfung vorgelegt.» Bei Zweifel könne der Entscheid entsprechend dem «mutmasslichen Willen des Verstorbenen» abgeändert werden."

Ich mag meine Angehörigen ganz gut aber wir teilen in vielen persönlichen Einstellungen, vor allem Religion, nicht die gleiche Meinung. Wesshalb sollten die eine solche Möglichkeit haben? Da MUSS die Platform 100% verlässlich sein.
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wurzeli
19.01.2022 16:43registriert April 2020
Die Naivität von Swisstransplant macht schon etwas nachdenklich. Schade um eine an sich gute Idee. Erinnert irgendwie an meineimpfungen.ch.
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