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Diese Amerikanerin ist der wohl grösste Schweiz-Fan: «Frau Panozzo, übertreiben Sie es nicht ein bisschen mit all dem Lob?»

30.07.2015, 11:0831.07.2015, 16:06

Mit ihrem Beitrag «Living in Switzerland ruined me for America and its lousy work culture» («In der Schweiz zu leben, hat mir Amerika und seine lausige Arbeitskultur verdorben») hat Chantal Panozzo viel Staub aufgewirbelt. Darin schwärmt die Amerikanerin vom Leben in der Schweiz und übt gleichzeitig harte Kritik an den Zuständen in ihrer Heimat. Im Interview verrät Panozzo, was für Reaktionen sie auf ihren Beitrag bekommen hat und warum auch die Schweiz nicht perfekt ist.

Nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz hatten Sie ein Vorstellungsgespräch in Chicago. Langer Arbeitsweg, durchschnittliches Gehalt, keine Zulagen – haben Sie den Job letztlich angenommen? 
Chantal Panozzo: Nein. Durch die fast zehn Jahre in der Schweiz bin ich wirklich wählerisch geworden. Ich arbeite momentan als Freelance-Schreibkraft, hauptsächlich für europäische Firmen, darunter auch einige in der Schweiz.

Um das zu tun, hätten Sie aber wirklich in der Schweiz bleiben können.
Ich wusste nicht genau, was ich beruflich machen würde, als ich im letzten Herbst in die USA zurückkehrte. Mein Ziel war, im Raum Chicago Fuss zu fassen. Nach besagtem Job-Interview beschloss ich, diese Idee erst einmal auf Eis zu legen (lacht). Nach fünf Wochen bezahlten Ferien in der Schweiz ist es schwierig, zwei zu akzeptieren.

Chantal Panozzo
Chantal Panozzobild: zvg

Was für Reaktionen haben Sie auf Ihren Beitrag erhalten?
Ich habe viele Rückmeldungen von Amerikanern und Personen anderer Nationalitäten erhalten, die in der Schweiz gearbeitet haben und sich in dem Beitrag ein Stück weit wiederkannten. Aber auch Amerikaner, die noch nie im Ausland gearbeitet haben, schrieben mir, wie überarbeitet und frustriert sie über die Lage in den USA sind. Einige von ihnen waren als Immigranten ins Land gekommen – so viel zum «American Dream». Andere fragten, wie auch sie in der Schweiz arbeiten könnten. Und ein Rentner, der sieben Jahre in der Schweiz gearbeitet hat, sagte mir, er erhalte mehr Geld aus der Schweizer Pension als aus der US-Altersvorsorge, in die er eingezahlt hat, seit er 16 Jahre alt war! 

Gab es auch Reaktionen aus der Schweiz?
Ja, ein paar. Die fanden den Beitrag natürlich super. Einer sagte: «Das ist Werbung für die Schweiz».

Gab es auch kritische Stimmen?
Einer war beleidigt, dass ich Amerika kritisierte. Ich glaube, dass viele Amerikaner gar nicht realisieren, dass es sich anderswo besser lebt. Wir wachsen mit der Gewissheit auf, im besten Land der Welt zu leben. Ich muss wohl mehr solche Beiträge schreiben. Oder vielleicht noch ein Buch.

«Das sieht ja aus wie in Südkalifornien!»

Auch Amerikaner reisen. Möglicherweise muss man wirklich längere Zeit im Ausland gearbeitet haben, um zu Ihren Schlüssen zu kommen. 
Definitiv. Reisen ist grossartig, alle sollten es tun. Aber als Tourist bekommt man eben schöne Landschaften und interessante Städte zu sehen. Als ich 2001 zum ersten Mal die Schweiz besuchte, sass ich mit Landsleuten in einem Reisebus. Einer schaute zum Fenster hinaus und sagte: «Das sieht ja aus wie in Südkalifornien!» So ist das eben, er sagte nicht: «Wow, dieses Land hat ein fantastisches Steuersystem.»

Sie loben vor allem den Service Public in der Schweiz. Wie kommt es, dass ein reiches und entwickeltes Land wie Amerika in diesen Belangen hinterherhinkt?
Das frage ich mich auch. Es ist mir unverständlich, dass so viele Leute ein Problem mit dem Konzept einer allgemeinen Krankenversicherung haben. Alle entwickelten Länder haben sie. Aber für viele Amerikaner ist das Sozialismus. Die Republikaner sind eine Partei der Milliardäre, die sich für Milliardäre einsetzt. Aber irgendwie ist es denen gelungen, Menschen mit tieferen Einkommen dazu zu bringen, gegen die eigenen Interessen abzustimmen. Mit Sprüchen wie «Wir glauben an Gott und wir lassen euch eure Waffen» und dergleichen.

Sie erwähnen die Krankenversicherung. War Ihnen schon vor Ihrem Umzug in die Schweiz bewusst, dass die USA hier im Vergleich zu allen anderen Industrienationen ein Problem haben?
Ich habe nie darüber nachgedacht. Es war einfach so. Vor dem Umzug arbeiteten mein Mann und ich bei Grossfirmen, wodurch wir ziemlich gut versichert waren. Jetzt arbeite ich als Freelancer und mein Mann ist bei einer kleinen Firma, da sieht die Sache ganz anders aus.

Chantal Panozzo
Chantal Panozzobild via swisstory.blogspot.ch

Einige unserer Leser fanden, Sie übertreiben es ein bisschen mit all dem Lob für die Schweiz. Sicherlich haben Sie in zehn Jahren auch Schattenseiten gesehen. 
Kein Land ist perfekt, auch die Schweiz nicht. Die Menschen sind sehr zurückhaltend, das erschwert Ausländern die Integration. Sogar Schweizer haben mir gesagt, es sei schwer, neue Freunde zu finden, Ich denke für gewisse Ausländer ist es besonders schwierig.

«Da wollen Sie sicher nicht leben, da wohnen viele Ausländer.» 

Was meinen Sie mit «gewissen» Ausländern? 
Als wir in die Schweiz zogen, sahen wir uns verschiedene Gegenden an. Bezüglich einer hübschen kleinen Gemeinde sagte die Dame von der Relocation-Agentur: «Da wollen Sie sicher nicht leben, da wohnen viele Ausländer.» Ich antwortete scherzhaft: «Dann kommt es sicher nicht drauf an, wenn noch zwei weitere dazukommen.» Ich begann zu verstehen, dass es in der Schweiz gute und weniger gute Ausländer gibt. Das ist wohl in den USA auch so, aber das würde niemand öffentlich sagen. Die Schweizer drücken sich viel weniger politisch korrekt aus.

Offen geäusserte Ausländerfeindlichkeit. Sonst noch etwas? 
Das mit der Sprache ist sehr frustrierend. Als ich in die Schweiz kam, war ich super motiviert, Deutsch zu lernen. Doch ich merkte schnell, dass das, was ich im Kurs lernte, auf der Strasse wertlos war. Alle wollten entweder Englisch oder Mundart mit mir sprechen. Ich muss sagen, ich lerne jetzt mehr Deutsch in Chicago als vorher in Zürich! Ich gehe mit meiner Tochter in die deutschsprachige Spielgruppe mit deutschen Expats. Leider sprechen dort nur die Eltern Deutsch, die Kinder hingegen Englisch (lacht).

Hat Ihre dreijährige Tochter Schweizerdeutsch gelernt und braucht sie es noch? 
In den ersten paar Wochen nach der Rückkehr schon. Auf dem Spielplatz sagte sie ständig «Nei!». Ich denke, sie versteht es immer noch, aber spricht es nicht mehr. Sie nimmt auf jeden Fall Deutsch-Unterricht.

Etwas muss ich noch loswerden. Sie schreiben, die Mittagspause sei den Schweizern heilig und am Platz Essen verpönt. Als ich diese Zeilen las, sass ich an meinem Platz und ass mein Mittagessen. 
(lacht) Es kommt wohl auf den Arbeitgeber an. In der Werbeagentur, für die ich arbeitete, machten alle Mittag. Pünktlich um 12 Uhr rannten alle zum Büro hinaus. In amerikanischen Agenturen essen alle am Platz.

Sie schreiben zum Schluss, dass Sie sich noch nicht sicher sind, welchen Ort Sie Zuhause nennen wollen. Sind Sie einer Antwort schon näher? 
Das ist so eine schwierige Frage. Aus praktischen Gründen müssten wir zurück in die Schweiz ziehen. Aber emotional ist es hart, 5000 Meilen von Zuhause weg zu wohnen. Aber wir vermissen die Schweiz schon, aus all den Gründen, die ich dargelegt habe. Wir sind noch zu keinem Entschluss gelangt. Irgendwie ist es auch ein Privileg, überhaupt über solche Sachen nachdenken zu können. Wer kann schon zwischen zwei Heimatländern auswählen?

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