Walliser Dorf lockt neue Einwohner mit 25'000 Franken – so geht es den Leuten damit
«Hey Bro, how are you?» Ein wildfremder Engländer meldete sich kürzlich via Instagram bei Pierre Biege. Er fragte ihn, ob er ein Grundstück für ihn habe. Es sei so schön in Albinen, er wolle unbedingt hierhin kommen. Der Engländer zielte darauf ab, 25'000 Franken aus der Wohnbauförderung zu kassieren – jenem Programm, mit dem die Walliser Gemeinde Personen unterstützt, die im Bergdorf bauen.
So wie Pierre Biege. Der 32-Jährige ist 2020 mit seiner Frau Lea nach Albinen gezogen, wo er als Kind aufgewachsen ist. Zusammen errichteten sie ein Atelier und darauf ein Tiny House. Allein der Bau der 30 Quadratmeter Wohnfläche kostete 180'000 Franken.
Umso mehr freut sich Biege über die Gelder der Gemeinde: 25'000 Franken für ihn, 25'000 Franken für seine Frau und je 10'000 Franken für die drei Kinder, die seither dazugekommen sind – das jüngste vor einem halben Jahr. «Ich musste nur eine Mail schreiben und den Geburtsnachweis einreichen, und zack, hatten wir den Zustupf für unser drittes Kind auf dem Konto», erzählt er. Er bezeichnet die Aktion als «Hammer-Angebot», sagt aber auch: «Man fühlt sich fast schlecht, so viel Geld zu erhalten, ohne etwas zu leisten.»
Mailflut geht zurück, aber versiegt nicht
Aus Sicht der Gemeinde leistet die Familie Biege durchaus etwas. Sie hilft ihr, gegen den Abwärtsstrudel anzukämpfen, der viele Bergregionen plagt: Perspektivlosigkeit, Abwanderung, Veralterung. Die Idee von Albinen, dagegen mit grosszügigen finanziellen Anreizen anzukämpfen, ist hierzulande in diesem Ausmass beispiellos. Entsprechend gross war der Trubel, als die Gemeinde die Wohnbauförderung auf das Jahr 2018 hin einführte.
Sie wurde mit Anfragen aus dem Ausland überhäuft. Im Dorf kreuzten Menschen auf, die mit gepackten Koffern fragten, wo sie nun die 25'000 Franken abholen könnten. Auch acht Jahre nach dem Start der Aktion erhält Gemeindepräsident Lukas Grand immer wieder Anrufe aus Ländern wie Aserbaidschan oder Israel. Zudem träfen pro Woche zehn bis 15 Anfragen per Mail ein.
«Die Leute denken, sie erhalten bei uns weiss Gott wie viel Geld, ohne überhaupt das Reglement gelesen zu haben», sagt Grand. Dabei ist der Geldsegen an klare Bedingungen geknüpft: Wer profitieren will, muss unter 46 Jahren alt sein, mindestens 200'000 Franken in einen Umbau oder den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung investieren und die Schweizer Staatsbürgerschaft oder eine Niederlassungsbewilligung besitzen.
33 Personen kamen neu nach Albinen
Nur ein Bruchteil der Interessenten erfüllt diese Auflagen. Wie die Gemeinde auf Anfrage mitteilt, hat sie bis Dezember 2025 21 Gesuche bewilligt. Dreizehn davon betrafen Familien oder Personen, die nach Albinen gezogen sind; in acht Fällen handelte es sich um bauwillige Einheimische. Häufig stiess dabei ein Partner oder eine Partnerin von auswärts dazu. «Insgesamt kamen wegen der Wohnbauförderung 19 Erwachsene und 14 Kinder neu nach Albinen», hält Grand fest.
Das klingt nach wenig, macht in einem Dorf mit 250 Einwohnenden jedoch knapp 15 Prozent der Bevölkerung aus. Wegen Todesfällen sei die Bevölkerungszahl zwar insgesamt nicht gewachsen, sagt Grand. Aber sie habe sich stabilisiert: Der Rückgang – 2010 lebten 278 Menschen in Albinen – sei gestoppt.
Gleichzeitig hat die Gemeinde errechnet, dass die Aktion Albinen jährlich 20'000 bis 25'000 Franken kostet, unter Berücksichtigung der zusätzlich sprudelnden Steuereinnahmen. «Das ist tragbar. Schliesslich deckt die Gemeinde auch jährlich ein Defizit der Kirche im Umfang zwischen 60'000 und 80'000 Franken», sagt der Gemeindepräsident.
Wie ein Fiasko vermieden werden soll
Das Walliser Dorf ist jedoch längst nicht über den Berg: Die Überalterung bleibt ein drängendes Problem. Während derzeit die Hälfte der Einwohner über 60 Jahre alt ist, wären es laut einer Schätzung der Gemeinde 2035 bereits fast zwei Drittel – 27 Prozent gar über 80. Grand sagt: «Die Zukunftsaussichten sind immer noch düster. Damit das Dorf nicht ausstirbt, ist es entscheidend, dass die Wohnbauförderung weiter fruchtet.»
Das sahen letzten Sommer auch die Einwohner so. Sie stimmten an der Urversammlung zwei Anpassungen zu, damit das Programm weder versandet noch im finanziellen Fiasko endet.
Erstens: Interessierte müssen bei der Einreichung des Gesuches ihren steuerlichen Wohnsitz nicht mehr seit fünf Jahren in Albinen haben. Diese Bedingung war 2022 eingeführt worden, führte aber dazu, dass kaum noch Gesuche bewilligt werden konnten. «Das hat besonders Familien abgeschreckt», sagt Grand.
Trotz Geldsegen ziehen erste Personen weg
Zweitens: Auch für Kinder ausbezahlte Gelder müssen neu zurückerstattet werden, wenn eine Familie innerhalb von zehn Jahren wegzieht. Zuvor galt diese Rückzahlungspflicht nur für Erwachsene. Der Fall einer Familie mit drei Kindern, die Albinen trotz Geldsegen bereits wieder verlassen hat, liess bei der Gemeinde die Alarmglocken schrillen. Sie verlor 30'000 Franken. Auch eine Einzelperson und eine Person eines Paares, die von der Wohnbauförderung profitierten, haben dem Bergdorf wieder den Rücken gekehrt.
Für Pierre Biege ist das keine Option. Mit seiner Familie will er «mindestens die nächsten 20, 30 Jahre» in Albinen bleiben. Umso mehr, weil das Dorf zu neuem Leben erwacht sei: Plötzlich spielten wieder Kinder auf dem Spielplatz. Und an Geburtstagspartys könne man mehrere Gspändli aus dem Dorf einladen.
Der Geldsegen sei denn auch nicht der entscheidende Grund für den Umzug gewesen. «Wer nur wegen des Geldes nach Albinen kommt, bei dem geht das garantiert schief», sagt Biege. Für ihn zählt: «Dass ich jeden Morgen aufstehen und denken kann: Das ist der schönste Ort der Welt.»
