Schweiz
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harald naegeli, oktober 2015

Mit dieser abbruchreifen Wand wird auch Naegelis neustes Werk bald schon wieder abgerissen sein.
Bild: sme

Der «Stricher» ist in Zürich zurück: Harald Naegeli sprayt seinen Zorn an die Wand



Ein Mann steht vor einem Graffiti und weiss: Das ist ein neuer Naegeli. Der Mann ist Kunstgeschichtsprofessor und hat Naegeli Jahrzehnte lang studiert. Und als wolle er höchstpersönlich noch den allerletzten Zweifel beseitigen, geht Naegeli selbst an seinem Werk und dessen Betrachter vorbei. Scheinbar, ohne die beiden zu bemerken. Ist das nicht furchtbar eitel? Nein. 

«Es geht Harald Naegeli hier wirklich nicht um sich selbst, es geht ihm nur um seine Figur», sagt Felix Thürlemann, der Mann, der den Naegeli am Zürcher Heimplatz schliesslich fotografierte und für die WoZ dokumentierte. Die Figur ist für einen Naegeli schon fast barock überladen, kein mageres Insekt, das sich duckt oder streckt: Zwei Augen wandern in ihrem Kopf herum, ein Blitz geht durch Hirn und Mund, zwei Vaginas sind da, die eine hat Beine, und aus dem Hinterkopf wächst ein kleines Hodenpaar samt Penis.

harald naegeli oktober 2015

Ist das jetzt Transgender-Kunst?
Bild: sme

The Swiss artist Harald Naegeli works in his studio, pictured on August 18, 2003, in Zurich, Switzerland. Between 1977 and 1979 the artist who became famous the

Er kann auch ganz fein sein: Naegeli arbeitet an seiner «Urwolke».
Bild: KEYSTONE

Das Ganze sei exakt so gross wie der 75-jährige Naegeli selbst, ein Spiegelbild, erklärt Thürlemann, in exakten Skizzen vorbereitet und dann ganz schnell in der Nacht gesprayt. Obwohl von dieser Figur keine Gefahr für Naegeli ausgeht, schliesslich steht sie auf einem Stück Wand, das bald abgerissen wird und dem Kunsthaus-Erweiterungsbau von David Chipperfield Platz machen muss.

Wenn Naegeli auftritt, ist er zwar äusserst selbstbewusst und sagt Dinge wie «Ich bin ja doch der prominenteste Künstler dieser Stadt» (was nicht stimmt, Zürichs prominentester Künstler ist eine Frau und heisst Pipilotti Rist), aber seine Auftritte sind rar. Als Mensch ist Naegeli ein Eremit mitten in Zürich, in einem grossen Jugendstilbau in der Nähe des Hottingerplatzes, den er von seinem Vater geerbt hat. In einer riesigen, lichten Wohnung, in der er seit Jahren an einem neuen Grossprojekt namens «Urwolke» tupft und gerne die Einpersonen-Portionen vom Gerber Fertig-Fondue isst. 

Harald Naegeli, der «Sprayer von Zürich»

Harald Naegeli ist ein grossbürgerlicher Anarchist. Und sowas wie der polternde Pate der Street Art, die er gerne insgesamt verurteilt, weil sie für ihn zu sehr nach Werbe-Ästhetik aussieht. Er, der «Stricher» der Graffiti-Szene, dessen tierchenartige Figuren mit ihren Schnörkelgliedern immer ein wenig auch die kleinen Kinder der Hippie-Bewegung waren.

Ende der 70er-Jahre wurde er für seine «wunderbare Kreaturen» (Christoph Waltz über Harald Naegeli) gejagt, er floh nach Deutschland, und Alt-Bundeskanzler Willy Brandt schrieb an den Aussenminister Hans-Dietrich Genscher: «Ich würde es begrüssen, wenn die Bundesregierung einen Weg findet, die Schweiz dazu zu bewegen, von ihrem Auslieferungsersuchen Abstand zu nehmen.»

Christopher Waltz poses for photographers on the red carpet at the world premiere of the new James Bond 007 film

Naegeli-Fan: Christoph Waltz
Bild: LUKE MACGREGOR/REUTERS

Den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt, rechts, und seinen persoenlichen Referenten Guenter Guillaume zeigt ein Bild aus dem Jahr 1973. Vor 30 Jahren, am 6. Mai 1974, erklaerte Bundeskanzler Willy Brandt seinen Ruecktritt, nachdem sein Vertrauter Guenter Guillaume wegen Spionage fuer die DDR verhaftet worden ist. (KEYSTONE/AP Photo/Str) ===  ===

Noch ein Naegeli-Fan: Willy Brandt.
Bild: AP

Brandts Intervention half nichts, Naegeli wurde verhaftet, an die Schweiz ausgeliefert und kam für neun Monate ins Gefängnis. Danach ging er wieder nach Deutschland, zu seinem Freund Josef Beuys. Erst vor wenigen Jahren ist er nach Zürich zurück gekehrt, versöhnt ist er nicht, sein Vermögen wird er einmal Greenpeace und dem Tierschutz vermachen, seine Werke deutschen Museen schenken. 

harald naegeli, oktober 2015

Naegelis Schrei gilt Miró.
Bild: sme

Früher waren seine Zürcher Strichmännchen herzige, verschmitzte Geheimagenten und Vorboten der Zürcher Jugendbewegung der 80er-Jahre, als die Rote Fabrik, die WoZ, das Theaterhaus Gessnerallee und der Jazzclub Moods gegründet wurden. Heute am Heimplatz zeigen sich zornige Naegeli-Striche: Gegen die Gentrifizierung des alten Turnhallenareals und für die Befreiung des in einer sterilen Kunsthaus-Ausstellung eingesperrten spanischen Kollegen Joan Miró.

Naegelis Figur ist eine Liebeserklärung an Miró, aber auch ein Freund, der einem andern – einem kleinen Männchen auf der Miró-Flagge an der Kunsthausfassade – zuschreit: «Weg hier!» Ein Rufer mitten im Strassenverkehr von Zürich. Und an dem verregneten Morgen, an dem ich ihm zum ersten Mal begegne, wird er von sämtlichen Passanten übersehen. Obwohl jedes Tram, jedes Auto daran vorbeifährt. Ein unausweichlicher Naegeli. Aber ein flüchtiger. Und einer auf der Flucht. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • mastermind 02.11.2015 08:57
    Highlight Highlight Zeile 1: "...vor einem Graffito"
  • zhchic 31.10.2015 14:45
    Highlight Highlight Von mir aus kann man es als ,,Kunst'' bezeichnen aber es gehört definitiv nicht auf die Wände von Zürich, da sehe ich lieber die klassischen Graffitis ;-)
  • Ron Collins 31.10.2015 14:22
    Highlight Highlight Total überbewertet ! Eine sprayerei mehr, die Mauern verunstaltet!
    Sorry, ich mag Graffitis. Aber den naegeli ist einfach k*cke.
  • Calvin Whatison 29.10.2015 19:34
    Highlight Highlight ich liebe Kunst, Kunst ist, was man daraus macht... Kunst ist subjektiv. Die Kunst dieses Herrn ist mir zu banal und primitiv, macht nichts, die Geschmäcker sind verschieden. und dies ist auch gut so.
    • Lezzelentius 29.10.2015 22:27
      Highlight Highlight Nein, Kunst ist nicht subjektiv und nicht Sache des Geschmacks, sie existiert vollkommen los von jeglichen Relationen. Die Werke dieses Herrn sind dynamisch und Dynamik ist mitunter einer der höchsten Kriterien "guter" Kunst.
    • Calvin Whatison 29.10.2015 23:29
      Highlight Highlight @Lezzelentius: lerne.... ;-)





















    • Lezzelentius 30.10.2015 09:14
      Highlight Highlight Zu sagen, Kunst sei oder definiere sich erst mit der subjektiven Wahrnehmung, würde bedeuten, dass Van Gogh nicht immer Künstler war. Seine Werke waren lange verkannt - bedeutet das nun, Van Goghs Werke waren zu seinen Lebzeiten noch nicht Kunst? Du kannst sagen, dass dir seine Kunst zu banal oder primitiv ist und dir nicht gefällt, deinen "Geschmack" nicht trifft. Das bedeutet aber nicht, dass Kunst subjektiv ist, sie bleibt trotz deines Geschmackes Kunst. So wie Van Gogh Kunst war, bevor subjektive Wahrnehmung glaubte sie zu ihr zu machen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Eggi 29.10.2015 17:20
    Highlight Highlight Die Artikel von Simone Meier gehören zum Besten von Watson. Aber das ist ganz einfach ein blöder Titel! Soll das ein Wortspiel sein?! 'Stricher' hat eine eindeutige Bedeutung, so dass man eine Anspielung vermuten könnte. Das ist aber wohl kaum beabsichtigt. Also: Oha lätz!
  • Simone M. 29.10.2015 17:07
    Highlight Highlight Also: Beim schmerbäuchigen Marsmännchen vom Sempersteig, das heute plötzlich auftauchte und mit VS-SV ganz deutlich signiert ist, handelt es sich, das versichert uns der Experte, NICHT um einen weiteren Naegeli. Da stimmen weder die Details der Figur, noch die Grösse oder der architektonische Kontext. But nice try und nette Hommage.
    Benutzer Bild
  • ovatta 29.10.2015 16:21
    Highlight Highlight Nehmt den Rheintalern doch die Pipilotti nicht weg..!
    • Simone M. 29.10.2015 17:05
      Highlight Highlight Jöh.
    • ovatta 29.10.2015 17:22
      Highlight Highlight Bei all dem Braun brauchen die doch auch etwas Farbe.
  • Wilhelm Dingo 29.10.2015 16:01
    Highlight Highlight Wer bestimmt eigentlich was Kunst ist? Ich finde diese Figuren grauenhaft.
    • Lightning makes you Impotent (LMYI) 30.10.2015 18:33
      Highlight Highlight Es gibt einen Rat von mehreren Weisen, genau ist nicht bekannt wie viele es sind, sind es 7, sind es 9, sind es mehr? Man weiss es nicht. Aber es soll auf die alten Griechen zurückgehen. Diese Weisen sind alle sehr alt und eben vor allem Weise. Sie sitzen über jedem Bild das irgendwo gemalt wird und beraten sich. Nicht immer sind Sie sich dabei einig. Doch ich hörte, bei Nägeli fiel der Entscheid ziemlich einstimmig. Kunst!
  • PAPY__ 29.10.2015 16:00
    Highlight Highlight Da bevorzuge ich die Qualitäten von KCBR!
  • Lezzelentius 29.10.2015 15:25
    Highlight Highlight "«Ich bin ja doch der prominenteste Künstler dieser Stadt» (was nicht stimmt, Zürichs prominentester Künstler ist eine Frau und heisst Pipilotti Rist)"

    Und doch ist der Stricher ihr künstlerisch Welten voraus.

Eine halbe Million Menschen in der Schweiz denken an Suizid

541'000 Menschen in der Schweiz haben in den letzten zwei Wochen an Suizid gedacht. 200'000 haben schon einen Versuch gemacht, 33'000 in den letzten 12 Monaten. Seit 2012 stieg der Anteil an Menschen mit Suizidgedanken von 6.4 auf 7.8 Prozent.

Und die Dunkelziffer dürfte aus zwei Gründen hoch sein: Erstens basiert die Statistik des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) auf Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB 2017), und bei Befragungen werden Auskünfte oft aus Scham …

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