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So schnell kann's gehen: Kaum gestartet, schon gestürzt.
So schnell kann's gehen: Kaum gestartet, schon gestürzt.
Bild: shutterstock
Schmerzen, Schweissausbrüche und blaue Flecken

Ich war naiv und träumte von einer romantischen Schlitteltour – jetzt bin ich froh, dass ich die Uetliberg-Hölle heil überstanden habe

Seit ich vier Jahre alt bin, fahre ich Ski. Angst vor Stürzen oder hohen Geschwindigkeiten habe ich also eigentlich keine. Bei meinem Schlittelausflug auf den Uetliberg bin ich trotzdem mindestens zehn Tode gestorben.
08.02.2015, 11:1309.02.2015, 13:28

«Ich sitze vorne und du hinten?», frage ich meinen Co-Piloten. «Ja.» Alles klar, zu zweit quetschen wir uns auf den Schlitten, holen einmal Schwung und stürzen uns den Starthügel hinunter. Doch schon in der ersten Kurve passiert, was passieren musste: Drei ordentliche Buckel sorgen dafür, dass wir vom Schlitten abheben. 

Den ersten können wir noch abfedern, beim zweiten knallen wir mit dem Hintern brutal aufs Holz und beim dritten haut es uns vom Schlitten – mein Freund donnert rückwärts auf seinen Allerwertesten, ich kann mich mit einer Seitwärtsrolle noch vor dem Gröbsten retten. 

Genau da, wo wir gelandet sind, liegt ein zertrümmerter Holzschlitten. Wir waren wohl nicht die ersten, die eine schmerzhafte Begegnung mit den drei Buckeln gemacht haben. Meinem Schlittelpartner wird vor lauter Schmerzen am Steissbein einen Moment lang schwarz vor Augen und ich freue mich jetzt schon auf den blauen Fleck auf meinem Po. Na das kann ja heiter werden ...

So oder so ähnlich muss das ausgesehen haben

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gif: youtube

Zugegeben – als ich von einem gemütlichen Ausflug in die herrlich verschneite Winterlandschaft geträumt habe, war ich wohl etwas naiv. Meine Vorstellung von einer Schlittenfahrt hat nämlich relativ wenig mit der Realität zu tun. Das musste ich am vergangenen Sonntag (im wahrsten Sinne des Wortes) schmerzlich feststellen.

Einen Sonntag für die erste Schlittenfahrt des Jahres auszuwählen, war wohl auch nicht die klügste Idee. Aber man kann sich schliesslich nicht aussuchen, wann man seine freien Tage hat. Und wenn es in der Nacht von Samstag auf Sonntag schneit und man morgens von Sonnenstrahlen geweckt wird, dann zieht es einen ja fast magisch raus in die Natur.

Normalerweise würde ich eine solche Gelegenheit nutzen, um Ski fahren zu gehen. Das mache ich seit 23 Jahren, das kann ich gut und da habe ich keine Angst – auch nicht, wenn ich ordentlich Fahrt aufnehme und die Landschaft links und rechts an mir vorbei rast.

«Nur wegen dir muss ich so was Lahmes wie Schlitteln machen.»

Da mein Freund nicht Ski fährt, haben wir uns an diesem Sonntag stattdessen für die Schlittelpiste entschieden: «Nur wegen dir muss ich jetzt so was Lahmes wie Schlitteln machen», sage ich noch zu ihm, als wir die Wohnung verlassen. «Naja, besser als nichts», denke ich für mich.

Für diesen Spruch sollte ich noch leiden müssen – oder besser gesagt meine Nerven und mein Hintern. 

Als wir uns der S-Bahn-Station Triemli nähern, können wir das Grauen schon erahnen: Aufgeregte Kinder, genervte Eltern, noch genervtere Grosseltern und verwirrte Hunde wuseln wild durcheinander. Der Marroni-Mann, der für seinen Stand an diesem Tag im ganzen Kanton wohl keinen lukrativeren Platz hätte finden können, bedient seine Kunden und gibt gleichzeitig via Handy einen verzweifelten Hilferuf raus: Er hat seinen letzten Sack Marroni angebrochen und braucht dringend Nachschub!

Jubel, Trubel, Heiterkeit 

Wir lassen uns selbstverständlich nicht so schnell entmutigen und kämpfen uns topmotiviert durch die Menge, wobei wir aufpassen müssen, dass wir nicht über eine der zahlreichen Schnüre stolpern, die in der Menschenmenge wie ein Spinnennetz gespannt sind: Kaum einer kommt auf die Idee, seinen Schlitten zu tragen – stattdessen wird das Gerät gemütlich hinterher gezogen.

Endlich haben wir den Fahrkartenautomaten erreicht. Jetzt muss nur noch die fünfköpfige Familie vor uns herausfinden, wie das Teil funktioniert. Trotz eines netten jungen Mannes, der ihnen bei der Übersetzung hilft, scheitern sie – nach fünf Minuten geben sie auf und wir sind dran. Da stellt sich heraus: Das Kartenlesegerät spinnt, zahlen kann man an dem Automaten (dem einzigen an dieser Haltestelle) also nur mit Münzen. Die haben wir nicht.

Zum Glück ist da noch der Marroni-Mann, dem es heute wohl kaum an Kleingeld fehlen wird. Wir kaufen ihm 100 Gramm seiner feinen Leckereien ab und nutzen die Gelegenheit, um unsere Scheine gegen Münzen einzutauschen. Ob der Strassenverkäufer wohl etwas mit dem defekten Kartenleser des Automaten zu tun hat ...?

Mit der falschen Ausrüstung unterwegs

In der S-Bahn Richtung Uetliberg verteilt sich die aufgeregte Menschenmenge erstaunlich gut – wir bekommen sogar einen Sitzplatz. Als ich mich umschaue, stelle ich fest, dass ich ziemlich schlecht vorbereitet bin. Aber dieses Mal trifft nicht nur mich die Schuld. Denn als ich am Morgen meine Skiunterwäsche angezogen habe und gerade zur Ski-Hose greifen wollte, zog mein Freund nur die Augenbrauen hoch und sagte schnippisch: «Also ich ziehe einfach 'ne Jeans an.»

«Also gut, dann will ich's mal nicht übertreiben», dachte ich mir und zog ebenfalls Jeans an. Darauf ein Paar anständige Schneeschuhe und meine Skijacke. «Meinen Skihelm kann ich dann also auch zuhause lassen?», habe ich noch gefragt – wobei das eher als Scherz gemeint war.

Die Leute, die nun mit uns in der Bahn sitzen, haben so gut wie alle einen Skianzug an. Und hätte ich einen Skihelm getragen, wäre ich bei Weitem nicht die einzige gewesen. «Was haben die denn alle vor? Ich will doch nur eine gemütliche Runde mit dem Schlitten fahren ...», denke ich mir noch.

Ein Warnschild, das keiner sieht

Oben angekommen, ergattern wir beim Verleih – für schlappe 20 Stutz – gerade noch den letzten Davoser Schlitten. Von der Sonne, die uns am Morgen geweckt hat, ist inzwischen nichts mehr zu sehen. Stattdessen fallen dicke Schneeflocken vom Himmel. Egal, wir sind ja schliesslich keine Schönwetterfahrer.

Am Anfang der Uetliberg-Schlittelpiste steht eine Tafel, auf der einige Warnhinweise aufgeführt sind. Dass es diese Tafel gibt, habe ich aber erst am nächsten Tag von Kollegen erfahren. Denn als wir uns zum Start bewegen, sind wir von einer imposanten Menschentraube umgeben und es bleibt keine Zeit, nach links und rechts zu schauen. Denn jetzt heisst es: Auf den Schlitten, fertig, los!

Auf dem Uetliberg ist man auf eigene Gefahr unterwegs und sollte besser einen Helm tragen.
Auf dem Uetliberg ist man auf eigene Gefahr unterwegs und sollte besser einen Helm tragen.
bild: eth

Hätte ich das Hinweisschild gekannt, hätte ich gewusst, dass ein Helm angebracht gewesen wäre. Und im Nachhinein weiss ich: Ein Rückenpanzer hätte auch nicht geschadet. Und vielleicht ein Schlitten, dessen Sitzfläche irgendwie gepolstert ist.

Denn schon in der ersten Kurve haut es uns hin – und zwar ordentlich. An Aufgeben ist natürlich nicht zu denken, auch wenn unsere Allerwertesten diese Idee vielleicht gar nicht so schlecht gefunden hätten. Stattdessen versuchen wir ab jetzt, vor den Buckeln jeweils abzubremsen – was gar nicht so einfach ist, wenn die Piste so vereist ist, dass Bremsversuche mit den Füssen praktisch aussichtslos sind.

Risikofreudige Grossmamis und -papis unterwegs

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten haben wir irgendwann den Dreh raus – zumindest mehr oder weniger. Unser anfänglicher Sturz bleibt eine einmalige Sache und am Ende kommen wir dann doch noch (halbwegs) unverletzt im Ziel an. Auf der gesamten Strecke kam es «nur» zu circa zehn Fast-Kollisionen mit anderen Fahrern, denn wenn jemand von hinten angerast kommt und «ACHTUNG!!!» brüllt, hilft das in der Regel auch nicht viel. Man ist dann einfach vorgewarnt, bevor es zum Crash kommt.

Am faszinierendsten finde ich eigentlich die Grossmamis und Grosspapis, die ihre kleinen Enkel vor sich auf dem Schlitten sitzen haben und mit ihnen die Piste runter rasen. Ich habe während der gesamten Fahrt Blut und Wasser geschwitzt und genug Angst um mein eigenes Leben gehabt – da würde ich sicher nicht noch die Verantwortung für ein kleines Kind übernehmen wollen.

Nicht ohne Grund steht auf dem Warnschild ganz oben auf dem Berg «Mit Kleinkindern Schlittelhang in Ringlikon benutzen» – auch wenn sich daran offenbar nur die wenigsten halten. Doch was ist eigentlich, wenn es tatsächlich mal zum Unfall kommt? Wer trägt dann die Verantwortung?

«Wir sind kein Schlittelpistenunternehmen.»
Lukas Handschin, Grün Stadt Zürich

Für den Unterhalt des Schlittelwegs am Uetliberg ist die Behörde Grün Stadt Zürich zuständig. Das Befahren des Schlittelwegs geschieht jedoch auf eigene Gefahr. «Wir sind kein Schlittelpistenunternehmen. Unsere Förster prüfen nur die Befahrbarkeit. Das heisst, sie schauen, ob es überhaupt genug Schnee hat, und besprechen dann das Info-Telefon», erklärt Lukas Handschin, Pressesprecher von Grün Stadt Zürich.

Seit diesem Jahr hat die Stadt ein Unternehmen engagiert, das den Schlittelweg morgens mit der Pistenmaschine präpariert. «Wenn die Strecke aber so stark befahren wird, ist sie spätestens nach zwei Stunden immer buckelig. Da können Sie nichts gegen tun», so Handschin weiter.

Dass meine romantische Vorstellung von einem Schlittelausflug ein wenig naiv war, mag ja sein. Dennoch habe ich diese Tour als aussergewöhnlich gefährlich empfunden, schliesslich war es nicht das erste Mal, dass ich auf einem Schlitten gesessen bin. Meinen Eindruck bestätigt Handschin: «Der Uetliberg wird gerne unterschätzt. Denn der Zürcher Hausberg, den man so bequem mit der Bahn ‹besteigen› kann, hat durchaus seine Tücken – im Winter, wie im Sommer

Und wer dann einen Unfall baut, hat also Pech gehabt und ist selbst verantwortlich.

Anders als auf anderen Schlittelpisten

Etwas anders verhält sich das mit der Verantwortlichkeit auf anderen Schlittelpisten, nämlich solchen, die professionell betrieben werden: «Der Betrieb einer Schlittelbahn unterscheidet sich nicht vom Betrieb einer Skipiste. Wir unterliegen da genauso den Richtlinien der Schweizerischen Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportanlagen», erklärt Frédéric Petignat, Pressesprecher der Davos Klosters Bergbahnen AG.

Neben den Richtlinien der SKUS müssen die Pistenbetreiber laut Petignat auch die Verkehrssicherungspflichten erfüllen: «Dort ist beispielsweise festgehalten, wie Pisten gesichert und Hindernisse abgesperrt sein müssen.» Ob diese Vorgaben erfüllt sind, werde regelmässig von «Seilbahnen Schweiz» überprüft. «Insofern haften wir schon, indem wir dafür sorgen müssen, dass diese Regeln eingehalten werden. Bei Unfällen und allfälligen Haftungsfragen ist die Einhaltung dieser Richtlinien entscheidend.»

Nun gut, meine Feuertaufe habe ich jetzt jedenfalls bestanden. Und wenn mich das Schlittelfieber wieder packen sollte, weiss ich wenigstens, worauf ich mich beim Uetliberg einlasse.

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