Schweiz
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Seit dem Start im Februar 2013 hatte FlixBus noch nie so viele Kunden wie an diesem Wochenende. Bild: flixbus

Wenn die Züge stillstehen

Fernbus-Eldorado Bahnstreik: Werden die Billiganbieter die SBB verdrängen?

An Wochenenden geht auf dem deutschen Bahnnetz im Moment nichts mehr. Streiks legen den Verkehr lahm. Die grossen Gewinner sind dabei die Fernbus-Unternehmen. Auch die Busse in die Schweiz sind bis auf den letzten Platz besetzt.

Der Tarifstreit zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft GDL hat am Wochenende zu massiven Streiks der Lokführer geführt: Etwa zwei Drittel der Fernzüge standen seit dem frühen Samstagmorgen still. Auch Regionalbahnen fuhren nur nach einem Ersatzfahrplan. Sollten sich die Parteien nicht einigen, könnte sich das Szenario am nächsten Wochenende wiederholen.

Wenn die Deutsche Bahn streikt, steigen viele auf das Auto um. Doch an diesem Wochenende hatten viele Reisende eine andere Idee: «Ich fahre mit dem Bus», müssen sich überdurchschnittlich viele Menschen gedacht haben. Denn so manches deutsche Fernbus-Unternehmen freut sich dieser Tage über einen neuen Rekord: «Die genauen Fahrgastzahlen haben wir noch nicht, aber seit unserem Start im Februar 2013 war das definitiv ein Rekord-Wochenende», erklärt Bettina Engert, Pressesprecherin von FlixBus im Gespräch mit watson.

Ganz ähnlich lautet die Auskunft, die das deutsche Unternehmen MeinFernbus auf Anfrage liefert: «Wir hatten an diesem Wochenende dreimal mehr Buchungen als an einem normalen Wochenende. Seit unserem Start war das eindeutig ein neuer Rekord», berichtet Sprecherin Marie Gloystein.

Reisecars des Billiganbieters Meinfernbus auf dem Busbahnhof hinter dem Zuercher Hauptbahnhof am Donnerstag, 29. November 2012. Ab heute fahren Reisewillige zu Tiefpreisen nach Frankfurt. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Auch das Unternehmen MeinFernbus hat von dem Bahnstreik profitiert. Bild: KEYSTONE

Zürich – Frankfurt ausgebucht

Doch wie ist man mit dem Ansturm konkret umgegangen? «Schon als die Streiks bei der Bahn angekündigt wurden, haben wir genau verfolgt, was dort passiert und entsprechend frühzeitig zusätzliche Busse organisiert. Zum Teil wurden auch spontan noch Zusatzbusse zur Verfügung gestellt», so FlixBus-Sprecherin Engert.

Aus rechtlichen Gründen dürfen Fernbus-Anbieter die Taktung der Linien nicht erhöhen, sondern müssen sich ausschliesslich an den genehmigten Fahrplan halten. Der Einsatz von Bussen zu zusätzlichen Zeiten ist also nicht erlaubt. Die Lösung des Problems : «Zu dem Zeitpunkt, zu dem normalerweise nur ein Bus gefahren wäre, sind dann einfach mehrere Busse gestartet. Zum Teil sind auch Doppeldecker auf Linien zum Einsatz gekommen, die normalerweise von einstöckigen Bussen befahren werden», erklärt Engert. 

«Besonders beliebt waren alle Verbindungen von und nach Frankfurt. Da waren wir komplett ausgebucht, obwohl wir auch noch spontan Zusatzbusse eingesetzt haben», so Engert. Und auch die Strecke von Zürich nach Frankfurt, die das Unternehmen vor wenigen Wochen eingeführt hat, sei ausgebucht gewesen. Im Frühjahr 2015 will FlixBus das Angebot um weitere Strecken in die Schweiz erweitern. Beim Unternehmen MeinFernbus ist ein solcher Ausbau ebenfalls denkbar.

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«Die Busse sind zu billig, das kann nicht die Zukunft sein»

In einem Punkt haben die Fernbus-Unternehmen der Bahn deutlich etwas voraus: Die angebotenen Reisen sind um ein Vielfaches günstiger. Tickets für eine Fahrt von Zürich Sihlquai zum Stuttgarter Flughafen sind bei FlixBus beispielsweise ab 13 Franken erhältlich.

Edwin Dutler, Mitglied des Zentralvorstandes von Pro Bahn Schweiz, kann dieser Entwicklung nichts Gutes abgewinnen: «Die Liberalisierung des Transportwesens in Deutschland war eine katastrophale Entscheidung. Die Busse sind zu billig, das kann nicht die Zukunft sein.» 

Dem widersprechen die Unternehmen aus Deutschland. Als direkte Konkurrenz zur Deutschen Bahn sieht sich MeinFernbus zwar nicht, aber: «Wir bieten eine Alternative und sprechen auch eine andere Zielgruppe an. Die Bahn und der Fernbus können gut nebeneinander existieren», erklärt Gloystein. Das Unternehmen ist inzwischen in acht Ländern präsent und plant, den internationalen Verkehr weiter auszubauen.

Beim Unternehmen FlixBus gibt man sich etwas kampfeslustiger: «Ursprünglich wollten wir eine Alternative für die Mitfahrgelegenheit bieten. Inzwischen stellen wir mit 5000 Direktverbindungen täglich eine echte Konkurrenz für die Deutsche Bahn dar», so Pressesprecherin Engert. 

SBB nicht in Gefahr

Bei der Deutschen Bahn habe die Qualität in den letzten Jahren stark gelitten, findet Pro-Bahn-Schweiz-Mitglied Dutler. Da sei es kein Wunder, dass viele Leute auf den Bus umstiegen. Dass die deutschen Bus-Unternehmen auch in die Schweiz fahren, findet Dutler zwar nicht gut – die SBB sieht er aber nicht in Gefahr: «Solange die SBB ihre Qualitätsstandards hoch halten, werden sie weiterhin Erfolg haben.»

Denn, wer ein «gediegenes und sicheres Fahrerlebnis» haben wolle, würde dies sicher nicht in einem Fernbus bekommen. «Wer mit dem Bus von Zürich nach Frankfurt fährt, ist selber Schuld», kommentiert Dutler die aktuelle Situation.



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    Alle Leser-Kommentare
  • Maya Eldorado 21.10.2014 00:43
    Highlight Highlight Zugafahren ist für mich ein entspannderes Erlebnis als Busfahren.
    Das gilt für mich auch im Nahverkehr. Ich mach lieber mit dem Tram einen kleinen Umweg, um die Busfahrt zu umgehen.
    Ausserdem sind die Fahrzeiten zuverlässiger.
    8 2 Melden
  • maestro meo 20.10.2014 23:00
    Highlight Highlight Was soll das heissen: «Die Busse sind zu billig?». Anscheinend gibt es private Unternehmen, die mit diesem «billigen» Umsatz ihre Kosten im Griff haben. Solange branchenübliche Löhne bezahlt werden: Hut ab!
    Die Bahnverantwortlichen sollten aufhören zu heulen und ihre maroden Strukturen überdenken. Da gäbe es noch einiges zu optimieren. Konkurrenz belebt das Geschäft und die Busunternehmen scheinen definitiv etwas richtig zu machen.
    2 0 Melden
    • zettie94 21.10.2014 18:14
      Highlight Highlight Branchenübliche Löhne für Busfahrer in Deutschland sind absolute Tiefstlöhne. Zudem ist der Wettbewerb Bus vs. Zug nicht fair, weil die Busse keine Maut zahlen müssen für die Strassen, die sie benutzen. Die Strassensanierung müssen ja nicht die Busbetreiber zahlen...
      0 0 Melden
  • Nightghost 20.10.2014 22:28
    Highlight Highlight Für die SBB sehe im Inlandverkehr keine Gefahr, weil die Züge die Städte schneller verbinden.
    12 2 Melden
    • schnis 21.10.2014 15:42
      Highlight Highlight gutes Argument, aber schlussendlich wird doch der Preis ausschlaggebend sein. Zusätzlich können die Busse flexibel arbeiten und Randzeiten bedienen. Weil auch die Passagiere im Voraus bekannt sind, ist man in der Lage jedem einen Sitzplatz zu garantieren. Wenn noch kostenlose WLan, wie in Deutschland erhätlich ist, dann wird es sehr eng für die SBB.
      0 0 Melden
  • MediaEye 20.10.2014 22:12
    Highlight Highlight Kurt Schreiber ist Ex-Politiker, Präsident von "Pro Bahn" das sich als Kundenvertreter versteht, aber viel zu nahe bei den Bahnunternehmen angesiedelt ist!
    So werden auf jeden Fall nicht die wirklichen Interessen der Nutzer des ÖV vertreten!!
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