Warum 2026 für die Ärmsten in der Schweiz ein schwieriges Jahr wird
Schätzungen zufolge sind in der Schweiz mehr als 700'000 Menschen von Armut betroffen. Das entspricht etwa acht Prozent der Bevölkerung. Insgesamt seien aber fast eineinhalb Millionen Menschen von Armut bedroht – ein Umstand, der auch in unserem Land ein «chronisches Problem» darstelle. Dies erklärte Caritas-Direktor Peter Lack an einer Medienkonferenz am Donnerstagmorgen.
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Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Ende November veröffentlichte der Bund sein erstes nationales Monitoring zur Armut in der Schweiz. Die von Peter Lack als «enttäuschend» bezeichneten Schlussfolgerungen lassen wenig Raum für Zweifel:
Dieser Trend dürfte sich laut dem Direktor der Caritas so schnell nicht umkehren. «Leider gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage der von Armut betroffenen oder bedrohten Menschen in diesem Jahr verbessern wird», sagt er. Ganz im Gegenteil: Die Hilfsorganisation prognostiziert, dass 2026 für benachteiligte Haushalte «ein schwieriges Jahr» werden wird.
«Die Lage verschlechtert sich weiter», pflichtet Aline Masé, Leiterin des Bereichs Studien und Politik bei Caritas, bei. Und das aus mehreren Gründen.
Zunächst einmal belastet der Anstieg der Lebenshaltungskosten vor allem arme Haushalte. «Diese müssen fast ihr gesamtes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse aufwenden», erklärt die Verantwortliche. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) machen diese Ausgaben bis zu 80 Prozent des Budgets von Haushalten mit geringem Einkommen aus.
Zweitens steigen die Krankenkassenprämien kontinuierlich an. «Am 1. Januar 2026 kam es zur vierten deutlichen Erhöhung in Folge», erinnert Aline Masé. Benachteiligte Haushalte müssen bis zu 16,4 Prozent ihres Einkommens dafür aufwenden – gegenüber 6,8 Prozent im Falle der Gesamtbevölkerung.
Zu teure oder zu kleine Wohnungen
Der Druck auf dem Wohnungsmarkt ist ebenfalls ein grosses Problem. «Im Jahr 2026 wird er weiter zunehmen», prognostiziert die Caritas-Verantwortliche. Und fügt hinzu:
Als Konsequenz finden ärmere Haushalte und Familien oft nur «zu kleine oder sehr alte Wohnungen, die immer weiter vom Stadtzentrum entfernt sind». Diejenigen, die in zu teuren Wohnungen bleiben, laufen Gefahr, sich zu verschulden, um die Miete zu bezahlen, erklärt Aline Masé. «Wenn ein Betreibungsverfahren eingeleitet wird, ist die Suche nach einer neuen Wohnung ohnehin aussichtslos.»
Ein weiterer sensibler Punkt sind die Löhne. «Während viele Kosten steigen, stagnieren die Niedriglöhne», kritisiert Aline Masé. Sie weist darauf hin, dass die niedrigsten Reallöhne in den letzten Jahren sogar gesunken sind: von 4656 Franken im Jahr 2016 auf 4635 Franken im Jahr 2024.
Von diesem Phänomen sind nicht nur die am stärksten benachteiligten Personen betroffen. Seit 2016 sind nur die sehr hohen Löhne gestiegen, und zwar um durchschnittlich 3762 Franken pro Monat. Die mittleren und hohen Löhne stagnieren hingegen.
«Unzureichende Sozialhilfe»
Angesichts dieser Schwierigkeiten hält Caritas die derzeitigen Lösungen für unzureichend. «Man geht davon aus, dass die Schweiz über ein gut ausgebautes Sozialsystem verfügt. Das stimmt zwar, aber es weist Lücken auf», kommentiert Aline Masé. Sie nennt insbesondere die Pauschale für den Lebensunterhalt im Sozialhilfebereich, die als «zu niedrig» angesehen wird, ebenso wie die Unterstützung für Familien.
«Die Ungleichheiten in der Schweiz nehmen zu, und die Situation der Ärmsten wird immer schwieriger», fasst die Verantwortliche zusammen. Und sie kommt zu folgendem Schluss:
