Schweiz
Wirtschaft

Emmi: Chefin Ricarda Demarmels über Milch-Schwemme und Trumps Zölle

Interview

«Wir haben zu viele Kühe in der Schweiz»: Emmi-Chefin über die Milch-Schwemme

Der Milchverarbeiter ist gleich mit mehreren Hürden konfrontiert. Im Interview sagt Emmi-CEO Ricarda Demarmels, wie sie auf die US-Politik und den aktuellen Milchüberschuss reagiert.
27.02.2026, 19:3727.02.2026, 19:37
Benjamin Weinmann

In der Schweiz herrscht derzeit eine Milchschwemme. Wie viel günstiger wird also die Milch im Supermarktregal?
Ricarda Demarmels: Der Preisentscheid liegt letztlich beim Detailhändler. Wir geben die tieferen Preise gemäss den Branchen-Richtpreisen weiter. In diesem Jahr haben wir bisher 10 Prozent mehr Milch verarbeitet als im Vorjahr. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass die Grundfutterqualität sehr gut war, was die Milchproduktion erhöht.

Emmi-Chefin Ricarda Demarmels blickt auf ein gutes Geschäftsjahr zurück - ist aber auch mit Baustellen konfrontiert.
Emmi-Chefin Ricarda Demarmels blickt auf ein gutes Geschäftsjahr zurück - ist aber auch mit Baustellen konfrontiert.Bild: Keystone

Wie reagieren Sie?
Unsere Produktionsstätten laufen auf Hochtouren, auch an Wochenenden, insbesondere bei der Herstellung von Milchpulver. Dabei stossen wir an Kapazitätsgrenzen. Die Branche arbeitet jedoch sehr gut zusammen, um diese zusätzlichen Mengen so gut wie möglich zu verarbeiten, sodass keine überschüssige Milch entsorgt werden muss. Wichtig ist deshalb, dass sich alle Marktakteure an die Stabilisierungsmassnahmen der Branche halten.

Nun wurde jedoch bekannt, dass der US-Toblerone-Hersteller Mondelez Milchpulver importiert. Wie sehr ärgert Sie das?
Die derzeitige Milchschwemme ist ein temporäres Phänomen, und zwar ein globales, nicht nur in der Schweiz.

Trotzdem: Das muss Sie doch ärgern.
Ich nehme dies zur Kenntnis. Mich bringt generell nur wenig aus der Ruhe. Zudem gehen wir wie gesagt davon aus, dass der aktuelle Milchüberschuss vorübergehend ist. Die Industrie rechnet in Zukunft sogar damit, dass die Nachfrage nach Milchprodukten international stärker als das Angebot wachsen wird. Nährstoff- und proteinreiche Produkte sind ein Megatrend.

10 Prozent mehr Milch bei rund einer halben Million Milchkühen in der Schweiz würde im Umkehrschluss heissen: Wir haben 50'000 Kühe zu viel.
Aktuell ist das Milchaufkommen in der Schweiz höher als üblich, auch, weil wir zu viele Kühe in der Schweiz haben. Eine Zahl kann ich nicht nennen, auch weil es wie gesagt eine temporäre Situation ist. Fakt ist, dass zuletzt mehr Kühe der Schlachtung zugeführt wurden.

Sie haben den Umsatz auch dank des Protein-Hypes steigern können. Ist der Zenit erreicht?
Das ist kein Hype, sondern eine strukturelle Entwicklung. Dahinter steckt ein physiologisches Bedürfnis nach mehr Proteinen. Das hat auch mit der alternden Gesellschaft zu tun. In der Schweiz haben über 50 Prozent der über 65-Jährigen ein Eiweiss-Defizit. Zudem wird deutlich mehr Krafttraining betrieben, über alle Altersklassen hinweg. Und Proteine helfen für die Sättigung und den Muskelerhalt.

Und beim Abnehmen mit Hilfe von GLP1-Spritzen steigt der Protein-Bedarf ebenfalls.
Genau. Die GLP1-Nutzung erfordert eine nährstoff- und proteinreichere Ernährung.

Dennoch wirkt es wie ein Hype. Gefühlt steht fast überall Protein auf den Verpackungen drauf. Wann folgt das Protein-Fondue?
Das haben wir noch nicht in der Pipeline (lacht). Ich glaube, dass man künftig weniger über die reine Menge Proteine sprechen wird, sondern über die Qualität der Proteine. Denn nicht jedes Protein ist gleichwertig. Milch hat alle 9 essenziellen Aminosäuren, die vom Körper gut aufgenommen werden können.

Vergangenen Frühling sind Sie ins Wasser-Geschäft eingestiegen mit Protein-Wasser. Wie läuft das?
Gut. Wir haben die Rezeptur hinsichtlich der Textur überarbeitet, sodass das Protein im Geschmack weniger wahrnehmbar ist. Wir arbeiten auch daran, das Produkt in Sport- und Fitnesszentren zu platzieren. Denn es geeignet sich besonders für den Konsum nach einem Padel- oder Fussballmatch, nachdem die Muskeln beansprucht wurden.

Sie möchten das Geschäft mit diesen so genannten funktionalen Lebensmitteln weiter ausbauen und haben dafür das Geschäftsfeld «Nutrition+» gegründet. Was ist da noch denkbar?
Mit dieser Plattform fokussieren wir auf unsere Produkte mit Zusatznutzen. Das sind bestehende wie Aktifit, Energy Milk oder die Trink-Mahlzeit I’m Your Meal, aber auch neue wie die Kefir-Linie. Demnächst lancieren wir zum Beispiel eine kleinere Flasche der Trinkmahlzeit, weil der Bedarf für eine rasche, komplette Verpflegung unterwegs weiter steigt und man nicht immer Zeit für einen langen Zmorgä hat.

Mehr Energie, mehr Proteine, mehr Nährstoffe: Emmi will künftig noch stärker auf Produkte mit Zusatznutzen setzen.
Mehr Energie, mehr Proteine, mehr Nährstoffe: Emmi will künftig noch stärker auf Produkte mit Zusatznutzen setzen.Bild: Keystone

Es gibt Lebensmittelhersteller, die mit Mini-Portionen auch auf das raschere Sättigungsgefühl von GLP1-Patienten reagieren. Ist das auch ein Hintergedanke bei der neuen Mini-Flasche von I’m Your Meal?
Klar, auch für sie ist diese kleinere Portion gedacht. Zudem beliefern wir mit diesen Trinkmahlzeiten inzwischen auch sehr viele Altersheime und Spitäler. Gerade im Alter konsumieren wie gesagt nicht alle Menschen genügend Proteine.

Ihr Traum: Mahlzeiten werden künftig nur noch getrunken!
Natürlich nicht, hier geht es um Convenience. Das ersetzt keine gesunde, ausgewogene Ernährung. Es ist gedacht für Zwischendurch, wenn man es pressant hat.

Sie sprechen viel vom Protein-Boom, aber von den veganen Milchalternativen hört man nicht mehr viel…
Hypes werden kurzfristig meist überschätzt und langfristig unterschätzt. Inzwischen beobachten wir bei der pflanzlichen Milch eine Konsolidierung im Markt.

Sie erzielen inzwischen 61 Prozent des Umsatzes im Ausland. Das Wachstum im vergangenen Jahr kam dort insbesondere dank Mexiko, Chile und Brasilien zustande. Wo hapert es hingegen?
Es läuft uns insgesamt sehr gut, wie das organische Wachstum von 4,3 Prozent über die ganze Gruppe hinweg zeigt. Aber natürlich sind wir in den USA nicht auf dem Wachstumspfad, den wir uns wünschen würden. Hier belasten die US-Zölle die Verkäufe von Schweizer Käsespezialitäten.

Ihr Gewinn auf Stufe Ebit wurde durch die Trump-Zölle um 6 Millionen Franken geschmälert. Fordern Sie nun, nach dem US-Supreme-Court-Entscheid, Ihre Einbussen zurück?
Das ist noch nicht entschieden. Wir verfolgen die Entwicklung dieses Themas natürlich eng.

Wie schwierig wird es sein, diese vergraulten US-Kundinnen und Kunden zurückzugewinnen?
Da bin ich zuversichtlich. Denn die Verkäufe gingen nicht so stark zurück wie wir die Preise erhöhen mussten. Das zeigt: Die US-Amerikaner schätzen Schweizer Käse nach wie vor.

Caffè Latte konnte sich trotz jahrelanger Bemühungen von Emmi nicht in den USA durchsetzen.
Caffè Latte konnte sich trotz jahrelanger Bemühungen von Emmi nicht in den USA durchsetzen.Bild: Keystone

Den Versuch, Caffè Latte in den USA zu etablieren, musste Emmi vor einigen Jahren abbrechen. Kalter Kaffee ist aber ein grosser Trend. Nun setzen Sie auf das Joint Venture mit der kalifornischen Marke Equator Coffees. Mit welchem Erfolg?
Inzwischen gibt es die Kaffee-Flaschen nicht nur in Kalifornien, sondern auch in anderen US-Staaten. Zudem haben wir grössere Flaschen lanciert für den Konsum zu Hause, so wie wir es in der Schweiz mit den grösseren Caffè-Latte-Flaschen ebenfalls anbieten.

Im vergangenen Jahr belasteten die negativen Währungseffekte Ihren Gewinn mit 19 Millionen Franken. Wie schwer wiegt der starke Franken 2026?
Da hilft uns unsere dezentrale Organisation: 90 Prozent unserer Produkte werden lokal hergestellt. Aus der Schweiz exportieren wir 7 Prozent des Gesamtumsatzes. Gleichzeitig haben wir Einkäufe in Fremdwährungen. Unter dem Strich sind rund 3 Prozent unseres Umsatzes diesen Währungsschwankungen ausgesetzt.

Ricarda Demarmels ist seit 2023 Chefin von Emmi. Das Bild zeigt sie im Jahr 2020 bei der Jahres-Bilanzmedienkonferenz von Emmi. Sie war drei Jahre lang CFO und Geschäftsleitungsmitglied.
Ricarda Demarmels ist seit 2023 Chefin von Emmi. Das Bild zeigt sie im Jahr 2020 bei der Jahres-Bilanzmedienkonferenz von Emmi. Sie war drei Jahre lang CFO und Geschäftsleitungsmitglied.Bild: Keystone

Im Schweizer Detailhandel gibt die Migros mit ihrer Tiefpreis-Strategie Gas, und Coop zieht nach. Bei beiden Supermärkten sind immer wieder leere Regale zu beobachten. Waren Sie auch von Rauswürfen betroffen?
Wir spüren den Preisdruck. Gleichzeitig beobachten wir eine Polarisierung des Konsums. Ja, es gibt Kunden, die Preiseinstiegslinien einkaufen. Aber es gibt auch die, die hochwertige Produkte mit Zusatznutzen möchten. Wir bieten beides.

Zurück zur Frage: Wurden Emmi-Produkte zeitweise ausgelistet aufgrund von Preisverhandlungen?
Das möchte ich nicht kommentieren.

Sie haben vorletztes Jahr die französische Firma Mademoiselle Desserts gekauft, mit der Sie ins Backwaren-Geschäft vorgestossen sind, mit Lava Cakes oder Mini-Beignets. Wie profitiert Emmi bisher davon?
Das Dessert-Business ist ein strategisches Geschäftsfeld, das wir seit über 10 Jahren aufgebaut haben. Mit Mademoiselle Desserts hat es deutlich an Schubkraft gewonnen.

Sind weitere Übernahmen denkbar?
Priorität hat für uns derzeit die Integration des Dessert-Geschäfts und das organische Wachstum mit unserem eigenen Portfolio. Deshalb rechne ich mit weniger Übernahmen in den kommenden Jahren.

Welche Innovationen sind 2026 geplant?
Wir lancieren einen Emmi Matcha Latte. Denn diese Barista-Kreation gehört inzwischen zu den Top-3-Getränken in Cafés weltweit. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es den Nerv der Zeit treffen wird. (aargauerzeitung.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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kusel
27.02.2026 19:40registriert Januar 2015
Das kommt von den unendlichen Subventionen. Weniger Subventionen für die Bauern und viele Dinge wären gelöst.
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