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Zölle Schweiz: Wirtschaft befürchtet Abbau von Zehntausenden von Stellen

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Die Schweizer Maschinenindustrie kommt durch die US-Zölle massiv unter Druck (Symbolbild).Bild: KEYSTONE

Wirtschaft zum Zoll-Schock: «Befürchten Abbau von mehreren Zehntausend Stellen»

Die USA haben die Schweiz mit einem Zollsatz von 39 Prozent auf Importe belegt. Der Vizedirektor der Schweizer Tech-Industrie zeigt sich fassungslos.
01.08.2025, 13:1301.08.2025, 16:19

Donald Trump hat der Schweiz den Nationalfeiertag ganz schön verhagelt. Neben Böllern, Knallfröschen und Vulkanen steigt am heutigen 1. August vor allem etwas in die Höhe: die Importzölle, mit denen die USA die Schweiz belegen.

39 Prozent betragen diese. Nur vier anderen Ländern hat Donald Trump höhere Zölle aufgebrummt. In Europa ist die Schweiz sogar das Land, das die höchsten Zölle akzeptieren muss.

Vertreter von wichtigen Branchenverbänden äussern sich gegenüber watson:

Swissmem

In der Schweizer Tech-Branche sind rund 329’000 Menschen beschäftigt. Dazu gehören Bereiche wie Automobilzulieferer, Präzisionswerkzeuge oder Textilmaschinen. Swissmem hat im ersten Quartal des laufenden Jahres 14,7 Prozent seiner Güter in die USA exportiert. Das entsprach noch einer Zunahme von 5,3 Prozent im Vergleich zur gleichen Periode im Jahr 2024.

Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor vom Tech-Industrieverband Swissmem, spricht von einem «Zollschock» und sagt:

«Wir sind fassungslos. Mittelfristig wird mit diesen Zöllen ein erheblicher Teil des US-Geschäfts einfach wegbrechen.»
Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor Swissmem

Kohl zeigt sich konsterniert darüber, dass die Zölle nun noch höher ausfallen als im April angekündigt. Damals kündigten die USA einen Zollsatz von 31 Prozent an.

Jean-Philippe Kohl, Leiter Wirtschaftspolitik Swissmem, aeussert sich zu den Auswirkungen der Frankenstaerke fuer die Schweizer Metallindustrie am Dienstag, 15. November 2011, in Bern. (KEYSTONE/Lukas ...
Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor von Swissmem, ist konsterniert über die US-Zölle.Bild: KEYSTONE

Nun fallen die Zölle mit 39 Prozent noch höher aus. Vor allem aber sind sie viel höher als für die beiden Hauptkonkurrenten der Schweizer Maschinenindustrie, die EU und Japan. «Beide haben nur einen Zollsatz von 15 Prozent. Und die können auch gute Maschinen herstellen», sagt Kohl.

Damit nicht genug. Erschwerend kommt für Swissmem dazu, dass sich der Schweizer Franken im Vergleich zum US-Dollar immer weiter aufwertet. Kohl spricht von einem doppelten Standortnachteil und sagt:

«Sollte es bei diesem Zollsatz von 39 Prozent bleiben, befürchten wir in unserer Branche einen Abbau von mehreren Zehntausend Stellen.»
Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor Swissmem

Für Kohl und den Branchenverband Swissmem ist deshalb klar: Der Zollhammer muss ein Weckruf sein, nicht nur für die Politik, sondern für die ganze Gesellschaft.

Kohl skizziert drei Punkte, in denen die Schweiz nun aktiv werden müsse. Erstens: «Wir brauchen neue Freihandelsabkommen. Diese sind die Vorbedingung, damit es unseren Firmen leichter fällt, in neue Märkte hineinzugehen.»

In der Schweiz unterstehen Freihandelsabkommen jeweils dem fakultativen Referendum. Zum Beispiel haben die Grünen und NGO wie Public Eye angekündigt, dieses zu ergreifen, sollte ein Freihandelsabkommen mit China zustande kommen. Darum bemüht sich Aussenminister Ignazio Cassis seit Längerem. Kritikerinnen und Kritiker vor allem von linker Seite werfen ihm vor, dabei wirtschaftliche Interessen vor die Menschenrechte zu setzen, die China nicht einhalte.

Der Vizedirektor von Swissmem, Jean-Philippe Kohl, sagt dazu: «Freihandelsabkommen mit Referenden anzugreifen, geht in der heutigen Zeit einfach nicht mehr, zu viel steht für unseren Wohlstand auf dem Spiel.»

Zweitens würden nun die Beziehungen zur EU noch wichtiger, sagt Kohl. Ein EU-Beitritt stehe zwar nach wie vor nicht zur Debatte, aber: «Der Abschluss der Bilateralen III, die ein gutes Verhältnis zu Europa sichern sollen, muss rasch vorwärtsgetrieben werden.»

Drittens ist für Swissmem entscheidend, dass die Schweizer Tech-Industrie nicht noch zusätzlich von der Schweizer Politik unter Druck gesetzt wird. Alles, was mit mehr Regulierungen und Bürokratie, mit der Erhöhung von Lohn- und Nebenkosten einhergehe, sei gerade Gift für die Branche, erklärt Kohl.

Kriegsmaterial-Export wieder ermöglichen

Als Beispiele für Regulierungen, die seine Branche gerade nicht gebrauchen könne, nennt Kohl das CO₂-Grenzausgleichssystem, das Güter wie Zement, Eisen und Stahl beim Import in die Schweiz mit einer CO₂-Abgabe belegen will. Und: «Für unsere Branche ist es wichtig, dass das Kriegsmaterialgesetz so geändert wird, dass Exporte wieder möglich werden.»

Eine Hintertüre hat die US-Regierung noch offengehalten. Bis zum 7. August soll es möglich sein nachzuverhandeln. Eine Woche hat die Schweiz also noch Zeit, um für ihre Unternehmen bessere Bedingungen auszumachen. Jean-Philippe Kohl sagt: «Es geht jetzt einfach darum, in der verbleibenden Zeit das Maximum herauszuholen. Dann können wir das Ergebnis bewerten. Wir sind in der Vergangenheit vielleicht etwas zu fest vom Prinzip Hoffnung geleitet gewesen.»

Scienceindustries

Auch bei Scienceindustries, dem Dachverband der Chemie- und Pharmabranche, ist die Betroffenheit gross. Direktor Stephan Mummenthaler sagt:

«Wir haben uns zwar darauf eingestellt, dass es Zölle geben wird. Aber dass sie im Vergleich zu den 31 Prozent im April, die wir schon als Hammer empfunden haben, sogar noch ansteigen, das ist schon schockierend.»
Stephan Mumenthaler, Direktor Scienceindustries

Die Pharma- und Chemiebranche hat im Jahr 2024 Produkte im Wert von über 33,5 Milliarden Franken in die USA exportiert. Damit waren die USA das wichtigste Absatzland für die Branche. Scienceindustries gehören grosse Konzerne wie Novartis, Roche und Nestlé an, aber auch viele kleinere Unternehmen.

Die Ausgangslage in der Pharma- und Chemiebranche sei für die einzelnen Firmen sehr unterschiedlich, erklärt Mumenthaler. So sei aktuell die Pharmabranche noch ausgenommen von den Zöllen. «Aber auch da werden Zölle kommen, da müssen wir uns nichts vormachen.»

Genau wie die Techindustrie weist auch Scienceindustries darauf hin, dass die Schweiz jetzt im doppelten Nachteil sei. Denn die EU und auch die Konkurrenz aus Asien wie zum Beispiel Japan werden von den USA deutlich günstiger besteuert. «Jetzt sind wir nicht nur US-amerikanischen Produzenten gegenüber im Nachteil, sondern auch solchen aus anderen Ländern», so Mumenthaler.

Noch hofft die Pharma- und Chemiebranche, dass die Schweiz doch noch eine vorteilhaftere Übereinkunft mit den USA findet. Und im Inland müsse man die Unternehmen entlasten, sagt Mumenthaler: «Da ist auch das Parlament gefragt, das laufend neue Regulierungen verabschiedet, die zur Belastung für die Wirtschaft werden. Das verträgt es aktuell überhaupt nicht.»

Economiesuisse

Aus Sicht des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse sind die Zölle von 39 Prozent eine sehr ernsthafte Bedrohung für Schweizer Exportunternehmen. Der Bundesrat sei gefordert, rasch eine Reduktion der Zölle anzustreben.

Die Regierung müsse eine vorteilhafte Lösung des Zollstreits mit den USA finden, forderte der Dachverband in einer Mitteilung vom Freitagmorgen. Ausserdem sei es unerlässlich und dringend, die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu stärken.

Der genannte Zoll sei nicht gerechtfertigt, führte Economiesuisse weiter aus. Die Schweiz behindere den Import von US-Produkten weder mit Zöllen noch mit anderen Importbarrieren. Sie sei der sechstwichtigste ausländische Investor in den USA. Schweizer Firmen seien für rund 400'000 Arbeitsplätze verantwortlich.

Swissmechanic

Swissmechanic hat die Landesregierung nach Bekanntgabe des neuen US-Zollsatzes von 39 Prozent zum entschlossenen Handeln aufgerufen. Der Verband warnte vor den langfristigen Folgen für kleine und mittlere Unternehmen der Schweizer Industrie.

Der Entscheid der USA stelle einen Bruch mit den Prinzipien des fairen Handelns dar, schrieb Swissmechanic in einer Medienmitteilung am Freitag. Das sei für die Schweizer Industrie und die langfristige Zusammenarbeit mit den USA gefährlich.

(mit Material von sda)

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252 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Gina3
01.08.2025 13:32registriert September 2023
Waren es nicht dieselben Kreise, die sagten: "Trump ist eine gute Chance für die Schweiz" "Trump ist auf jeden Fall Harris vorzuziehen".
“Wir tendieren zu Trump".
Genau: wir tendieren so sehr zu ihm, dass wir direkt ins Auge des Sturms fallen.
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Nordkantonler
01.08.2025 13:29registriert September 2020
Der Witz an der Sache: den SVP-Grossunternehmern kann der 39%-Zoll eigentlich egal sein, die Spulers und Martullos haben alle Niederlassungen in der ach so verhassten EU und liefern mit den dort vereinbarten 15%.

Rösti muss also keine Angst vor seinen Parteikollegen und -finanzierern haben.
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Massalia
01.08.2025 14:24registriert Juni 2021
Die Bürgerlichen, die mit der Industrie verbandelt sind, wollten doch Donnie, den Mann der Wirtschaft. Jetzt haben sie Donnie und nun fordern sie Kurzarbeit, Lohnabbau und Steuererleichterungen.

Geht's eigentlich noch?
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