Schweiz
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epa04036677 A handout photograph provided by the Italian Navy shows a boat with 200 migrants, off the coast of Lampedusa, Italy, 22 January 2014. The Italian navy said on 22 January it has sent a frigate and helicopter to rescue some 200 migrants onboard a boat in the central Mediterranean. The vessel was seen around 90 nautical miles (170 kilometres) south of the island of Lampedusa, Italy's southern outpost which is roughly halfway between Sicily and Tunisia.  EPA/ITALIAN NAVY / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Al Imfeld würde die Bootsfahrt über das Mittelmeer ebenfalls wagen. Bild: EPA

Afrika-Kenner Al Imfeld zum Flüchtlingsdrama: «Eine Lösung ist keineswegs so einfach, wie Roger Köppel sie vorschlägt»

Endlich Einigkeit in der EU, neue Schengen-Abkommen, stärkere Aufnahme – das seien Massnahmen, die helfen, das Flüchtlingselend wirklich zu lindern. Das sagt Al Imfeld (80), Journalist und Schriftsteller. Er zählt hierzulande zu den besten Afrika-Kennern.

21.04.15, 10:17 21.04.15, 17:14

Max Dohner / aargauer zeitung



Ein Artikel der

Herr Imfeld, Sie kennen jedes Land in Afrika. Wären Sie 20 und Afrikaner, egal aus welchem Land: Würden Sie aufbrechen und ein anderes Leben suchen in Europa?
Al Imfeld: Sicher. Gehen wir doch in die Geschichte zurück. Ich stamme aus der Innerschweiz. Wie viele Jahre lang überlegten es sich die Leute da, auszuwandern für ein besseres Leben – nach Kanada, in die USA

Also gehört es für Sie zum Plausibelsten, wenn man aufbricht?
Mehr noch, ich finde es sogar notwendig, dass man aus- und aufbricht. Vor allem, wenn man jung ist.​

Nun sind die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen keine Sache von Einzelnen, sondern eine Bewegung der Massen. Europa steht vor der Frage: Auf Wohlstand verzichten oder abschotten? Stehen wir tatsächlich vor diesem Dilemma?
Nein. Wir sollten vor einem anderen Dilemma stehen: Wie können wir einen Kuchen besser verteilen? So, dass andere mindestens daran teilnehmen. Solche Überlegungen müssten wir uns machen, ohne dabei in den nationalökonomischen Strukturen des vorigen Jahrhunderts zu verharren.

Wie setzt man das um? Gerade sagte der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier in Luxemburg: «Antworten liegen nicht einfach auf der Hand.» Aber von Ihnen möchten wir gern Antworten hören, etwas weniger Ratlosigkeit.
Die Sache ist in der Tat komplex – und eine Lösung keineswegs so einfach, wie sie Roger Köppel am Sonntagabend im deutschen Fernsehen vorschlug, im Sinn von: «Übers Mittelmeer kommt kein Flüchtling, Punkt.» Ohne zu sagen, wie man das Meer sperren soll – mit Kanonenbooten?

Roger Koeppel, Chefredakteur des Magazins Weltwoche, bereitet sich auf sein Referat mit dem Thema

Roger Köppel würde das Mittelmeer gerne komplett zumachen, Bild: KEYSTONE

Was halten Sie von der Idee, Asylzentren in stabile nordafrikanische Staaten zu verlegen?
Sie haben eine fast fugendichte Krisenzone, angefangen in Marokko bis nach Ägypten. Das ist eine völlig weltfremde, also dumme Utopie.

«Die EU könnte trotzdem viel bewirken. Aber nur, wenn sie auch als EU eine Aussenpolitik betreibt und sich darauf einigen könnte.»

Die Idee gibt's auch differenzierter: Als Stabilitätszone sozusagen für Flüchtlinge aus ganz Afrika inklusive Bildungsstätten, um die Leute danach neu motiviert zurück in ihre Heimatländer zu schicken.
Auch das ist realitätsfern, aber immerhin eine gute Utopie. Alle Anstrengungen müssen darauf hinauslaufen, die Leute besser auszubilden. Die Idee ist gut, aber woher soll das Geld kommen, heute, wo alle Länder bei sich schon sagen: Sparen, sparen, sparen! Die EU könnte trotzdem viel bewirken. Aber nur, wenn sie auch als EU eine Aussenpolitik betreibt und sich darauf einigen könnte. Solange alle 28 Länder die Zustimmung zu einem Beschluss geben müssen, etwa in der Flüchtlingspolitik, solange ist auch eine EU aussenpolitisch weitgehend handlungsunfähig.

Angenommen, man hätte eine solche Stelle: Wo lägen dann die dringlichsten Massnahmen? Steinmeier nannte folgende drei: Libyen stabilisieren, Kampf gegen Schlepper, Seenotrettung verbessern.
Der letzte Punkt ist der dringlichste. Der Wandel von der Strategie «Mare Nostrum» der Italiener zu «Triton» der EU erwies sich als jene Fatalität, die alle kommen sahen. Abschreckung funktioniert nicht. Abschreckung hat eigentlich noch bei keinem Thema geklappt. Dringlich ist auch, was noch tiefer liegt: Die Angst vor dem Fremden, der Fremdenhass. Diese Angst muss man thematisieren und alles tun, um sie abzubauen. Afrikaner sollten in der Schweiz eine Lehre machen können. Seit dem Schengen-Abkommen ist das unmöglich. Und Afrika hat es verpasst, seit dem Ende des Kolonialismus die Infrastruktur dafür aufzubauen. Auch Europa hat diese Möglichkeit verpasst, im Gegensatz etwa zu den Chinesen heute.

epa04174788 A photograph dated 10 October 2013  and made available 21 April 2014 shows a part of the Addis Ababa Light Rail Transit system in construction in Addis Ababa, Ethiopia. The construction of the railway system, undertaken by the China Railway Engineering Corporation, and which officially began on 31 March 2012, is nearly 60 per cent complete, according to the Ethiopian Railways Corporation, the local media reported. When completed, a 34km railway system will be able to transport 15,000 passengers per hour, according to reports.  EPA/DANIEL GETACHEW

Die neue Bahnlinie durch Addis Abeba: Gebaut von der China Railway Engineering.  Bild: DANIEL GETACHEW/EPA/KEYSTONE

Zwei Generationen ist es her seit dem Ende des Kolonialismus. Sie kennen ganz Afrika. Stellen sich die Afrikaner nicht mitunter die Frage, vielleicht auch selber mitschuldig zu sein an der Misere?
Natürlich fragen sich das Einzelne. Die nach-kolonialen Regierungen taten noch das Gleiche wie die einstigen Kolonialherren, teilweise gar noch schlimmer. Ausserdem hing fast die gesamte Entwicklung ab von Multis. Darum ist der Erfolg der Chinesen in Afrika so überraschend. Die bauen zwar Afrikas Rohstoffe ab, sorgen aber auch für den Wiederaufbau einer funktionierenden Infrastruktur.

Zur Person: 

Al Imfeld ist 80 Jahre alt und wurde 2014 von der Pro Litteris für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. In seinem Leben hat er schon jedes Land auf dem afrikanischen Kontinent bereist. Er zählt hierzulande zu den besten Afrika-Kennern. 
>>> Hier geht es zu Imfelds Homepage

Ist das keine verkappte Form von Kolonialismus?
Natürlich ist es das! Aber Afrikaner sind nie unabhängig von der Technologie, um ihre Rohstoffe abzubauen. Sobald jemand von aussen kommt und auch etwas bietet dafür, greifen Afrikaner zu. Im Übrigen denken die Leute, sie seien mit dem europäischen Kolonialismus fertig geworden, dann könnten sie irgendwann auch den chinesischen überwinden. 

Hat hier Europa etwas verpasst?
Eine Änderung der Entwicklungshilfe wäre dringlich. Weg von der Projektli-Politik, hin zu einer grosszügigeren Hilfe bei der Infrastruktur.

Zurück zu den kurzfristigen Massnahmen, wie sie Steinmeier vorschlug: Libyen, Schlepper, Seenotrettung. Was halten Sie davon?
Libyen ist dermassen instabil – da wird kurzfristig nichts besser. Ein imperialer Player, der die ganze nordafrikanische Küste erobert und stabilisiert, ist auch nicht denkbar. Komplizierter dürfte auch der Kampf gegen Schlepper werden. «Schlepper» ist ein Klischee geworden. Es gibt eine Vielzahl von ganz verschiedenen Leuten bei dieser Vermittlung von Flüchtlingen, so würde ich es einmal nennen.

Illegal migrants sit in a coastal police base in Tripoli March 13, 2015. Police captured 96 illegal migrants in a boat as they tried to cross the Mediterranean to Italy. Italy wants Egypt and Tunisia to play a role in rescuing stricken migrant vessels in the Mediterranean, a government planning paper showed, so that survivors could be taken back to African instead of European ports. Last April Italy rescued 4,000 migrants from boats trying to reach European shores in only 48 hours in a deepening immigration crisis that is being made worse by the turmoil in Libya, which has grappled with chaos and rampant militias since the ousting of Muammar Gaddafi in 2011. Picture taken March 13, 2015. REUTERS/Goran Tomasevic

Die Situation in den libyschen Gefängnissen ist untragbar.  Bild: GORAN TOMASEVIC/REUTERS

Was schlagen Sie ausserdem vor?
Eine stärkere Aufnahme. Aufnahmezahlen, die den Ländern vorgeschrieben werden, nicht wie Schengen jetzt, wo Ankunftsländer wie Italien die Hauptlast tragen. Über zehn Millionen Leute sind gegenwärtig auf der Flucht. Wir müssen etwas machen! Die europäischen Staaten müssen einfach mehr Leute aufnehmen. Aber es versagen auch andere Kräfte ...

«In vielen leeren Kirchen und Klöstern wäre noch viel Platz frei, um Flüchtlinge aufzunehmen.»

Zum Beispiel? 
Die Kirchen. Am Sonntag Nächstenliebe predigen – wer um Gottes willen ist jetzt, in diesem Moment, der Nächste? In vielen leeren Kirchen und Klöstern wäre noch viel Platz frei, um Flüchtlinge aufzunehmen. Dann die Gewerkschaften: Immer für die Arbeitsplatz-Erhaltung. Das läuft linear auf Abschottung hinaus. Und schliesslich die Massenmedien: Da wäre eine Differenzierung nötig – das Beispiel «Schlepper» habe ich genannt.

Rund die Hälfte der Flüchtlinge in den letzten Wochen stammt aus Kriegsgebieten. Die andere aus afrikanischen Staaten, von denen man von guter Entwicklung liest. 
Zunächst zu den Begriffen «Kriegsgebiet» und «Verfolgung»: Auch hier wären neue erweiterte Definitionen nötig. Da würde es vielleicht auch möglich, grosse Mittel aus den nationalen Verteidigungsbudgets für die Flüchtlingshilfe abzuzweigen. Ein Riesenfehler war es gewesen, die Möglichkeit abzuschaffen, Asylanträge bereits in den Botschaften zu behandeln. 

Sie verbrachten mehr als Ihr halbes Leben in Afrika. Hand aufs Herz: Sind Sie vom Kontinent nicht enttäuscht?
Enttäuscht und bestätigt zugleich darin, was sich immer schon zeigte auf dem Kontinent. Herrgott noch mal, die Lage ist von Land zu Land, von Region zu Region, von Stamm zu Stamm verschieden! Auch hier müssten differenziertere Bilder gezeichnet werden. Aber alle Zeitungsredaktionen bauen ihre Korrespondenten ab in Afrika. Am Ende wissen wir alle zu wenig.

Flüchtlingsdrama vor Rhodos

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    Alle Leser-Kommentare
  • _kokolorix 23.04.2015 16:36
    Highlight Es gibt keine schnelle Lösung weil vor vielen Jahren die Weichen falsch gestellt wurden. Der einzige erfolgversprechende Ansatz ist das Wohlstandsgefälle zu verringern. Entweder geht es uns deutliche schlechter oder es geht den Durchschnittsafrikanern deutlich besser.
    Dazu braucht es bei uns Gesetze welche die rücksichtslose Ausbeutung der afrikanischen Ressourcen verhindern. Es muss verhindert werden, dass hiesige Firmen ihre Gewinne in Steuerparadiese transferieren und es muss bei uns hart (damit meine ich sehr teuer) bestraft werden wenn Korruption im Spiel ist.
    1 1 Melden
  • Wilhelm Dingo 21.04.2015 15:05
    Highlight Warum nicht alle aufnehmen welche in die EU oder die Schweiz wollen? Wenn 20% der Afrikaner nach Europa wollten (es sind sicher mehr, hätten sie die Möglichkeit) sind das bei 1.1 Milliarden Afrikanern ca. 220 Millionen. Menschen. Hat Herr Imfeld mal ein wenig gerechnet? Mein Rezept: Grenzen zu, Asylantrag nur noch in der ausländischen Botschaft und die geschätzten 7 Milliarden Asylkosten in der Schweiz vor Ort einsetzen. Da würde sich was verbessern!
    8 15 Melden
    • Wilhelm Dingo 22.04.2015 07:16
      Highlight Zuerst lesen, dann schreiben: "Mein Rezept: Grenzen zu, Asylantrag nur noch in der ausländischen Botschaft und die geschätzten 7 Milliarden Asylkosten in der Schweiz vor Ort einsetzen"
      2 5 Melden
    • pun 22.04.2015 10:56
      Highlight Sätze die mit "Grenze zu..." beginnen sind ähnlich scheisse wie Sätze die mit "Ich bin ja kein Rassist, aber..." beginnen.
      6 7 Melden
    • Wilhelm Dingo 22.04.2015 12:29
      Highlight Argumente wären hier hilfreicher als plakative Fäkalaussagen.
      4 1 Melden
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