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«Wer Fleisch isst, sollte auch bereit sein, ein Tier dafür zu töten und zu zerlegen», sagt Klimaaktivist Jann Kessler. (Symbolbild) bild: Shutterstock

Schulreisli zum Schlachthof? Wie Aktivisten der «Fleischpropaganda» an den Kragen wollen

Für Milch sterben Kälber. Und für Plätzli leidet das Klima. Deshalb fordern nun Tier- und Klimaaktivisten Subventionen für Vegi-Produkte und Schulbesuche auf Schlachthöfen.



Immer mehr Schweizer essen weniger Fleisch. Meistens, weil ihnen die Tiere leidtun, oft wegen den negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Und spätestens mit den Klimastreiks der letzten Monate hat sich gezeigt: Es wächst einen neue, sehr umweltbewusste Generation heran.

Es habe sich in letzter Zeit viel getan, jetzt brauche es offene Ohren der Politik, sagen nun Tierrechtler und Klimaaktivisten. Sie fordern Subventionen und aktive Aufklärung über das, was auf unseren Tellern liegt. Aber schön der Reihe nach.

Tierprodukte werden heute aus der Staatskasse subventioniert – und Werbung der Branchenverbände Proviande und Swissmilk aus der Bundeskasse mitfinanziert. Kampagnen wie die heute eingestellte und berühmt-berüchtigte «Schweizer Fleisch. Alles andere ist Beilage» kosten den Steuerzahler rund 6 Millionen Franken pro Jahr.

Ein No-Go für Tierschützer. Und unfair gegenüber Vegi-Produkten, findet Pablo Labhardt von «Animal Rights Switzerland»: «Genauso könnte man Kampagnen für pflanzliche Produkte machen.» Wichtig sei es, die richtigen Anreize zu setzen, damit es im Essverhalten der Bevölkerung eine Veränderung gibt. «Unser Fleischhunger ist nicht in Stein gemesselt.»

«Wer Fleisch isst, sollte grundsätzlich auch bereit sein, ein Tier dafür zu töten und zu zerlegen.»

Jann Kessler, Klima-Aktivist

Auch Jann Kessler, einer der Strippenzieher der Klimastreik-Bewegung in der Schweiz, fordert die Politik auf den Plan. Eine Forderung der Klimajugend hierzulande ist, dass die Schweiz bis 2030 im Inland netto null Treibhausgasemissionen hat. Kessler: «Das ist ohne drastische Reduktion unseres Fleischkonsums gar nicht möglich.»

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Oft nur in kleinen Betrieben möglich: Kalb trinkt Milch aus Fläschchen. bild: Shutterstock

Einen ersten Ansatz, um Herr und Frau Schweizer pflanzliche Produkte schmackhafter zu machen, sieht Kessler bei der Aufklärung: «Die meisten Leute sind sich gar nicht mehr bewusst, dass Ghackets mal ein Rind war. Und man hört Fragen wie: Woher kommt Milch? Aus der Packung?»

Deshalb sei die Schule gefragt – und zwar nicht nur mit entsprechenden Lehrunterlagen. Kessler: «Ich finde, alle Klassen sollten Bauernhöfe und Schlachthöfe besuchen – und gegebenenfalls auch mit anpacken. Denn wer Fleisch isst, sollte grundsätzlich auch bereit sein, ein Tier dafür zu töten und zu zerlegen.» Gleichzeitig müsse die Gesellschaft aufhören, Tiere mit Soja-Kraftfutter aus brasilianischen Regenwäldern zu füttern.

Das lernen Jugendliche in der Schule über das Thema

Im Fachbereich «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» des Lehrplans 21 sollen Schweizer Schüler unter anderem die Folgen ihres eigenen Konsumverhaltens erlernen. Der Lehrplan macht aber keine konkrete Vorgaben, ob und wie die Hintergründe des Fleisch- und Milchkonsums behandelt werden sollen. Solche thematischen Vorgaben machen entweder die verwendeten Lehrmittel oder die Lehrpersonen selber. Inwiefern dies heute im Klassenzimmer thematisiert wird, hängt somit oft von der Lehrperson ab.

Junge Grüne erarbeiten Vorstösse

Das Thema werde Stand heute von der Politik vernachlässigt – trotz Klimawelle und zunehmendem Interesse der Bevölkerung, bemängelt Labhardt von «Animal Rights Switzerland». «Bisher musste man den Parteien das Thema Tierschutz meistens aufzwingen.» Die Tierschutzinitiativen in den letzten Jahren seien zum grössten Teil vom gemeinnützigen Tierschutz oder von politischen Einzelkämpfern gekommen. Wie etwa die Massentierhaltungsinitiative von Sentience Politics und die Hornkuhinitiative von Armin Capaul.

Diesen Vorwurf lässt Luzian Franzini, Co-Präsident der Jungen Grünen, nicht gelten. Eine Arbeitsgruppe seiner Partei bereite momentan einen Massnahmenkatalog mit diversen Vorstössen vor, auf nationaler Ebene mit der Grünen Fraktion im Parlament.

«Es ist paradox, wenn die Schweiz einerseits die internationalen Klimaziele erreichen will, andererseits Imagekampagnen für umweltschädliche Ernährung mitfinanziert.»

Luzian Franzini, Präsident der Junge Grünen

Die Massnahmen sollen in die gleiche Richtung gehen, wie «Animal Rights» fordert. Franzini befürwortet auch entsprechende Subventionen: «Es braucht eine Transformation hin zu mehr pflanzlicher Ernährung und dementsprechend die richtigen Anreize für die Landwirte und Konsumenten.»

Weiter möchten die Jungen Grünen unter anderem, dass die «Propaganda-Gelder» für den Milch- und Fleischkonsum in eine wissenschaftlich fundierte Kampagne über lokale und nachhaltige Ernährung fliessen. Franzini: «Denn es ist paradox, wenn die Schweiz einerseits die internationalen Klimaziele erreichen will, andererseits Imagekampagnen für umweltschädliche Ernährung mitfinanziert.»

Eine Streichung der Bundesgelder für Fleischwerbung war im Parlament indes bereits einmal Thema. 2017 lehnte die Mehrheit des Nationalrats den entsprechenden Vorstoss von SP-Mann Jans Beat aber ab. Kommissionssprecher Leo Müller (CVP) argumentierte damals unter anderem, dass es bei der Fleischwerbung nicht darum gehe, den Fleischkonsum anzuheizen, sondern dass inländisches statt ausländisches Fleisch konsumiert werde.

Mehr zum Thema:

Umfrage Massentierhaltungs-Initiative

Der Verein Sentience Poltics lancierte Ende 2018 die Massentierhaltungs-Initiative. Sie kommt gut an im Volk. Eine Umfrage des Vereins «Tier im Fokus» zeigte, dass drei Viertel der Schweizer im Grundsatz ein Verbot der industriellen Tierhaltung befürworten. Drei von vier Schweizern sagen demnach eher oder bestimmt Ja zur Abschaffung der Massentierhaltung.

Das musst du zum Milchkonsum wissen


Wieso geben Kühe Milch? Eine Umfrage der deutschen Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigte: Mehr als ein Drittel der Deutschen, insgesamt 35,6 Prozent der 1'000 Studienteilnehmer glaubt, dass eine Kuh grundsätzlich immer Milch gibt. 23,4 Prozent haben keine Antwort.

Deshalb hier kurz die Erklärung. Kühe produzieren Milch aus demselben Grund wie der Mensch: als Nahrung für ihre Neugeborenen. Milchkühe werden in ihrem Leben deshalb mehrmals zwangsgeschwängert, damit sie ununterbrochen Milch geben. Ein Bauer oder Tierarzt führt ihnen dazu den Arm in das Rektum ein und spritzt Samen. Es wird empfohlen, dass die Kuh dabei fixiert wird, weil sie sich sonst wehren würde.

Ist das Kalb nach neuen Monaten Schwangerschaft da, wird es auf vielen Betrieben nach ein paar Tagen von der Kuh getrennt, damit es die produzierte Muttermilch nicht wegtrinkt. Die männlichen Kälber werden oft gemästet und landen später im Alter von wenigen Monaten für die Produktion von Kalbfleisch im Schlachthof. Auch aus diesen Gründen entscheiden sich viele Vegetarier schlussendlich dazu, auch auf jegliche Milchprodukte zu verzichten.

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