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Bildung in der Schweiz: Studierendenzahl nimmt erstmals seit 1995 ab

Students follow Prof. Dr. Christoph Lechner's lecture "Strategic Management" in the lecture hall "Auditorium maximum" at the University of St. Gallen HSG in St. Gallen, Switze ...
Studenten im «Auditorium Maximum» an der HSG in St.Gallen.Bild: KEYSTONE

Studentenzahl nimmt erstmals seit 1995 ab – diese Studiengänge litten zuletzt am meisten

Erstmals seit über 25 Jahren sind die Studierendenzahlen in der Schweiz wieder leicht rückläufig. Die Gründe sind bekannt, eine Bildungskrise ist aber nicht in Sicht. Bei der Beliebtheit der verschiedenen Fachrichtungen gibt es dennoch einen klaren Trend.
03.04.2023, 20:1205.04.2023, 05:43
Philipp Reich
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Lange gab es bei den Studierendenzahlen nur einen Trend: nach oben. Erstmals seit 1995 verzeichnen die Hochschulen in der Schweiz nun aber einen leichten Rückgang – und zwar nicht nur an universitären, sondern auch an Fach- und pädagogischen Hochschulen. Im Wintersemester 2022/23 waren 274'916 Studentinnen und Studenten an den hiesigen Hochschulen eingeschrieben, ein Jahr zuvor waren es noch 276'607. Das entspricht einem Rückgang von 0,6 Prozent.

Viel deutlicher ist die Abnahme allerdings bei den Neuimmatrikulierten: Im Herbst 2020/21 meldeten sich noch 47'339 Personen für ein Studium an, zwei Jahre später waren es nur noch 42'865. 9,5 Prozent beträgt hier der Rückgang.

Zum einen ist die sinkende Geburtenrate dafür verantwortlich: Zu Beginn des neuen Jahrtausends sank die Geburtenzahl in der Schweiz auf ein Zwischentief. Genau diese Jahrgänge befinden sich nun ungefähr im Alter des durchschnittlichen Studieneintritts. 2019/20 betrug dies an universitären Hochschulen 20,6 Jahre, an Fachhochschulen 23,0 Jahre.

Zum anderen wirkt auch die Corona-Pandemie noch nach. Viele junge Menschen seien wegen der unklaren wirtschaftlichen Entwicklung verunsichert, glauben Experten. Das halte derzeit einige vom Studieren ab.

Geistes- und Sozialwissenschaften auf Tauchstation

Nicht alle Studiengänge sind vom leichten Studierenden-Rückgang gleich betroffen. Technische Fachrichtungen wie beispielsweise Informatik, Medizin, Pharmazie und Maschineningenieurwesen boomen nach wie vor und verzeichnen teils eine deutliche Zunahme der Studierendenzahl. Informatik studieren an universitären Hochschulen schweizweit beispielsweise 673 Personen mehr als noch im Vorjahr.

Weniger Anklang finden bei hohen Studierendenzahlen dagegen klassische Studiengänge wie Betriebswirtschaft und Recht. Der prozentuale Rückgang beträgt in beiden Fachrichtungen allerdings nur knapp über ein Prozent. Anders sieht es bei den Sozial- und Geisteswissenschaften aus: Dort beträgt der Studierendenschwund innert eines Jahres teils bis zu 10 Prozent.

Im langjährigen Studierenden-Vergleich zeigt sich der Niedergang der Geistes- und Sozialwissenschaften noch deutlicher. Die Fachrichtung «Allgemeine Geschichte» beispielsweise verlor in den letzten 20 Jahren 1577 oder fast 40 Prozent ihrer Studentinnen und Studenten. Daneben sind vor allem die Sprachstudiengänge und die Lehrkräfteausbildung deutlich weniger beliebt als noch vor 20 Jahren.

Studieren, was schnell viel Geld bringt

Grund dafür ist ein gesellschaftlicher Wandel, wie Linguistin Angelika Linke, die vor drei Jahren als Professorin in Zürich emeritiert wurde, der NZZ im Dezember erzählte: «Die Selbstausbildung zu einem intellektuellen Mitmenschen ist nicht mehr so attraktiv – wohl aber Studiengänge, die ökonomisch direkt verwertbares Wissen versprechen.»

Thomas Grob, Vizerektor der Universität Basel, stimmte zu: «Es lässt sich eine gesamtgesellschaftliche Abwertung der Geisteswissenschaften und eine Aufwertung von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm. d. Red.), feststellen», sagte er gegenüber der NZZ.

So verwundert es nicht, dass an den Schweizer Hochschulen derzeit vor allem diejenigen Fachrichtungen hoch im Kurs stehen, die gute und gut bezahlte Berufsaussichten garantieren: Recht, Humanmedizin, Betriebswirtschaftslehre oder Informatik.

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190 Kommentare
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Kronrod
03.04.2023 21:03registriert März 2015
Als MINT-Absolvent finde ich es unerträglich, wenn mir Gier als Motiv für die Wahl meines Studienfachs unterstellt und jede Intellektualität abgesprochen wird. Es gibt keinen Grund, weshalb das Studium einer Sprache weniger intellektuell sein soll als Mathematik oder weshalb Ethnologie weniger intellektuell sein soll als Logik.
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1 Stein
03.04.2023 21:06registriert November 2021
Macht noch mehr Akademiker-Bashing, und gleichzeitig jammern Fachkräfte würden fehlen, diese dann importieren, und dann wieder jammern wegen den ganzen Ausländern. Genau mein Humor...
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Patho
03.04.2023 21:11registriert März 2017
Es ist auch das erste Jahr seit Corona, in welchem es sich anbietet, nach der Kanti ein Zwischenjahr zu machen, also etwas zu arbeiten und zu reisen. Das deckt sich auch damit, dass es im Ausbildungsjahr 20/21 einen Sprung zu mehr neuen Studierenden gab...
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