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Brief des Sörenberger Auswanderers Anton Unternährer an seine Geschwister, 1847. 
bild: staatsarchiv luzern, pa 183,2 

«22ter Tag. Nochmal eine Leiche: ein Knäblein ...» – Was ein Schweizer Wirtschaftsflüchtling 1847 von seiner Überfahrt nach Amerika berichtet

Am 27. Juli 1847 schreibt Anton Unternährer aus Chicago seinen Geschwistern. Er erzählt ihnen von den 54 Tagen beschwerlicher Reise auf See, von Gabeln, die in der falschen Hand gehalten werden – und von der Geduld, die man haben muss, bis die Fremde sich endlich heimatlich anfühlt.



Anton Unternährer, ein ehemaliger Lehrer aus dem luzernischen Sörenberg, verlässt die innerschweizerischen Voralpen im Mai 1847. Ein paar Monate vor dem Ausbruch des Sonderbundkrieges packt er seine Brocken zusammen und steigt in der französischen Hafenstadt Le Havre an Bord der «Boston», das Schiff, das ihn über den Atlantik in die Neue Welt bringt. 

Er beschreibt seine strapaziöse Überfahrt, die Anlaufschwierigkeiten eines Sprachunkundigen. Alles ist eingehüllt in eine fast kindliche Neugierde auf die Fremde, auf deren Boden Anton Unternährer erst laufen lernen muss: 

«Endlich bin ich im Falle, nach einer lange andauernden, mit vielen Beschwerden verbundenen Reise Euch zu sagen, dass wir sämtlich glücklich und gesunden 9ten Heumonat Morgens frühe in Chicago bei Herrn Marbacher angekommen sind, wo wir sehr gut aufgenommen und freundschaftlich behandelt wurden. Und so sind wir nun in der neuen Welt! Fern von Euch und Ihr von uns, und doch in Gedanken alle Tage beisammen.»

Anton Unternährer, 1847
staatsarchiv luzern, pa 183/2

Die beschwerliche Überfahrt: Le Havre – New York – Buffalo – Chicago 

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Ca. 1840: Daheimgebliebene winken am Hafen von Le Havre ihren Freunden und Verwandten zu, die sich per Schiff in die Neue Welt aufmachen. 
bild: road13

Anton Unternährers Brief

Die Transkription von Anton Unternährers Brief stammt von Stefan Jäggi. Sie wurde hier nicht detailgetreu übernommen, um die zitierten Auszüge lesbarer zu machen. ​Der Inhalt wurde dadurch aber in keiner Weise verändert. Das Original liegt im Staatsarchiv Luzern und ist unter der Signatur PA 183/2 zu finden. 

«1ter Tag. Etwas über 200 Personen waren auf dem Schiffe, die fast alle bei der ersten schaukelnden Bewegung die Seekrankheit kriegten. Kaum eine halbe Stunde nach der Abfahrt musste sich schon mehr als die Hälfte erbrechen.»

Der Anfang von Anton Unternährers Brief.
bild: staatsarchiv luzern, pa 183,2 

«3ter Tag. Sehr stürmisch, mit Gegenwind. Wir wurden in der Nacht bereits um so viel zurückgeworfen, als wir den Tag vorher gefahren waren. Höchster Grad der Seekrankheit. Kaum 10 Personen waren auf den Füssen, Alles lag im Bette.»

«13ter Tag. Diesen Morgen um 7 Uhr starb dem Johann Theiler von Hasle sein jüngstes Kind, ein Mädchen von bald 4 Jahren, welches seit einigen Tagen kränkelte. Abends ward der Leichnam in einem mit Steinen beschwerten Sarge den Wellen übergeben. Die Fahrt dieses Tages war meistens gut.»

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Deutsche Emigranten betreten ein Dampfschiff in Hamburg mit Kurs auf New York, ca. 1850. 
bild: wikimedia

«20ter Tag. Gutes Wetter. Einige Zeit keinen, später nur schwachen Wind. Mehrere Wallfische, so gross, wie ordinäre Saghölzer zeigten sich in der Nähe unseres Schiffes. Der An-blick war belustigend, denn noch lange sahen wir in weiter Ferne den Wasserstaub, den diese ungeheuren Fische durch eine Öffnung oben auf dem Kopfe ausspritzen. Abends spät ward das gestern verstorbene Knäblein ins Meer versenkt.»

«22ter Tag. Ein höchst langweiliger Tag. Nochmal eine Leiche: ein Knäblein, das aber eine affenähnliche Missgeburt war und schon lange kränkelte.»

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Ein Migranten-Schiff gemalt von Jack Spurling (1871-1933).
bild: wikimedia

«34ter Tag. Schönes Wetter, schwacher Wind, die Leute voll Sehnsucht nach dem neuen Lande und doch sieht man noch nichts als Wasser und Himmel.»

The Bay and Harbor of New York” by Samuel Waugh (1814-1885), depicting the castle in 1848

«Die Bucht und der Hafen von New York» von Samuel Waugh, 1848.
bild: wikimedia

Am Mittag des 36. Tages ertönt endlich der freudige Ausruf: «Land, Land!» Die Augen der 200 Menschen auf der «Boston» leuchten vor Freude und das Schiff fährt bereits am Abend in den Hafen von New York ein. Die Anker werden geworfen, die Passagiere müssen sich noch einen Tag gedulden bevor ihre Füsse endlich das neue Land unter sich spüren. Anton Unternährers Reise ist aber noch nicht zu Ende. Von New York reist er neun Tage mit einem Kanal-Boot bis Buffalo, danach mit einem Dampfer weitere fünf Tage auf dem Erie-, Huron- und Michigan-See bis Chicago. 

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Unternährers Reise von Buffalo nach Chicago (blaue Route) dauerte nochmals fünf Tage.
bild: wikimedia, bearbeitung watson

Der Stolz eines Mannes, der trotz des Gerumpels auf hoher See nicht kotzt 

«Hinsichtlich der Krankheit auf der See bemerke ich Euch, dass Anna Schnider am härtesten hergenommen wurde. Bei einigen wars in wenigen Tagen wieder gut. Bei Mehrern wiederholte sich die Krankheit, sobald es etwas stürmisch wurde. Gar nie mussten sich erbrechen: Gregor Schmid von Menznau, Alt-Lehrer Portmann und meine Wenigkeit.»

Wie die «Spitzbuben» die Auswanderer strupfen 

«Dies in der Kürze über unsere Reise bis hieher, dem ich nur noch beizufügen habe, dass es uns tüchtig Geld kostete.»

Unternährer zahlt für sich und seine drei Mitreisenden (wahrscheinlich seine Frau und zwei Kinder) 1000 Franken. Die Summe sei so hoch, weil man die Einwanderer strupfe, schreibt der Schweizer: Übergewicht beim Gepäck müsse zusätzlich bezahlt werden. Man werde aber auch anderswo betrogen.

«Ich werde einige Winke und Ratschläge zu Gunsten der Auswanderungslustigen in einem öffentlichen Blatt bekannt machen lassen, damit den Spitzbuben der Weg ein bisschen steiler gemacht wird.»

Vorläufig hat Unternährer zwei Tipps für seine Landesgenossen, die ihr Glück ebenfalls in Amerika versuchen wollen: 

«Der werdende Amerikaner»

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Die Anhebung der Strassenzeile an der Lake Street, Chicago, 1857. Strassen und Gebäude wurden angehoben oder verschoben, weil die Stadt über kein natürliches Abflusssystem verfügte – was den Ausbruch von Typhus- und Cholera-Epidemien förderte. 
bild: wikimedia

Der ehemalige Lehrer Anton Unternährer hat zwar noch keine Arbeit, das dürfe man aber so kurz nach der Ankunft auch gar nicht erwarten. Es heisse allerdings, auf dem Land gebe es viele Beschäftigungsmöglichkeiten und der Lohn sei hoch. Nur seien den Ankömmlingen die hiesigen Werkzeuge noch nicht vertraut. 

«Auch hier sind die Steinen hart und die Sonne scheint wärmer, als in der Heimat, was für den Anfänger ein bisschen unbehaglich ist. Das Sprichwort: ‹Aller Anfang ist schwer›, findet gewiss nirgends eher seine Anwendung, als beim werdenden Amerikaner.»

Die dritte Seite von Unternährers Brief.
bild: staatsarchiv luzern, pa 183,2 

«Sitten, Gebräuche, Sprache, Klima, Lebensmittel, alles verschieden mit dem unseres Landes. Schon mehr als 50 angesessene Deutsche sagten mir, dass die meisten neuen Ankömmlinge dem amerikanischen Boden und ihrem Geschicke fluchen, aber sobald einer 2-3 Jahre im Lande sei, würde er nicht mehr mit seiner Heimat tauschen. Überhaupt ist es für jeden Deutschen und Schweizer, der erst ins Land kommt und der Sprache nicht mächtig ist, eine schwere Aufgabe.»

«Alles kommt nur nach und nach: Rom ward auch nicht in einem Tage erbaut, und so denke ich, dass wir jedenfalls noch einige Dornen zu beseitigen haben, ehe uns in Amerikas Garten die Rosen blühen.»

Die Eigentümlichkeiten der Amerikaner 

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In den 1830ern erfand der Quäker Obed Hussey den Mäher und liess diesen vor seinem Konkurrenten Cyrus McCormick patentieren. Am Ende aber verlor er den Kampf und verkaufte 1858 seine Rechte an Cormick.
bild: wikimedia

Unternährer weiss kaum mehr, wo er seinen Nachtrag unterbringen soll. Unter dem Titel «Allerlei» fasst er ihn zusammen und quetscht ihn auf den linken Rand des Couverts. Dort, in dieser kleinen Ecke, wird seine Schrift noch kleiner. Und dort schreibt er voller Bewunderung über die überlegenen Landwirtschaftsmaschinen der Amerikaner, die das Getreide auf dem Feld abschneiden, «es gleichzeitig ausdreschen und säubern, so dass sie Abends mit dem Wagen nur auf dem Acker herum zu fahren brauchen und dann die gefüllten Säcke aufladen können.» 

«Sonderbar und unglaublich, und doch wahr.»

Auch die Essgewohnheiten seiner neuen Landesgenossen scheinen den Schweizer zu entzücken: 

«Jeder, oder doch die meisten Amerikaner haben beim Speisen die Gabel in der linken Hand. Alle Gerichte werden gleichzeitig aufgetragen und jeder greift an das, was ihm schmeckt. Suppe kommt keine auf den Tisch. Da ist nur Kaffe, Thee oder frisches Wasser.»

Tausend Grüsse übers Meer

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Postkarte von Chicago, 1857.
bild: greatchicagofire 

Tausend Grüsse sendet Anton Unternährer nach Hause, bevor er seinen Brief beendet. Er wolle wissen, wie die Preise der Lebensmittel stehen, über Sterbefälle und Politik wolle man ihn doch bitte bei erster Gelegenheit informieren. 

Gebe Gott, dass diese Zeilen glücklich über das Meer kommen und Euch recht gesund antreffen. Grüsset mir tausend Mal alle meine Freunde von nah und fern. Lebet so wohl und glücklich, wie es wünscht
Euer Bruder Anton Unternährer
Alt Schullehrer

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Unternährers Adresse in Amerika: Anton Unternährer, care of Joseph Marbacher, in Chicago Illinois, United States of Amerika, par Havre et New York. 
bild: staatsarchiv luzern, pa 183,2

Europäische Immigranten auf Ellis Island:

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