Schweiz
Wissen

Klimastreik: Wie die Klimajugend in 3 Wochen das Klimablatt erschuf

Klimastreiker verteilen das Klimablatt am Montag in Bern.
Klimastreiker verteilen das Klimablatt am Montag in Bern. bild: Zvg

Kein Geld, kein Plan: Wie die Klimastreiker in 3 Wochen eine Millionen-Zeitung erschufen

Von wegen faule Jugend: Ein zusammengewürfelter Haufen Klimastreiker hat innert kürzester Zeit das Klimablatt mit einer Millionen-Auflage aus dem Boden gestampft. Bei der Produktion der Zeitung flogen die Fetzen.
25.09.2019, 17:2626.09.2019, 10:22
Mehr «Schweiz»

Ein eigentlich längst versandetes Projekt der Klimastreik-Bewegung mausert sich zum Überraschungscoup des Wahlkampfs 2019. Seit Montag flattern über 1 Million Exemplare des Klimablatts in die Schweizer Haushalte. Und das soll erst der Anfang sein. Das Ziel der Klimajugend: Sie wollen das Klima bei den Wahlen zum Entscheidungsfaktor Nummer 1 machen.

Kein Geld, kein Plan, keine Redaktion: Noch Mitte August sah es zappendüster aus für die Klimazeitung. Die Idee dazu hatten ursprünglich drei Personen an einem nationalen Treffen der Klimastreik-Bewegung im Juni – und diese rasch wieder begraben. «Das schaffen wir nie», hiess es.

Dann erinnerte sich ein 19-jähriger Klimastreiker wieder an das Projekt, holte bei Druckereien Offerten ein und schrieb die Idee in einen Massen-Chat der Klimajugend. Unzählige Telegram-Messages später trafen sich Ende August eine Handvoll Aktivisten. Und skizzierten auf Post-It-Klebern ihren Schlachtplan.

Bild

Wie treibt man das Geld für das Klimablatt auf? Wie macht man eigentlich eine Zeitung? Wie läuft das mit dem Versand? Und wie gelingt es, die Leser für das Anliegen zu gewinnen und für die Klima-Thematik zu sensibiliseren?

«Wir haben einen Marathon im Sprint-Tempo absolviert. Es war ein extremer Stress»
Philippe Kramer, Mitinitiant

Mit diesen Fragen beschäftigten sich die 18 Klimastreikenden nach der ersten Sitzung fast Tag und Nacht. «Wir haben einen Marathon im Sprint-Tempo absolviert. Es war ein extremer Stress. Das Projekt stand mehrmals am Abgrund», so Mitinitiant Philippe Kramer zu watson.

Auf Post-it-Klebern machten die Klimastreiker die Planung des Blattes.
Auf Post-it-Klebern machten die Klimastreiker die Planung des Blattes. bild: zvg

Denn von den Klimastreikenden hatte fast niemand redaktionelle Erfahrung. «Wir sind ein völlig zufällig zusammengewürfeltes Team», sagt der 19-jährige Basler mit heiserer Stimme.

Mit dem Geld kommt der Druck

Richtig konkret wurde das Projekt nach dem Start des Crowdfundings. Dieses ging durch die Decke, innert wenigen Tagen kamen 150'000 Franken zusammen. «Und dies obschon niemand wirklich wusste, wofür sie Geld spenden», so Kramer.

Mit dem Geld kam der Druck und die Verantwortung hinzu. Denn das Blatt spricht gegen aussen für die ganze Klimastreik-Bewegung. «Es ist ein One-Shot-Projekt.» Man habe nur eine Chance, die Bürgerinnen und Bürger mit der Zeitung zu überzeugen, so Kramer. Wie schwierig dies sei, zeige die missglückte weltweite Klima-Kommunikation der letzten 30 Jahre.

Zoff in der Redaktion

Mit dem erfolgreichen Crowdfunding begann die inhaltliche Diskussion der Klimazeitung. Diese sorgte für viele Reibereien innerhalb des Teams. Reisserisch oder wissenschaftlich? Bilderreich oder nüchtern? Alleine die Titelseite wurde dreimal verworfen und neu gestaltet. «Es war eine Zerreissprobe für alle». Einige der Teammitglieder standen zeitweise kurz vor dem Kollaps. «Ich konnte kaum mehr abschalten. Pausenlos prasselten Messages auf mich ein», so Kramer. Es sei für alle eine riesen Herausforderung gewesen, dem psychischen und körperlichen Stress standzuhalten.

Der Traum wird real: Das Klimablatt rollt von der Druckerpresse.
Der Traum wird real: Das Klimablatt rollt von der Druckerpresse. bild zvg

Zweite Auflage geplant

Irgendwie klappte es dann doch. Einige der Klimastreiker besuchten die Druckerei, als die 1'067'000 Klimablätter gedruckt wurden. «Als die Zeitungen von der Druckerpresse liefen, war der Traum plötzlich real. Wir konnten es kaum glauben», so Kramer.

Bis Dienstag flattern die Zeitungen in die Haushalte. Die Klimastreiker hoffen, dass nun noch mehr Spenden eingehen und sie noch vor den Wahlen eine 2. Auflage verschicken können. Und zwar an alle Haushalte der Schweiz.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Faktencheck: Die 9 beliebtesten Aussagen der Klimaskeptiker
1 / 12
Faktencheck: Die 9 beliebtesten Aussagen der Klimaskeptiker
Wir unterziehen 9 beliebte Aussagen von Klimaskeptikern dem Faktencheck. Ausführlichere Antworten und Quellen findest du hier.
quelle: epa / christos bletsos
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Die Schweiz ist um einen Gletscher ärmer
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
41 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ueli_DeSchwert
25.09.2019 18:56registriert September 2018
Ich finde super, dass in allen Artikeln Quellen mit Nummern referenziert sind, und man alle Behauptungen selbst nachprüfen kann.
Diese Zeitung ist transparenter als alle grossen Medienhäuser!
Chapeau.
41931
Melden
Zum Kommentar
avatar
fools garden
25.09.2019 19:22registriert April 2019
Ich bin angenehm überrascht ab all dieser Dynamik!
26626
Melden
Zum Kommentar
avatar
Coffeetime ☕
25.09.2019 21:50registriert Dezember 2018
Das nennt man learning on the job 🤷🏻‍♀️ just do it 👍🏻 chapeau für die Leistung!
18420
Melden
Zum Kommentar
41
Die Erfindung von Interlaken
Der Ort im Berner Oberland hiess Aarmühle. Aber dieser Name hatte keine Ausstrahlung, schon gar nicht auf potentielle Gäste aus aller Welt. Deshalb gab sich Aarmühle 1891 den neuen Namen Interlaken – und wurde damit zur international attraktiven Reisedestination.

Das Gebiet zwischen Thuner- und Brienzersee war seit jeher ein begehrter Siedlungsort, und man würde eine lange Geschichte von 1000 Jahren und mehr erwarten. Doch der offizielle Name der Gemeinde Interlaken ist gerade mal 133 Jahre alt. Wie kam es denn dazu?

Zur Story