70 Tote zu viel, und alle sehen weg: Wie das Zürcher Unispital versagte
70 Patientinnen und Patienten, deren Tod vermeidbar gewesen wäre. Massive medizinische und menschliche Fehler in der Herzchirurgie. Und ein Spital, in dem alle wegsehen. Zwei Jahre lang hat eine unabhängige Kommission unter dem früheren Bundesrichter Niklaus Oberholzer nun untersucht, was rund um den illustren Herzchirurgen Francesco Maisano von 2016 bis 2020 geschah. Der Bericht zeichnet das Bild einer Klinik, welche Renommee und technische Innovation über alles stellt. Auch über Patientenleben.
«Experimente» an Patienten ohne Zweitmeinung und Information
Maisano habe an Patientinnen und Patienten Geräte «getestet», insbesondere solche, die er selbst mitentwickelte. Die langfristige Wirksamkeit dieser oft erst kürzlich zugelassenen Geräte sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht erforscht gewesen, sagt Herzchirurg René Prêtre, der Teil der Kommission war. Ihre Verwendung wäre zwar erlaubt, aber nur, wenn die Patienten entsprechend aufgeklärt, Zweitmeinungen eingeholt und eine kritische schriftliche Prüfung der Ergebnisse vorgenommen würden. Nur: «Das ist nicht passiert.»
Stattdessen habe Maisano wiederholt das Risiko herkömmlicher Operationen überbetont, wenig bis gar nicht über die Gefahren seiner Geräte informiert, und noch weniger transparent gemacht, dass er an jedem verwendeten Gerät dazuverdiente. Er habe die Geräte auch an verhältnismässig junge Patienten empfohlen, für die herkömmliche und bewährte Operationen ohne grosse Risiken gewesen wären. Und das, obwohl sich die Geräte im Nachhinein als weniger zuverlässig und effektiv herausstellten. Das berüchtigte «Cardioband», welches Maisano mitentwickelt und angepriesen hatte, ist seit 2024 in Europa gar nicht mehr zugelassen.
Davon abgesehen habe es Maisano an Führungskompetenzen gemangelt. Er sei selbst häufig abwesend gewesen und habe kein kompetentes und vollständiges Team aufbauen können. Grundlegende Abläufe wie die Patientenbetreuung und -vorbereitung hätten immer wieder neu diskutiert werden müssen.
Über 70 Tote zu viel – das Spital sieht weg
Das Resultat: An der Herzchirurgie im USZ sind unter Maisano deutlich mehr Menschen gestorben als in anderen Spitälern. 75 Todesfälle ordnet die Kommission als unerwartet ein. Das sind zwar weniger als die 150 bis 200 Todesfälle, von welchen in früheren Medienberichten die Rede war. Doch: «Jeder vierte Todesfall hätte vermieden werden können, wenn die Patienten anderswo operiert worden wären», sagt Prêtre. In anderen Schweizer Spitälern, in Zürich vor oder nach Maisano, in Europa oder selbst in den USA wäre die Mortalität tiefer gewesen als in dieser Zeit am USZ.
Die Spitalleitung wiederum habe diese höheren Sterberaten geradezu in Kauf genommen, schliesst die Kommission. Die Interessenkonflikte des Chirurgen als Klinikleiter und privater Medizinunternehmer seien zwar offengelegt, darüber hinaus aber nie thematisiert worden – trotz «ungewöhnlich hoher Nebeneinkünfte».
Auf allen Ebenen hätten die Verantwortlichen passiv bis gar nicht auf die Vorwürfe gegenüber Maisano reagiert. Obwohl schon seit 2017 Auffälligkeiten gemeldet wurden, bestand die Spitaldirektion noch 2020 darauf, dass die Sicherheit der Behandelten in keiner Weise gefährdet sei.
2019 hätte Maisano von seinem Stellvertreter abgelöst werden sollen. Selbst dieser Prozess sei nur schleppend vorangetrieben worden, bis er ganz scheiterte. Dafür habe es «abgesehen vom Widerstand des Betroffenen» keinen ersichtlichen Grund gegeben, sagt der langjährige Spitalmanager Oliver Peters, ebenfalls Autor des Berichts. Auch sein Fazit ist deutlich: Hätte es am Unispital mehr Transparenz, klare Verantwortungen und tatsächliche Aufsicht gegeben, wäre vieles unter Maisano so gar nicht erst möglich gewesen.
Drei Mitglieder des Spitalrats treten zurück
Gleichzeitig wollen die Autoren die Zustände von damals von der heutigen Herzchirurgie am USZ abgrenzen. Die Spitalleitung habe nach der Freistellung von Maisano viele Empfehlungen umgesetzt und befinde sich in einer völligen Transformation. «Mit der heutigen Situation hat unser Bericht nichts zu tun», sagt Oberholzer.
Das Team, seit 2022 unter der Führung von Omer Dzemali, entspreche heute sowohl aus medizinischer wie auch aus organisatorischer Sicht «den hohen Erwartungen an ein international renommiertes Herzzentrum». Auch die Mortalität liege mittlerweile wieder leicht unter den Schweizer Durchschnittswerten. In der Spitalleitung kam es bereits zu mehreren Wechseln. Die drei verbleibenden Mitglieder des damaligen Spitalrats legen ihr Mandat ab, um einen «personellen Schnitt» zu ermöglichen.
Der Bericht wird vollständig veröffentlicht und auch der Zürcher Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt. Drei Fälle – zwei Todesfälle und ein offenbar falsch eingesetztes medizinisches Gerät – hat das USZ selbst zur Anzeige gebracht.
Am USZ selbst will man nach vorne blicken. Am Dienstag ist die Rede von von partizipativen Prozessen, von neuen Codes of Conduct und von Interessenbindungen, die neu jährlich bewilligt werden müssen. Von einem Kulturwandel, der bereits in Gang sei und nun noch stärker verfolgt werde. Damit sich so etwas nicht wiederholen könne. (aargauerzeitung.ch)

