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Was hier leider nicht zu sehen ist: Roeland Wiesnekkers Augen sind sehr blau.
Bild: Boris Breuer

Roeland Wiesnekker ist DER MANN: Filmstar, Koch für Drogensüchtige, Münzfälscher, Melancholiker

Er ist der Schweizer Schauspieler ohne Schweizer Pass. Er war mal Rudolf-Steiner-Schüler. Und einmal war er sogar wichtiger als Heidi Klum. Das alles erzählt er uns jetzt an den Solothurner Filmtagen.



RW also. Der Mann mit den gleichen Initialen wie Robin und Robbie Williams. Wie der Schauspieler und der Sänger. Wie der Melancholiker und der Melancholiker. Unser RW. Roeland Wiesnekker. Sohn holländischer Eltern, in Uster geboren, ein richtiger Secondo, im Zürcher Kreis 3 zuhause, darüber hinaus im Kino und im  Fernsehen. In der Schweiz und noch viel öfter in Deutschland. Er gilt überall als «der Schweizer Schauspieler», dabei ist er immer noch Holländer, besitzt keinen Schweizer Pass, darf nicht wählen. «Aber das wissen die wenigsten.»

Roeland, bist du auch ein Melancholiker? «Ja. Ja.» Er sagt das, als würde er sich sehr wohl fühlen damit. Tut er auch. «Früher habe ich mehr darunter gelitten, da rutschte ich oft ab.» Zum Beispiel in Bochum, wo er 1989 mit 21 hinbefördert wurde, noch aus der Zürcher Schauspielschule raus. Dabei hatte er vor, gemütlich die Schule abzuschliessen und dann erst einmal Gitarre zu spielen.

Seine Rollen: depressiv, arbeitslos, betrogen, verlassen, alkoholkrank, drogensüchtig. Gut, nicht nur.

Bochum war hässlich und grässlich. Als Stadt, als Lebensgefühl. «Es war dort Mode, dass man depressiv ist als Schauspieler, jedenfalls kam es mir so vor. Man traf sich auch immer in der gleichen idiotischen Kneipe, im Intershop, wo alle Schauspieler traurig über ihrem Bier sassen. Ich nahm das damals alles persönlich, ich wurde dann automatisch auch depressiv.» Man muss sich das vorstellen wie in einem Roman von Sven Regener. Bloss ohne lustig. 

Wiesnekker «Strähl»

Legenden der Langstrasse: Mit einem ziemlich schlanken Mike Müller in «Strähl».
Bild: Dschoint Ventschr

Angefangen hatte Roeland Wiesnekker seine Karriere als professioneller Versteller schon als Kind. Als Münzfälscher. «Ich war nicht der Urheber, das war ein anderer», sagt er, aber gemeinsam gossen die beiden Münzen, mit denen sie Selecta-Automaten knackten. Die Schauspielerei war immer ein Traum, «nicht etwas, das machbar ist», zuerst in der Rudolf-Steiner-Schule, dann im Rudolf-Steiner-Internat. Und weil er den Traum erst nicht zu leben wagte, probierte er anderes aus, versuchte sich als Kochlehrling, als Krankenpfleger.

Mit 16 arbeitete er in einer Gassenküche bei der Kornhausbrücke, seine Kundschaft waren die Drogensüchtigen vom Letten und vom Platzspitz: «Es war ein Pilotprojekt, die Süchtigen hatten zwei Stunden Zeit für eine warme Mahlzeit ohne Beschaffungsstress.» Seine Gassenküchenchefin war eine 60-jährige Physikerin und Künstlerin und sie überzeugte ihn schliesslich, dass er es mit der Schauspielerei versuchen sollte.

148 Folgen «Lüthi und Blanc». 148 Mal «Du Maja?» – «Ja Steve?» – «Ich bring no schnäll s'Sinalco abe.»

2003 brachte er es zu schweizweiter Berühmtheit. Als Steve Meier in der Schoggi-Soap «Lüthi und Blanc». 148 Folgen lang hatte er Probleme mit seiner Ex- und Wieder-Ehefrau Maja, wohnte über der Calvados-Bar im Kreis 3 und förderte einen fussballbegabten Buben namens Zizou (Joel Basman in seiner ersten Rolle). «Lüthi und Blanc» war nicht seine grösste Liebe: «Es war das erste Mal, dass ich ein regelmässiges Einkommen hatte, das war sehr entlastend. Aber diese Sätze! ‹Du Maja› – ‹Ja, Steve?› – ‹Ich bring no schnäll s’ Sinalco abe.› ... Ich war nicht wahnsinnig gefordert.»

Bild

Verzweifelte Männer: Mit Joel Basman in «Lüthi und Blanc».
bild: srf

Aber wahnsinnig berühmt. Ob auf der Strasse, in der Bar oder im Coop, immer war da dieses Erkennen: «Die Schweizer sind eigentlich zurückhaltend, aber sie können gut gaffen, das nimmt man dann ja trotzdem wahr.» Er gewöhnte sich Scheuklappen an, obwohl er eigentlich gerne Leute anschaute. Er nervte sich über sich selbst. Heute ist es besser geworden, nur Homestories lehnt er immer noch ab: «Ich für mich find das gaga, ich verstehs nicht. Ich lade gern Leute zu mir ein, aber nicht die ganze Welt.»

In seinen Rollen war Roeland Wiesnekker schon oft: depressiv, arbeitslos, betrogen, verlassen, alkoholkrank, drogensüchtig. Einer, der von innen heraus aufgefressen wird vom bösen Leben. Der Grossmeister des Kaputten. Oder, um es auf die knappste aller Formeln zu bringen: sehr sexy. In «Strähl» (2004) war er der medikamentensüchtige Drogenfahnder der Zürcher Langstrasse, und die Schweiz legte sich hin.

Wie Joel Basman und Mike Müller ist auch Roeland Wiesnekker lieber in der Roten Fabrik als auf einem roten Teppich.

«Seitdem schreitet er versoffen und kaputt durch die Fernsehlandschaft», schrieb die «taz» noch 2014 begeistert. Die «Gala» nannte ihn «Den Problembär vom Dienst». Das stimmte so eindimensional allerdings schon lange nicht mehr, auch wenn seine Rollen als Mörder im «Tatort» und im «Spreewaldkrimi» und als versoffener Ermittler in den Mehrteilern «Blackout» und «Dr. Psycho» noch sehr nah waren.

Roeland Wiesnekker

Posen im Parkhaus (sieht jedenfalls so aus).
Bild: Boris Breuer

«Ich hab schon so viele Dinge abgelehnt, das darf ich gar nicht sagen. Immer in der Hoffnung, dass die Caster merken: Hallo, ich will auch mal was Anderes, gebt mir doch mal ne Komödie! Natürlich sind gebrochene Figuren per se spannend, aber wenn dann das Drehbuch nicht wirklich gut, sondern bloss halbgut ist, dann bringt es nichts.» Nein.

Dann bringt ein Film wie das herb heitere TV-Beziehungsdrama «Sag mir nichts», das jetzt an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde, viel mehr: Eine Frau (Ursina Lardi) mit glücklicher Ehe geht fremd. Die Ehe (mit Wiesnekker) bleibt trotz der Affäre noch eine ganze Weile glücklich, die Oberflächenpolitur hält. Dann nicht mehr. Am Ende fallen Schnee und Tränen. Aber beide nur ein bisschen.

Ist Heidi Klum die Bitch, für die man sie hält? «Eine absolute Bitch.»

Wie Joel Basman und Mike Müller ist auch Roeland Wiesnekker lieber in der Roten Fabrik als auf einem roten Teppich. Dummerweise ist er aber andauernd für grosse Preise nominiert. Dummerweise war er auch mal Hauptdarsteller eines Schweizer Oscar-Beitrags, des Kurzfilms «Auf der Strecke» von Reto Caffi.

Wiesnekker Ferres «Tsunami – Das Leben danach»

Gleich ist fertig mit Glück: Mit Veronica Ferres in «Tsunami – Das Leben danach».
Bild: ZDF

Und da war er dann. Im Kodak Theatre in L.A. «Ich fand’s lustig. Es war bescheuert, völlig gaga, aber ich möchte es nicht missen. Die Leute, die Fans, die jubeln, Heidi Klum, die ums Verrecken durch den Eingang für die Nominierten rein wollte und nicht durch den normalen Eingang. Sie musste dann nochmals zurück.» Ist sie die Bitch, für die man sie hält? «Eine absolute Bitch.»

Und jetzt? Vor Kurzem hat er eine feste Rolle im Frankfurter «Tatort»-Team gekündigt, auch wenn ihm das «sehr, sehr schwer» fiel. Aber er fühlt sich noch zu jung für eine Bürorolle als Kommissariatsleiter. Dann schon lieber Kommissar. Hallo, SRF, schon mal daran gedacht? Er würde gerne mit dem Rucksack durch den Norden von Thailand trampen. Zweimal hat er schon in Thailand gedreht: «Der eine Film war furchtbar, der andere auch.»

Aber die Homebase ist Zürich. Da sind sein Sohn, sein Herz, sein Quartier. Wo er, der Kreis-3-Secondo zum Kreis-3-Schweizer Steve wurde. Und zum Kreis-4-und-5-Bullen Strähl. Und von wo er immer wieder auszieht, um Helden zu spielen. Gebrochene und gesunde, verstrahlte, verliebte, verlorene. Es hat alles seine Richtigkeit.

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