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Crazy führt am Open Air Frauenfeld die sogenannte Windmühle vor. bild: jd pictures

Breaking wird erster olympischer Tanzsport – warum in der Szene nicht nur Freude herrscht

An den Olympischen Spielen 2024 in Paris kommt mit Breaking der erste Tanzsport überhaupt ins Programm. Schweizer Breaker sehen darin nicht nur Chancen, die Kultur könnte verdrängt werden.

david umiker / ch media



«Es ist kompliziert. Ein zweischneidiges Schwert», sagt einer, der sich bestens mit der Szene auskennt. Der Luzerner B-Boy Crazy alias Walter Petrongolo. Der 55-Jährige ist seit 1983 ein Hip-Hop-Aktivist. Er hatte seine eigene Break-Crew, siegte an internationalen Battles in New York und war schon an den weltweit grössten Wettbewerben als Juror tätig.

Dass eine akrobatische, sportliche Aktivität wie Breaking erst im Jahr 2024 olympisch werde, habe seine Gründe. «Viele in der Szene sind Puristen. Sie wollen, dass die Kultur bleibt, wo sie entstanden ist. Auf der Strasse sowie in den Clubs.» Nicht im Scheinwerferlicht grosser Bühnen und des Geldes.

Als in den 1970er-Jahren in den Strassen des New Yorker Stadtbezirks Bronx die Hip-Hop-Kultur aufblühte, entstand damit die Tanzkunst Breaking. Auch B-Boying oder B-Girling genannt. Mädchen und Jungs, Frauen und Männer begannen zu der vom DJ gemixten Funkmusik wie Songs von James Brown zu tanzen. Die Breaks, sprich die meist auf purer Rhythmik aufbauenden Intervalle zwischen Strophe und Refrain, hatten es den Tänzern angetan. Demzufolge nannten es die Medien später Breakdance.

Als Kunst bekannt geworden, nicht als Sport

Breaking zeichnet sich durchs Tanzen im Stehen (Top Rocks), seine intensive Fussarbeit, die am Boden getanzt wird (Footwork), seine Figuren, bei denen man nach dynamischen Bewegungsabläufen verharrt (Freezes) und nicht zuletzt durch seine akrobatischen Elemente (Powermoves) wie etwa Pirouetten auf dem Kopf aus. Anfang der 80er-Jahre erlangte dieser Tanzstil dank medialen Auftritten der Gruppe Rock Steady Crew und des Films Flashdance weltweite Bekanntheit. Allerdings nicht als Tanzsport, sondern viel mehr als Tanzkunst. Als Lifestyle und neue Kultur.

Nun soll diese Kultur in vier Jahren in Paris zum ersten Tanzsport an Olympischen Spielen werden. Mehr Junge wolle man damit ansprechen, verkündete das Internationale Olympische Komitee (IOC) Anfang Dezember. Die ganze Welt wird die Augen auf den Sport richten. Crazy glaubt, dass man auf Spektakel setzen wird und Powermoves höher gewichtet werden als beispielsweise Top Rocks oder Footwork. Das gehöre aber genauso zum Breaking wie die akrobatischen Tricks, die einen Laien vielleicht mehr ansprechen.

Er selbst habe an den Wettkämpfen immer versucht, seine Kunst als Ganzes zu zelebrieren. Also Tanzen bespickt mit akrobatischen Elementen. Viele hätten in den vergangenen Jahren ihre Meinung aber geändert und sehen in Olympia eine Chance fürs Breaking.

Das Hoffen auf mehr Sympathien für seine Kunst

Ein jüngerer Schweizer B-Boy ist der Berner Moa Bomolo. Der 24-jährige Hochbauzeichner ist seit über zehn Jahren im Breaking und gehört zu den besten schweizweit.

2015 und 2019 gewann Moa die Red Bull BC One Veranstaltung in der Schweiz. Dieser Wettbewerb findet weltweit statt und ist der grösste Einzelwettkampf:

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B-Boy Shaymin vs. B-Boy Moa. Video: YouTube/Red Bull BC One

Mit dem neuen olympischen Wettkampf kommen für Moa schlicht neue Aspekte hinzu. «Finanziell sowie im Sponsoring Bereich wird es andere Möglichkeiten geben und vielleicht weckt Breaking dank Olympia mehr Sympathien bei Leuten, die nur anderes damit verbinden.» Gemeint sind etwa Drogen oder Kriminalität.

Die Gründe für diese Vorurteile beruhen darauf, dass Breaking auf der Strasse geboren und zu Beginn häufig nur von Leuten aus den unteren Schichten der Gesellschaft praktiziert wurde. «Meine Kunst könnte nun in ein anderes Licht rücken. Denn dahinter steckt sehr viel Arbeit und Disziplin.»

Wie ein Kampf in einem Boxring

Die B-Boys und B-Girls treten in Battles im eins-gegen-eins an – wie in einem Boxring. Gekämpft wird aber nicht mit den Fäusten, sondern mit rhythmischen Tanzschritten, Pirouetten auf dem Kopf und anderen akrobatischen Elementen. Die Breaker haben abwechselnd während drei Runden Zeit, die Jury von sich zu überzeugen.

Diese besteht meist aus drei Personen. Sie geben keine Noten, sondern bestimmen einzeln den Sieger anhand verschiedener Kriterien. Wer von der Jury mehr Stimmen bekommt, ist eine Runde weiter. Der Welttanzsportverband (WDSF) hat im Hinblick auf Olympia ein Bewertungssystem entwickelt, das folgende drei Punkte beinhaltet: Physis, Interpretation und Artistik.

Zur Physis zählt, wie vielseitig, technisch schwierig und sauber der Breaker tanzt. Interpretation heisst, wie gut auf die vom DJ aufgelegte Musik eingegangen wird. Bei der Artistik werden die Originalität und Kreativität des Auftritts und der Person beurteilt. Es geht darum, sich mit neuen Bewegungsabläufen und Tricks von den anderen abzuheben. Jeder Breaker soll seine Persönlichkeit zelebrieren.

Strukturen im Sport entstehen nun erst

Moa hofft und glaubt, dass Olympia die Breaking-Kultur nicht verändern wird. Er freut sich auf den neuen Wettbewerb und sagt: «Es wäre eine grosse Ehre für mich, die Schweiz in Paris zu vertreten.» Wie die Qualifikation ablaufen wird, ist jedoch noch nicht bekannt. Klar ist nur, dass weltweit lediglich je 16 B-Boys und B-Girls teilnehmen können. Doch die ganzen Strukturen wie Verbände, Nationalkader und Landesmeisterschaften sind erst in Entstehung.

Nico übt bereits für Olympia:

Video: watson/linda beciri, nico franzoni

In der Schweiz wurde im vergangenen Jahr der Swiss Breaking Verband gegründet. Jede Nation, die an Olympia teilnehmen möchte, braucht einen Verband, der dem Welttanzsportverband (WDSF) angeschlossen ist. Heisst: Auf der ganzen Welt entstehen nun neue Breakingverbände und Divisionen unter bereits bestehenden Verbänden. Eine Notwendigkeit, die der Olympiazulassung geschuldet ist. Das zeigt, wie liberal die Szene bisher aufgestellt war.

Schweiz plant Rankingsystem

Verbandsmitgründerin Nicole Binggeli aus Zürich war vor zwei Jahren an der Jugendolympiade in Buenos Aires, wo Breaking damals Premiere feierte. «Es war ein Erfolg», sagt sie. Seit 28 Jahren ist sie in der Szene dabei und glaubt auch, dass Sport und Kultur nebeneinander existieren können. Momentan sei nur wenig bekannt, wie die länderspezifischen Vorausscheidungen aussehen werden. «Es dauert ja auch noch vier Jahre.»

In der Schweiz plane der Verband ein Rankingsystem – ähnlich wie im Tennis. Schweizer Breaker sollen über verschiedene Events Punkte sammeln können. Doch auch das ist noch nicht in Stein gemeisselt.

Bis in vier Jahren kann sich noch viel ändern. Wichtig erscheint aber allen in der Szene: Die Kultur muss neben dem Wettkampfsport bestehen bleiben, nicht verkauft werden.

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